Techno braucht keine Sänger, keine Stimme, kein Gesicht. Techno braucht nur den geraden Wumms. Dieser Faustregel war man irgendwann überdrüssig, so '98 etwa. Cristian Vogel und Jamie Lidell schienen da als Super_Collider genau recht zu kommen.
Text: kerstin schäfer | jan joswig aus De:Bug 60

So recht, dass sie mit ihrem Konzept schnurstracks beim Majorsublabel “Loaded” landeten. Auf ihrem Debut “Head On” brachen sie den 4/4-Rhythmus in einen noisecrunchigen Funk auf. Und Jamie Lidell nutzte die Destroyer-Basis, um einen Gesangsstil am Rande des Nervenzusammenbruchs aufzuführen, und zwar auf jedem Stück. Das Techno-Duo war geboren, die Modern Talking der stillgelegten Flugzeughangars. 1999 Super_Collider hören, war wie ein Schrei, der die gewachsene Struktur von Techno und elektronischer Musik antiautoritär auseinander- und neu zusammenpuzzelte. Am Echo dieses Schreis hat sich mittlerweile eine ganze Hitschule festgemacht, die die Kombination Techno + Gesang weitaus effektiver für sich zu nutzen wusste. Für Super_Collider blieb nur die frustrierende Erfahrung, dass ein major Genresprung nicht unbedingt auf ein Majorlabel gehört. Mit ihrem zweiten Album “Raw Digits” gehen sie zu ihrem eigenen Label “Rise Robots Rise” zurück, um von dort diesmal nicht nur Techno die Links-Voice-rechts-Noise-Harke zu zeigen, sondern gleich als Boygroup des Gothic-R & B Las Vegas im Sturm zu nehmen. Und aus den Anti-Techno-Weirdostrategen wird ein neues Entertainment-Rolemodel. Bereit zum nächsten Sprung.

Mainstream als Maßstab
Die entscheidende Veränderung bei “Raw Digits”, dem Nachfolgeralbum zu “Head On”, versteckt sich im Detail: Traten Super_Collider 1999 noch mit einer offensichtlichen “Destroy your Disadvantages/ Educate your Ears”-Idee auf, so hat sich das Blatt 2002 gewandelt. “Raw Digits” verlangt ganz entgegen dem Titel, dass sich ihr Produktionsaufwand nicht hinter dem Studioequipment von Phil Collins oder sonst einem dieser Giganto-Technokraten zu verstecken braucht.
Aber wenn man den Mainstream als Maßstab nimmt, die eigenen Experimente nicht aus dem Rahmen konventioneller Schönheit herausreißen will, sondern sie mutig mittendrin fixieren kann, dann steckt da einiges dahinter. Die Auswertung der Erfahrungen, die Super_Collider mit dem Major-Release von “Head On” auf Loaded gemacht haben, hat nicht nur das Grün hinter den Ohren getrocknet, sondern ebenfalls die Sicht auf die eigene Arbeitsweise verändert. “Wir wollen nicht mehr wie ein halbgekochtes Experiment klingen, also auf keinen Fall amateurhaft. Nicht zuletzt deswegen haben wir auch für uns relativ viel Geld in unseren professionellen Anspruch gesteckt, sprich beim Studio angefangen”, so Cristian Vogel. Und diese Einstellung geht über das neue Album bis zu Vogels “Rise Robot Rise”–Records weiter, die nicht als Selfmade-Projekte in eine dunkle Bastel-Ecke gedrängt werden wollen, sondern den Umgang mit (Musik-) Markt und dessen Strukturen spielerisch unter der Zielerfassung von “fast forward” betreiben.

