Text: Sascha Kösch aus De:Bug 18

1998 Das Jahr, in dem alles anders wurde Sascha Kösch bleed@de-bug.de Warum dieses Jahr? Warum nicht jedes andere? Wurde nicht 1978 auch alles anders? oder 1991? Oder in beliebigen anderen? Hatten wir nicht schon alles an Revolutionen? Der komplette Musikmarkt wurde auf den Kopf gestellt und landete wieder auf den Füßen. Verstaubte Instrumente wurden ein- und wieder ausgepackt, die Revolution ausgerufen und verkauft, Klang bis ins letzte feingerieben und neu destilliert. Die Retrospirale hat sich bald eingeholt. Aus akustisch wurde längst elektronisch, aus analog wurde längst digital und aus der Party längst ein kulturelles, multimediales Phänomen, das Netz schläft mit uns unter einer Bettdecke und überhaupt, die Zukunft hat doch längst begonnen. Also, warum jetzt? 1998 fühlt sich schlicht und einfach anders an. Die seit einem Jahrzehnt befreiten Loops, das Glück der Monotonie und der minimalistischen Schlaufen ist zuendegeträumt, oder aufgewacht, der Loop befreit sich wieder einmal, aber diesmal von sich selbst. Kein Mensch hat mehr Geld, aber alle machen unbekümmert weiter. Niemand weiß, wo es langgehen soll, aber alle experimentieren so sicher und unbeirrbar an neuen Wegen, daß es einen erschrecken könnte, wenn man als Kulturpessimist nun endlich geglaubt hätte, daß Rock oder eine sonstige Nachfolger-Ursuppe der Macht nun doch alles für sich beanspruchen kann und ein Untergrund für die nächsten Jahrzehnte Dialektik fressen soll. Das Gegenteil stimmt. Wird immer richtiger, je unwahrscheinlicher es scheint. Die Feinde sind tot, oder man weiß einfach nicht mehr, was sie tun, und ein ganzes Jahr hat es in dieser Leerstelle des unregierbaren Stillstandes gebraucht, sich von all dem zu erholen und zu einer Normalität zu finden, die soetwas wie ein Anfang sein könnte. Der erste von vielen. Deutschland ist jetzt erst online, digitalisiert, medialisiert, virtuell geworden, hochindividualisiert und entlinearisiert. Und wer weiß, was noch alles kommen wird. Mittendrin Berlin, natürlich mit Werbepartnern. Die Kommune der Non-Linearität Tom und Max von Sun Electric und Thomas Fehlmann sitzen in ihrer Berliner Wohnung in Charlottenburg, einem Stadtteil, der heutigen Ostberlinern so fremd vorkommen kann, wie Wessis der erste Besuch in der offenen DDR, und haben beide grade ihre beiden neuen Platten auf R&S oder Apollo veröffentlicht. Beides klare Zeichen. Thomas Fehlmann mit einer Retrospektive über die letzten Jahre, die soetwas wie ein völlig zwangloser, losgelöster Rückblick auf die eigene Geschichte in elektronischer Musik ist, summiert, was von dem, was war, jetzt endlich so weit entfernt ist, daß es schon wieder hörbar wird. Und Sun Electric mit einer Platte, die radikal mit allem bricht, was sie bislang getan haben. So radikal, daß die Tracks, die schon fertig waren, erstmal alle gelöscht werden mußten, mit einer Geste der Geschichte überall glücklich und erlöst zum Opfer werden und einer neuen Form von Geschichte überantwortet werden, in der Vergangenheit endlich zu einer Simulation werden kann und Authentizität zu einer Dichte von Quellen eben dieser Simulation. Eine Geste: einfach ein paar Tasten drücken. Und anstatt alles auf einmal zu einer formalistischen Barockideologie auszuwalzen, schwirrt alles mit Bildern und Farben der merkwürdigsten alltäglichen Dinge aus vielen Jahrzehnten durch die Musik, wie ein Zeitraffer durch die Jahre des Farbfernsehens. Nachdem Thomas