Der Mensch Superpitcher ist genau so wie die Musik Superpitcher: melancholisch glücklich. Eine von vielen erhebenden Erkenntnissen, die Köln-Kompakts Pferdeposter-Musiker Aksel Schaufler im Gespräch
Text: Sascha Horsley aus De:Bug 64

Kennst du Hermann Hesse …?

Superpitcher ist super. Superpitcher könnte genauso Entzückend-Pitcher heißen. Das würde sich dann allerdings schön blöd anhören. Für unser Gespräch hat er sich viel Zeit genommen. Und tapfer alles beantwortet. Manchmal zügig. Manchmal Minuten später. Alles was er macht, macht er mit Bedacht. Die Tracks, die er uns schenkt, werden, da glaube ich jetzt noch viel mehr dran, zärtlich von ihm groß gezogen. Wie kleine Pflanzen. Mit viel Liebe gegossen. Und sie nehmen ihm immer ein Stück seines Herzens. Mit auf die Reise durch die große Welt.

Die Sonne geht unter in Berlin. Es gibt genügend Zigaretten. Es gab zu wenig Schlaf, die letzten Wochen. Das sieht man ihm an.

DEBUG: Was ist los. Warum so müde?

SUPERPITCHER: Ich habe den Wahnsinn gesehen. (abwiegelnd) Wie bei jedem neuen Stück. In drei Wochen erscheint meine neue Maxi, und das hat wie immer viel Kraft gekostet. Aber war auch unendlich schön. Die Arbeit daran.

Später wird er – wie nebenbei – erzählen, dass er geweint hat. Als es endlich fertig war. So ein großer Moment.

DEBUG: Und ein … (flüstern) Album!?

SUPERPITCHER: Auch das. So im Dezember, schätze ich. Ich habe mein Leben ein bisschen umstrukturiert. Tatsächlich arbeite ich nicht mehr im Vertrieb von Kompakt, so wie die letzten zwei Jahre, sondern mache ausschließlich Musik bzw. lege auf. Und jetzt freue ich mich darauf, das Album zu machen.

Aksels Lebenslauf vor Köln klingt gewohnt westlich. Sprich in kleiner Gemeinde aufgewachsen (nahe Ulm), Zivildienstleistender mit anschließender Don’t-know-what-to-do-also-engagier-ich-mich-weiterhin-noch-bisschen-sozial-Großmütigkeit, weit und breit keiner, der sich erbarmt hat, für ihn und seine Freunde mal ein paar anständige Techno-Parties zu organisieren. Deswegen blieb ihm lediglich, im Takt des seichten Plingpling auf seinen Nintendo um die Wette zu tippen. Sein Elternhaus war schon streng – da gab es aber auch sieben Geschwister, die alle unter einer Fuchtel zu halten waren.
Natürlich hatte er auch Klavierunterricht. Zumindest so lange, bis er nicht mehr dazu gezwungen werden konnte. Die Ausnahme: Er hatte eine Sendung mit einem Freund bei einem lokalen Radiosender.

SUPERPITCHER: Ich war damals großer Fan von HipHop und Dub. Es gab dieses in meinen Augen großartige Label: “Wordsound”. (In den Augen der Redaktion ja eher ein NY-isches-Moloch-Apokalypse-HipHop-Label :)) In der Radiosendung hatte ich dann Gelegenheit, Fernando von Wordsound zu interviewen. Und wie das so ist … man kommt ins Gespräch und ich erzählte ihm ein bisschen von meinen ersten Gehversuchen auf meinem Atari. Er meinte, wenn ich mal was hätte, könnte ich es ihm gerne zuschicken. So. Und die vier Stücke von den ersten sechs, die ich jemals gemacht habe, habe ich ihm dann nach NY geschickt. Zwei Wochen später kam ein ”Supertoll” zurück und die Frage, wie ich es finden würde, wenn man sie auf dem neuen Wordsound-Sublabel ”Blackwoods” als EP rausbringen würden. Das fand ich natürlich … großartig.

DEBUG: Was ist daraus geworden?

SUPERPITCHER: Die kam wirklich raus! Und die hat sogar gute Kritiken z.B. von Sascha Kösch bekommen. (Noch heute freut er sich wie ein Schneekönig. Den Namen, unter dem er die Sachen damals, so ’96 veröffentlicht hat, den mag ich nicht wiederholen. Den gibt’s auf Anfrage.)

Jetzt hatte er die Luft der glamourösen Welt geschnuppert. Einer der vielen Brüder wohnte damals in Köln und so war klar: Er wird seine Sachen packen und dahin ziehen.