Bildlich: In der Monopoly-Parkstraße gefangen zu sein, ist der Horror, aber in der Parkstraße auf eigene Rechnung zu zocken, ist für Super_Collider im Moment die verlockenste Aussicht. Mit allem gebotenen Ernst natürlich. Dazu Cristian Vogel: “We’ve never released anything as a noodle, or a sketch.” Das wichtigste Mittel zur Umsetzung ist, Lofi nicht als ästhetische Rechtfertigung gelten zu lassen, sondern auch im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen die Latte immer schön hoch zu halten.
Super_Collider in der Transformation von weirder Staubsaugeroptik zu Professionals in Anzug und Prada-Schuhwerk?

Musikalisch wird bei “Raw Digits” die Verbindung von Musik und Gesang mittlerweile differenzierter betrachtet als bei “Head On”. Jamie Lidell beschreibt das mit “insgesamt viel kohärenter als vorher, und auch viel wichtiger”. Er will nicht nur von den harschen Gesangsexperimenten auf dem Debüt zu einem “more kind of woody vocal sound” kommen, sondern “der Gesang bestimmt auch vielmehr die Grundstimmung des Albums, worüber wir ja beim ersten Album nicht wirklich nachgedacht haben. Mein Anspruch daran wächst mehr und mehr”. Mit unverfremdeten Vocals, also ohne Plug-In–Gewitter, entdeckt Jamie Lidell mit neuem Selbstbewusstsein und -verständnis die Maria Callas in sich.
Lidell untermauert dies mit Aussagen wie: “Es ist viel schwieriger, sein Leben und seine Kunst zu disziplinieren, als einfach ‘Fuck it!’ zu rufen und sich zu betrinken. Da setzt die künstlerische Gewissenhaftigkeit an.” Oder, “mal was richtig zu Ende zu machen, ist auch eine der größten Herausforderungen beim Album gewesen.” Fazit ist, mit “Raw Digits” können Super_Collider den Höhepunkt ihres Professionalismus feiern, ein Fest der harten Arbeit. Aber das bloß nicht idealisieren! “Das nächste Album könnte durchaus sketchy werden”, so augenzwinkernd Cristian Vogel.

Gothic-R&B
Schritt “Head On” für Cristian Vogel noch mit klarer Revoluzzerattitüde voran, die besonders einen lautstarken Befreiungsschlag von der Klammer Techno und UK für ihn bedeutete, so winken Super_Collider auf “Raw Digits” nun mit dem weißen Taschentuch.
Super_Collider entdecken als deutliche Konsequenz zum professionellen Selbstverständnis neben der kohärenteren Struktur von Musik und Gesang ebenfalls das Zusammenspiel von Nice-Listening und R&B. Sickerte bei “Head On” das Konzept von Funk überall durch und machte mit Granular-Synthese jeder übertriebenen Freundlichkeit den Garaus, so stellt sich für Cristian Vogel mit “Raw Digits” die Frage: “What is R&B?” Peinlich genau lotet er dann sofort die zu besetzende Untiefe aus: “Wir haben auf der Erfahrung aufgebaut, dass R&B ja längst nicht mehr nur ein langsamer Rhythmus mit einer Ballade drüber sein muss. Nein, bei R&B, besonders im Charts-kompatiblen Format, nehmen sie Acidlines und weirde Rhythmen, da konnte ich dann nicht mehr widerstehen. Und genau das hat auch die Leute für solche Klänge sensibilisiert, hat sie außerhalb von elektronischer Musik informiert.” Dieser Einfluss auf die Produktion von “Raw Digits” ist so wesentlich, dass man sich verführt sieht, auch Jamie Lidell als neue Missy Elliot begrifflich tot zu quetschen. Aber nein, zwischen Super_Colliders leicht makabrem “Gothik-R&B” und dem Granular-Synthese-Funk auf “Head On” gibt es schon noch den missing Link.

