Drei Helden für die Liebe. Für sie geht Aksel Schaufler in Superpitcher auf und kämpft mit Melancholie-Glam Seite an Seite für die eigene Zeit, die Kunst und die Macht der Träume. Schwermütig werfen sie sich in den Wind, und das alles, um uns glücklich zu machen. Ob es gelingt? Sie haben Fever und sie haben Pop-Appeal ... "Here comes Love!"
Text: Alljoscha Weskott aus De:Bug 81

Superpitchers Melancholie-Kick
Ein Lust-Spiel

Prolog
… die Idee müsste daher stammen, dass Superpitcher sich ausnahmslos selbst spielt. Sein Drehbuch … nein, besser, sein Theaterstück besteht aus fünf Akten, die zur lustvollen Tragödie der elektronischen Musik selbst werden. Zur Vorlage von “Here comes love” wird Francoise Ozons Film “Tropfen auf heiße Steine”.

1. Akt:
Gleich – das Glück!

Im Casino sollte er etwas aufs Spiel setzen. So hatten wir es geplant. Früher gab es mal Pferdewetten. Aber Pferdewetten sind etwas anderes. Sein Einsatz diesmal: eine Figur, die er schonungslos auslebt, die mit ihm verschwistert zu sein scheint: Melancholie-Glam. Alles verlieren oder glanzvoll(e) Träne werden? Rot oder schwarz, Black Jack oder einarmiger Bandit? Die Vorfreude ist riesig. Doch es gelingt nicht. Der Einlass wird verwehrt. Seine Begleitung ist underdressed. Nicht nur die obligatorische Krawatte fehlt, nein, eine Abendgarderobe insgesamt. Also zurück in die Hotellobby, 34 Stockwerke tiefer. Dort träufelt er Augentropfen in die rot gefärbten Augen. Eine Laseroperation liegt hinter ihm. Im Bildausschnitt links über ihm, für ihn unsichtbar, ein Werbeschild der Schmerztabletten-Firma Togal (weißer Schriftzug auf rotem Hintergrund). Aksel betrachtet inzwischen ein Klavier, das sich selbst spielt, eine altertümliche Electric-Boogie-Installation mit Verbotsschild: “Bitte nicht berühren!”
So vergeht Zeit, ein Stillleben dehnt sich aus, bis die Stimme der Promoterin auf etwas anderes verweist: Der Kaffee könnte hier wenig köstlich sein, spekuliert sie, skeptisch auf ein benachbartes Kaffee-Haag-Gedeck blickend. Wieder vergehen wertvolle Sekunden. Dann plötzlich, aus dem Nichts holt Superpitcher zur ersten Charakterisierung, zur ersten Fundierung der gejagten Figur aus, um die es 34 Stockwerke weiter oben gehen sollte: “Warum sollte man so tun, als sei man glücklich”, zitiert Aksel Schäufler einen Autor, von dem er schon länger nichts gelesen hat. Schließlich liegt seine Zeit mit Michel Houellebecq schon etwas zurück, wie er behauptet; dort aber liegt die Inspiration für Track 1 seines Albums, wie hier vermutet wird: “We don’t need People.”

2. Akt:
Bitte sing mir ein Lied, Charlotte!

“Im Leben eines Melancholikers gibt es auch Momente, in denen man nicht denkt”, sagt der junge Melancholiker Aksel Schaufler und erinnert uns an den ersten Ausschnitt, den wir seinem geliebten Film entnehmen wollen. “Leg uns doch noch etwas auf …”, sagt dort der verträumte Jüngling Franz zu seiner Gespielin, die er einmal glaubte geliebt zu haben. Im Film legt sie Francoise Hardys “Träume” auf.
Dann Köln, eine Stadt und ihre Menschen, ein Abend und sein Schönheitskanon. Dort, im wirklichen Leben, singt Pro7-Moderatorin Charlotte Roche Francoise Hardys “Träume” als ausdrucklosen Karaoke-Song, ohne singen zu müssen. Eine exzellente Verschiebung. Aber tut sie das für ihn allein? Nicht unbedingt. Das Credo des museal anmutenden Schlagerlieds “Träume” bringt auch sie ins Spiel. Eine Weisheit zeigt Wirkung: “Träume sind meistens gar nicht wahr, weil sie unter den Millionen unserer Illusionen geboren sind.” Träume verwehen im Wind und dringen ausgeträumt aus dem Kölner Medienpark zu dem jungen Melancholiker. So hatte er sich’s gewünscht. Es ist ein verträumter Realismus, den er mit Charlotte entwickelt hat. Fast wie im Film Ozons, der in einer 1970er-Jahre Wohnungs-Kulisse spielt und alle Träume in Seifenblasen des Bösen zu verwandeln weiß. Aber treffen wir ihn dort wirklich an, wenn er sagt, ja, dieser Film ist mehr als nur ein typischer Lieblingsfilm? Ist dieser Film, der nach einem Fassbinder-Drehbuch montiert wurde, der melancholische Klangkörper von “Here comes love”? Müssen wir zurück, um zu verstehen und zu beschreiben, wie man sich als unzeitgemäße Figur in der gegenwärtigen Zeit verhält? Und wie schafft es Charlotte Roche, sich in die Stimmung dieser engen, niemals aber zu kleinen Welt einzugrooven? Das bleibt sein Geheimnis. Köln, eine Black Box.