Fehlmann, damals, nach seinem unfehlbaren Aufstieg in deutscher Avantgarde, die nie näher an Pop war, vor einem Jahrzehnt zum Rainbirdshilfs-A&R geworden war, Tom und Max, ehemalige Wiener, als Fishermen’s Friend nach Berlin geholt hatte, die dort von The Orb entdeckt wurden, und alle zusammen in den folgenden Jahren der Machtergreifung von Techno immer mehr in England, Benelux oder sonstwo unterwegs waren, sitzen sie jetzt bei viel Kaffee und mit englischem Gast, der die Eroberung des Videoraumes mit Flohmarktsteadycam und kryptischer Macintoshsoftware in permanent beta plant, herum und schwärmen von Wunder, Turner und natürlich Sun Electric, und vermutlich ist das jetzt wichtiger als alle Zeit davor. Tom und Max haben die Melodien auf die eigenen Füße gestellt, beweisen auf “Via Nostra”, daß kurz neben dem Kosmos der Linearität grade genau der Raum erst eröffnet wurde, in dem neue Sounds ihre Andersartigkeit überhaupt erst erleben können, und haben überhaupt keine Angst, es mit Jazz zu betiteln. “Das kann auf einmal wieder wichtig sein.” Im Gegenteil. Bei Liveauftritten mischen sie Sun Electric mit einer Jamsession verschiedener klassischer Jazzmusiker, vertrauen auf die Fähigkeiten ihres Mischers, daraus ein “elektronisches” Event werden zu lassen (mixt Solis zu Flächen und Gedaddel zu Hintergrundinformation), bauen sich ihre eigenen Instrumente dazu als Environments in Logic und rufen die reine Improvisationshölle nur unter eigenen Vorzeichen an. Jeder macht sich sein eigenes Setting. Baut sich die Maschine, in der er Stunden verbringen könnte. Hebel, maßgeschneiderte Schaltkreise, Abstraktionen der festgefahrenen Vorstellungen von Abstraktion, eigene Räume eben. Auf der anderen Seite arbeitet Thomas Fehlmann mit Gudrun Gut und der Ocean Club Crew an anderen Räumen, die Musik brauchen. Partys, die keine Partys mehr sein müssen, weil nicht zwanghaft auf Tanzvorschriften geachtet wird, wo Absurdes mit Seltsamkeiten aus Theater und Märchen zwischen Radioformat und elektronischer Soirée gekoppelt wird und neue Musik plötzlich hörbar wird, oder tanzbar, je nachdem, was sie grade verlangen mag. Eine Art wanderndes Liquid Sky ohne Kölschzwang, dafür mit Äther. Und mittendrin immer: Begeisterung. Ohne geht gar nichts. Einer kümmert sich um Publishing, ein anderer um Hardwareprobleme, der dritte um Programmierungen, jemand um Video, Radio, Netz, usw. Jeder sein eigener Mutimediakonzern. Die Strukturen liegen offener denn je, grade für Inhalte (1999 der Euroexportschlager schlechthin, jetzt investieren!! – Ein Ratschlag der De:Bug Broken Language Holding). Jeder macht, was jeder am besten kann, und so entsteht um die drei und um uns alle herum – wobei keiner von ihnen oder von uns, oder überhaupt Menschen, Maschinen, Soft-, Hard-, oder sonstige -Wares ein Zentrum sein wollten, oder könnten, oder etwa eine Art Referenzfigur – langsam eine Bewegung, die ihren Ort immer genauer kennt, ohne ihn vorschnell definieren zu wollen, in dem es sich aber immer besser, mit immer besserer, immer weiterer Musik, mehr Leben, Menschen, Optimismus, Zynismus, Radikalität und Normalität mitten in den schwersten Depressionen globalen Kapitalismus leben läßt. Seltsam, aber so steht es geschrieben. Es was das Jahr, in dem alles begann. Zitate: Der Loop befreit sich wieder einmal, aber diesmal von sich selbst Abstraktionen der festgefahrenen Vorstellungen von Abstraktion

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Elektronische Lebensaspekte.