Punkig subtil
Super_Collider wollen aber bei allen Referenzen zu R&B keine Synchrontänzer sein und auch keine heranziehen. Nein, im Gegenteil. Was Neues muss wieder her in Super_Collider-Manier. Weiterer Vorschlag dazu: Der “One-Foot-Dance”, den sie in Brighton erfunden haben, den man nur unter der Voraussetzung, schwer betrunken zu sein, ausführen kann, denn dabei wird immer schön ungelenk um den eigenen, einen Fuß getanzt.
Das Punkige ist also noch da, wird jetzt aber auf subtilere Weise in die Musik hineingeschoben. Der Weirdness-Faktor wird subtiler angelegt und in die Arrangements gebettet, er springt nicht mehr direkt ins Gesicht.
Überraschung: Cristian Vogel und Jamie Lidell kommen den Hörern entgegen, aber mittlerweile sind die Hörer auch ihnen entgegengekommen. Waren sie beim ersten Album zu sehr Avantgarde? Dieses zweifelhafte Lob wollen sie sich nicht anziehen. Das ist der falsche Schuh, denn wenn jemand auf Avantgarde-Stufe elektronische Musik und Gesang kombiniert hat, dann war es laut Cristian Vogel die “Psychedelic Disco” von Giorgio Moroders “I feel Love”, egal wie erfolgreich es war.

Technoid mit Wandergitarre
Bei allen Ausführungen und Referenzen zum dynamisch-vertrackten Klangbild, selbst mitsamt Funk und R&B, macht Jamie Lidell aber sofort eines klar. Hier geht es nicht um Vorsprung durch Technik, sondern ebenso um Vorsprung durch Komposition. “Ich will morgens beim Aufwachen Super_Collider-Tracks zur Akustikgitarre singen können”, so Jamie Lidell. Denn selbst, wenn man sich von den Produktionsmethoden des Mainstreams herausgefordert sieht, hält Cristian Vogel dagegen: “Mit den ganzen großen Studios und den Möglichkeiten zur Soundbearbeitung verliert man schnell den Sinn für die Basis eines Stückes, so wie Fleisch ohne Gerippe.” Phil Collins eben.
Das Prinzip der Reduktion soll aber nicht als Lofi verstanden werden, sondern als straighte Konzentration auf eine Idee, die so hitech-nah wie möglich umgesetzt werden soll. Dazu entdecken Super_Collider auch ein klassisches Prinzip für sich: “Ein Stück muss existieren können, bevor man ins Studio geht.” “Der Anspruch bringt für reinen Techno natürlich nichts!”, relativiert Cristian Vogel schnell und demonstriert ironisch, wie man im Schlafzimmer morgens mit einer geraden Bassdrum auf den Lippen aufwacht.
Jamie Lidell erklärt: “Eine Geschichte erzählen zu können, meint auch, den Ursprungsimpuls nicht aus dem Blick zu verlieren. Und gerade das können all zu viele Plug-Ins leicht kaputt oder vergessen machen. Es war eine ganz bewusste Anstrengung, den Sound, besonders die Stimme, nicht durch hunderte Plug-Ins zu jagen.” Super_Collider geht es jetzt eher darum, Bildergeschichten zu erzählen, statt mit Farbbeuteln auf Leinwände zu werfen, und immer nur das an Material zu benutzen, was der Erzählung dient. Getreu dem Motto: keine Effekte aus Selbstzweck.

Reversed
“Mit dem ersten Album wussten wir nicht genau, was wir tun. Wir konnten es nicht kategorisieren, wussten nicht, was gut oder schlecht ist, haben drauf los gehauen. Im Vergleich dazu haben wir mehr Selbstvertrauen in Super_Collider bekommen. Die Erfahrungen mit dem ersten Album haben uns auch ganz einfach gezeigt, wie’s funktioniert.” Für Cristian Vogel sind es jetzt “Energie, Positivity und Rezeptionsfreundlichkeit, die ins Zukünftige weisen”, nicht mehr das Flechten am “No Future”-Legendenzopf. Jamie Lidell wirft ein: “Sachen zu zerstören ist jetzt vorbei, das interessiert uns einfach nicht mehr als Herangehensweise. Wir müssen nichts mehr beweisen. Wir wissen jetzt, dass es funktioniert”.

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Elektronische Lebensaspekte.