Ganz dreist ohne Schrägstich
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 115


Michael Mayer und Aksel Schaufler stellen dem Minimal-Dogma, an dem sie selbst mitgearbeitet haben, ihr Supermayer-Paralleluniversum gegenüber. Unter ihren Helden-Capes machen sie sich ganz locker.

2007 ist ein Jahr der Jubiläen. Ohne Frage. Es scheint, als hätten sich Ende der 90er Jahre viele Menschen mit der Idee beschäftigt, das Jahrzehnt ihrer Jugend in klare, ausdrucksstarke und nicht zuletzt wirtschaftliche Formen zu gießen. Die De:Bug wird 10, das Melt! Festival hat schon gefeiert, beim Kölner Techno-Label Kompakt ist es Anfang 2008 soweit.

“Naja, eigentlich sind wir schon seit 15 Jahren zusammen aktiv“, sagt Michael Mayer bestimmt. Fakt ist, dass das Label unter der bekannten Namensgebung erst 1998 seine Geburtstunde feierte. Aus Plattenladen wurde Studio, aus Studio Label, aus Label Vertrieb. Nach der Digitalisierung kam Kompakt-MP3. Aber was hat sich musikalisch getan in dieser Zeit? Und vor allem, wie bewerten zwei Kompakt-Urgesteine den Punkt, an dem wir jetzt stehen?

“Diese Frage ist jetzt sehr, sehr kompliziert“, sagt Aksel Schaufler alias Superpitcher. “Das ist eine Sabine-Christiansen-Frage“, fügt Michael Mayer kritisch dazu. “Aber vielleicht kann man es so erklären: Die Musik, die sich um die gerade Bassdrum dreht, ist nun schon eine Weile alt. In diesem Metier wurde schon viel erreicht, entwickelt und ausformuliert, ausgeschmückt, wieder umgedreht und neu angezogen.“ So umschreibt ein eloquenter Mensch vielleicht den Zustand der Langeweile.

Zeit, was zu ändern. Michael Mayer und Superpitcher waren beide aktiv beteiligt an der stetigen Weiterentwicklung von elektronischer Musik. Sei es als Labelmacher, DJs oder Produzenten. Grund genug, sich gerade jetzt neu zusammenzusetzen. Besonders dann, wenn man befreundet ist. Seit ca. zwei Jahren sind Michael und Aksel auch Studionachbarn, kurz darauf zogen sie zusammen in ein Studio. Man machte drei Remixe und merkte schnell, dass sich jahrelange Freundschaft auch in der Produktionsweise positiv ausdrückt. Beide hatten sie schnell das Bedürfnis aus der Isolation herauszutreten und mehr als nur Remixe gemeinsam zu machen.

Zwei sind mehr als einer
Künstlerpaarungen sind bei Kompakt Usus. Der Schrägstich im Künstlernamen beinahe integraler Bestandteil der Kompakt’schen Corporate Identity: Mayer/Voigt, Superpitcher/Broke, Oxia/Intus, Jürgen Paape/Tom Pooks. “Moment mal, wir paaren ja nicht“, wirft Michael ein. “Wir sind Voyeure dieser Paarungen. Wir forcieren das nicht.“ Wie gesagt, es geht um Freundschaften. Und Supermayer? “Als wir angefangen haben, zusammen zu produzieren, merkten wir ziemlich schnell, dass das gut klingt. Auch ohne Schrägstrich dazwischen, sondern einfach mal ganz dreist ausgeschrieben. Diese Kompakt-typische Künstlerpaarung war für uns die Steilvorlage für ‘Save the World’.“ Bei Supermayer ist der Name also mehr als nur Ausdruck von Freundschaft und Zusammenarbeit. Er ermöglicht es erst, sich vom isolierten Produzieren zu verabschieden und etwas ganz Neues zu kreieren, fernab von der Monotonie des derzeitigen Techno-Universums. “Wir wollten ganz einfach das große, leere, weiße Blatt der Langeweile mit neuen Inhalten füllen“, erklärt Michael. “Der Name allein hat es uns erleichtert, in das Paralleluniversum von Supermayer einzutauchen. Wir konnten uns so sehr leicht von unserem eigenen Kram verabschieden.“

Das Anti-Hype-Cape
Andere Superhelden kennen diese Dynamik. Clarke Kent muss sich auch zunächst der Verwandlung unterziehen, bis er in seinem Cape als Superman der Monotonie des amerikanischen Büroalltags entfliehen und Dinge tun kann, die langfristig wertvoll sind. Der Superheld muss sich immer erst von der Welt distanzieren, um die Welt zu retten. “Der Fakt, dass wir Capes tragen und andere Planeten auschecken können, hat uns sehr geholfen, unser eigenes Ding zu machen“, sagt Aksel. “Wir haben definitiv versucht, alles, was momentan so passiert und gehypt wird, außen vor zu lassen. Wir haben die Monotonie sozusagen vor der Studiotür ausgeschlossen.“

“Save the World“ ist ein Konzeptalbum. Dreizehn Tracks sind entstanden, die die Abenteuer von Supermayer erzählen. “Wir haben uns darauf besonnen, was wir lieben und gerne mögen“, meint Aksel. “Wir haben ohne jeglichen Produktionszwang gearbeitet und ohne den Hintergrund, eine reine DJ-Platte zu produzieren“, ergänzt Michael. “Es ist schon klar, dass wir beide auch in Zukunft Tracks für den Club produzieren werden. Aber im Rahmen von Supermayer konnten wir angstfrei und mit viel Spaß an die Musik herangehen.“

Was dabei herauskommt, klingt sehr oft nach Disco. Wie auf den Tracks “The Art of Letting Go“, “Us and Them“ oder “Saturndays“, die mit sehr funkigen Stückchen Gitarre, Trompete, chinesischer Percussion und nicht zuletzt Vocals bestückt sind. Die Lockerheit findet ihren sprachlichen Höhepunkt in “Us and Them“ in der Komplexität reduzierenden Techno-Weisheit: “Rocking People. People rocking.“ Die Tracks werden unterbrochen von vier kurzen Interludes, welche die Geschichte der Abenteuer der Supermayer weiterspinnen.

Begleitet wird der Release des Albums mit einem aufwendigen Artwork und einem 16-seitigen Comic-Heft, das von FAS-Illustratorin Kat Menschik gezeichnet wurde. Die Reise auf die Planeten, die Befreiung der Einsamen, der relaxende Cocktail am Ende der Reise durchs Universum. Alles ist mit viel Liebe zum Detail illustratorisch ergänzt, Musik und Bild fügen sich perfekt zusammen.

Eine Ode auf das Vinyl, denn wo sonst kann man diese Zeichnungen in seiner vollen Größe betrachten. Musikalisch vereint der Track “Please Sunrise“ wohl am besten die Pro-Kitsch-Mentalität von Kompakt mit dem Ansatz, der bösen Welt der digitalen PlugIns und des Dogma-Minimalismus einen neuen, musikalischeren, wärmeren Sound gegenüberzustellen. Nirgends aber findet sich auf dem Album eine Kampfansage oder Bitterkeit. Denn Superhelden wollen die Welt nicht zwanghaft neu erfinden, sondern sie retten. Mit jeder Menge Klasse und viel Stil.
http://www.kompakt-net.de

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Elektronische Lebensaspekte.