SUPERPITCHER: Da habe ich dann irgendwann Michael Meyer und auch Tobias Thomas kennengelernt und nach ‘ner Weile kam die Frage, ob ich nicht ein bisschen im Kompakt-Laden arbeiten will. Das hab ich gemacht. Irgendwann hab ich dann in den Vertrieb gewechselt.

DEBUG: Was ist Kompakt für dich?

SUPERPITCHER: (mit glückseligem Gesichtsausdruck) Das reine Glück. Das ist es wirklich. Es gab auch nie die Frage, ob irgend ein anderes Label. So wie es ist, ist es das reine Glück.

DEBUG: Wie kommt es, dass du so wahnsinnig viele Remixe machst?

SUPERPITCHER: Das liegt an den Anfragen. Tatsächlich hat jedes Mal jemand gefragt, ob ich Lust habe, das zu machen. Naja und jetzt, wo ich mich endgültig dazu entschlossen habe, eben nicht mehr im Laden zu arbeiten, sondern mich nur noch auf die Musik konzentriere, habe ich eben auch genügend Zeit – und Lust sowieso – sie zu machen.

DEBUG: Dann gibt es da ja gerade diesen Brian Eno-Mix. Hossa! Selbst gesungen?

SUPERPITCHER: Selbst gesungen… das zweite Mal nach ”Tomorrow”, eben. Das ist eine schon etwas ältere Idee von mir. Ich finde dieses Stück einfach schon immer so irre.

DEBUG: Objektiv irre oder aufgrund besonderer Momente, in denen du es gehört hast?

SUPERPITCHER: Nee, schon objektiv irre.

DEBUG: Ist das jetzt eine neue Richtung, die du einschlägst. Im Hinblick auf das Album zum Beispiel?

SUPERPITCHER: Hmm, ich erzwing’ es nicht. Bei dem Compilation-Beitrag war es eben so, dass die Idee schon länger da war und dass ich es nicht absamplen wollte und dass ich diesen Moment liebte. Im Original. Wenn der Gesang zum ersten Mal kommt. Und dass ich das auch so machen will. Bei der neuen Maxi ist jetzt auch wieder Gesang. Das ist auf jeden Fall eine Richtung. Aber es soll clubbig bleiben. Und auf jeden Fall schon so Pop sein. Das Album soll auf jeden Fall sehr … schön werden.

“Sehr schön werden”… das klingt so … – Alle wollen, dass ihre Platten irgendwie schön werden. Wenn Aksel das Wort “schön” ausspricht, dann klingt das aber nochmal ganz anders. Es klingt so rein und WIRKLICH schön!

DEBUG: Du und ein Album. Wie lange dauert das? Du bist schon jemand, der sich richtig viel Zeit für alles nimmt, oder? Du machst das sehr in Ruhe?

Pause – was sonst?

SUPERPITCHER: Ja. Ja, ich bin da schon auch am Verzweifeln. Ich setze mich enorm mit allem auseinander. Bis der Moment, bis ein Stück so ist, wie ich es haben will. Da reißt es mir gelegentlich das Herz raus. Schon. Aber ich lerne. Das Technische geht jetzt viel schneller als früher. Ich muss weniger Freunde nerven. Früher war es immer so, dass ich irgendwo angerufen habe, um nach Funktionen z.B. am Mac zu fragen und nach der Antwort kam dann der dezente Hinweis: das würde auch im Handbuch stehen.

DEBUG: Gibt es Lieblingsremixe, die du gerne machen würdest?

SUPERPITCHER: Das geht Hand in Hand mit Veröffentlichungen. Wenn die neue Pet Shop Boys rauskommt, dann denk ich schon, die würd’ ich gerne mal bearbeiten. Oder Robbie Williams. Aber eigentlich würde ich gerne mal so einen Stadionpop-Hit machen. Einen, der jetzt nicht so reißerisch ist, sondern eben eher Superpitcher-Stadion-Pop.

DEBUG: … so viel Fläche in einem Stadion?

SUPERPITCHER: Könnte zuviel sein, was?

DEBUG: Bist Du ein glücklicher Mensch? Bist Du jetzt glücklich?

SUPERPITCHER: (Pause) Ich glaube, ich bin so, -…- melancholisch glücklich.

Ja, so fühlt er sich an. Ein bisschen wie ein personifizierter Superpitcher-Track. Weit und schön. Vielleicht etwas mehr flashig als flächig. Aber immer auch etwas Platz für Traurigkeit im Glücklichsein. Wir verabschieden uns.
Plötzlich nochmal Leben in der Bude.

SUPERPITCHER: Du hast was vergessen! Du hast mich nicht gefragt, wie die Maxi heißt. (Der Schalk in seinen Augen quieckt mir schon entgegen). Na los, rate!

-…-

SUPERPITCHER: Yesterday! … Na wegen Tomorrow. (strahl)

So geil!

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Elektronische Lebensaspekte.

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