3. Akt:
“Ich tanze Samba mit … mir!”

“Es ist keine ausgedachte Rolle”, sagt der junge Melancholiker über sich selbst und streift damit sanft seine Kitsch produzierenden Trackkörper. Er erinnert an die Produktionsweisen seiner Lieder. Sie werden in den Club projiziert, aber zu Hause erlebt. Dort tanzt er mit sich selbst. Im Club allein konnte er sich erholen, etwas hinter sich lassen, bevor er zu seinen historischen Liebesliedperformern zurückkehrte. Zu Scott Walker etwa, oder zu einer bestimmten Reggae-Phase in Jamaica Anfang der 1970er-Jahre, zu Fever und anderen längst verklungenen Pop-Stücken. Nie musste Superpitcher nostalgisch werden. Nie betrauert der junge Melancholiker einen Verlust. Die Happiness der anderen steht im Mittelpunkt. Sie wird besungen. Sein mittlerweile stilbildener Dandyismus entspricht einer konsequenten Verfolgung der Schlager-Heile-Welt, in der nach Rettung Ausschau gehalten wird.

4. Akt:
Die Kitschberührung zur Erfahrung machen!

“Bitte zieh dir die Hausschuhe an! Die Straßenschuhe machen so einen entsetzlichen Lärm auf dem Pakettfussboden! Du weißt doch, wie wenig Spaß ich an den Dingen habe!”, sagt Leopold zu Franz in “Tropfen auf heiße Steine”. Leopold und Franz. Dieses ungleiche Paar. Leider habe ich gefragt, wen er lieber mag. Wie sollte man Leopold lieb gewinnen, diesen Souverän mit tyrannischen Zügen, der seiner früheren Liebschaft sagte, dass er ihn heiraten würde, wenn, ja, wenn er eine Frau werden würde. Der Lover kratzte für die Geschlechtsumwandlung sein Erspartes zusammen und Leopold machte ihn zu seiner Frau, allerdings nur für kurze Zeit. Dann gab er ihr den Laufpass.
Eine kleine Pause
Jetzt wird es dramatisch. Ein Aufbruch kündigt sich an. Ein letztes winterliches Schneestöbern. Aksel wird traurig. Ein schnelles Foto im Toilettenvorraum. Wieder bleibt ihm nur die Beobachterrolle. Das Glück der anderen, das er möchte, aber nicht hat, wie er singt. Es ist eine sehr traurige, aber auch wunschvolle Happiness. Doch geht es dem jungen Melancholiker deswegen schlecht? Nein. Aksel S. hat Fever, Kompakt und eben jenen irren Klub-Pop-Appeal. Und das Neuentdecken alter Lieder hat bei ihm einen Prozess hervorgebracht, der ihn weit aus der elektronischen Welt davongleiten ließ. Seine mit ihm selbst identisch gewordene Figur (Melancholie-Glam) findet zumnehmend außerhalb der Tanzmusik ihren Nährboden. Wie immer liegt die Inspiration da, wo man sich scheinbar nicht aufhält. So war das schon bei Glenn Gould und den Goldbergvariationen, auch bei Roland Kaiser, der privat Limp Biscuit hört. Es ist fast so, wie Howard Carpendale bei der Echo-Verleihung für sein Lebenswerk sagte. “Egal, ob jemand Techno, House, Pop oder Rock produziert. Wir Künstler leben in der schönsten Branche der Welt, in einer großen Familie.” Das ist schön. So schön, dass der junge Melancholiker anfügt, dass ihn Familie noch nie glücklich gemacht habe. Denn so sehr er auch die Erfahrung der Kitsch-Oberfläche wahr machen möchte, sie unbedingt gerne glauben will, so wenig lässt er sich von ihr hinters Licht führen.

5 Akt:
Auch die Ankunft der Engel wird …

… nein, nicht das frohlockende Ereignis sein. Bitte! Bitteschön! Niemand wird davon sprechen wollen, dass nur noch ein Gott zu helfen wüsste. Schon gar nicht Superpichter, der vermutet, dass “echte Engel sad boys” sind. Das sagt der junge Melancholiker auch in Richtung der ewigen Rebellen. Schon mit seiner Heroin EP wußte er das vor Jahren anzudeuten. Jetzt wird das Togal-Logo demontiert. Ein guter Zeitpunkt, um zu resümieren: “Man muss um seine eigene Zeit kämpfen”, sagt er. Und um seine Kunst. Das Wolfgang-Tilmans-Bild tut das auf dem Rückcover, die Ölgemälde seines Bruders tun es und ersetzen den Begleittext. Und er tut es sowieso. Superpitcher ist mittendrin, tief in der Zeit, in der Liebe nicht existiert, die Möglichkeit von Liebe aber immer bestehen bleibt: “Here comes Love.”

Epilog

Seine Lieblings-Schnulzensänger-Top-Five erklingt. Effektive Laufzeit: ca. 500 Minuten.
(Scott Walker 5 easy pieces: 5 CD Box Set)

5. Scott Walker Box 1
4. Scott Walker Box 2
3. Scott Walker Box 3
2. Scott Walker Box 4
1. Scott Walker Box 5

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Elektronische Lebensaspekte.