Text: felix denk aus De:Bug 24

Komischerweise sehen Techno Djs / Produzenten im echten Leben selten so aus, wie man aufgrund ihrer Musik vielleicht vermuten würde. Auch Tony Childs aka Surgeon bildet da keine Ausnahme. Seine äußere Erscheinung gleicht weniger der eines robusten Tiers, dessen muskelgestählter Körper in Tarnklamotten oder wahlweise in roughe Kapuzenpulli-Streetwear eingepackt ist, sondern eher eines Hänflings, den der leiseste Windstoß bedenklich ins Wanken geraten läßt. Etwaige Korrespondenzen funktionieren also eher über die Antithese, wenn die Klischeehaftigkeit überhaupt als Basis für irgendeinen Schluß zu gebrauchen ist. Musikalisch steht Surgeon als Dj und Produzent für hyperfunktionalen Techno, minimal und treibend, so wie man ihn aus Birmingham kennt. Auf Labels wie Downwards, seinen eigenen Outlet Dynamic Tension, James Ruskins Blueprint und Tresor hat er das oft unter Beweis gestellt. Produktionen, die dem Techno in einer etwas orientierungslosen Phase um 1996 neuen Schwung verliehen. Aus der Mitte der Funktion, des Tanzbefehls fiel Surgeon in letzter Zeit immer wieder damit auf, den Versuch voranzutreiben, die eingefahrenen Strukturen zu erweitern und zu testen, wie weit man gehen kann, um sich nach wie vor im Technokontext zu bewegen, aber trotzdem alles anders zu machen. Komplexe Strukturen entwickeln, die die technoide Linearität ablösen, ist auch die Intention seiner neuen Cd auf Tresor: Force and Form. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: auch diese neuen Tracks sind eindeutig Surgeon, Techno und Birminghamer Schule. Und trotzdem ist es ein vielschichtigeres Werk als viele der bisherigen Produktionen. “Die Idee war, das Rückgrat eines Techno Albums zu nehmen, und viele andere Dinge in die Tracks zu inkorporieren. Aufnahmen aus verschiedenen Teilen der Welt, von unterschiedlichen Leuten, und Sachen wie Stringsounds, mit denen ich noch nicht gearbeitet habe. Trotzdem ist es für mich immer noch Birmingham Stil.” Konkrete Musik – abstrahierte Funktionalität Auch Surgeons Lp “Balance” auf Downwards ging streckenweise über das klassische Funktionsparadigma hinaus. Technotracks und ambientartige Soundscapes gaben sich in friedlicher Koexistenz die Klinke in die Hand. Das neue ist, dass diese Elemente in den einzelnen Tracks kombiniert wurden. Die Tracks beginnen im klassischen Technogewand, bis sie allmählich in unerwartete Richtungen gehen und man vergeblich auf Signale für Körperzuckungen wartet. Surgeon vertont eine Reise von dem Mikrokosmos Club in den Mikroorganismus der Synapsenwindungen inklusive Rückfahrkarte. Ist Surgeon Techno der Marke clubkompatibel langweilig geworden ist? “Nein. Mir macht es nach wie vor Spass, Techno zu produzieren, was eher eine körperliche Angelegenheit ist. Mir geht es im Moment darum, in der Musik Körperlichkeit mit kopflastigeren Elementen anzureichern. Ich hoffe, daß das funktioniert, und der Dj Teile der Tracks im Club spielt, man die Sachen aber auch zu Hause gut anhören kann.” Das hoch und runter der Intensität und die Freude an der Mutation geben “Force and Form” eine epische, vielleicht sogar dramaturgische Qualität, die man gemeinhin eher aus dem Deephouse kennt, eine Assoziation, die Surgeon nicht abstreitet. Produktionstechnisch sind auf Force and Form streckenweise Musique Concr?te-artige Real Life Ambient Versatzstücke integriert worden, indem neben elektronischen Sounds auch akustische Elemente wie Alltagsgeräusche zu finden sind: “Ich habe aufgenommen, wie Dj Pete vom Hardwax Wodka in ein Glas mit Eiswürfeln eingeschenkt hat und das Geräusch der Eiswürfel, wie sie gegen das Glas schlagen, in kleine Stücke zerschnipselt. Daraus wurde dann logischerweise der Track Ice.” Virtuelles Ping Pong Auf seinen Pfaden abseits der strengen Techno-Linearität, bei der ein Track um eine Idee kreist, und dem Erforschen neuer Strukturen greift Tony Child schon mal gerne auf ungewöhnliche Formen von Kollaborationen zurück. Unter diese Kategorie fällt auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit Mick Harris, dem Ex-Mitglied der Grindcore Band Napalm Death. Außer den gemeinsamen Live Auftritten, die man ab und an zum Besten gibt, hat Mick Harris auch einen Track von Force and Form geremixed. Auch die Connection mit Downwards steht noch, und ein Projekt namens Diversion Group mit den Labelgründern Karl Regis und Peter Sutton aka Female wurde gerade zum Abschluß gebracht. Hier funktioniert die Zusammenarbeit so, daß der eine jeweils mit Loops oder Rhythmustracks eines anderen arbeitet und am Ende der fertige Track eine Collage aus verschiedenen Fragmenten der drei Produzenten bildet. Man arbeitet also zusammen, allerdings nicht zur gleichen Zeit im selben Studio. Eine Form von virtuellem Ping Pong, die man als weiteren Beitrag des Kapitels Dekonstruktion des Mythos “Autor” im Techno verbuchen kann. Daß Grindcore Drummer wie Mick Harris in ein Technofahrwasser geraten können, geht wohl auch nur an Orten wie Birmingham, wo Surgeon, wenn er gerade nicht auf Tour ist, immer noch ansässig ist. Architektonisch ist Birmingham, die zweitgrößte englische Stadt nach London übrigens, ein wilder Mix aus experimentellen Waschbetonbauten aus den Siebzigern und haufenweise roten Backstein Fabrikgebäuden. Also Technoimpressionismus pur. Auf die Frage, in wie weit sich die Umwelt auf das eigene Schaffen auswirkt, und warum aus Birmingham immer schon ganz eigene Musik kam, hat Tony Child eine spezielle These: “Birmingham ist stark geprägt von einem Comedy-Darkside Ding. Es gibt Bands wie Black Sabbath aber auch Slade, Scorn und Mick Harris und andererseits Bentley Rhythm Ace. Aber auch die darke Musik hat einen comedyartigen Zug, was viele Leute, die nicht aus Birminham kommen, nicht verstehen.” Ein Birmingham Ding, you wouldn’t understand? “Genau, eine Art Selbstironie, die ich sehr zu schätzten weiß. Es ist völlig unmöglich, in Birmingham cool zu sein.”

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Text: benjamin weiss aus De:Bug 13

A different way of having fun – misplaced soul music Benjamin Weiss nerk@de-bug.de Hinter dem Hotel Adlon findet man die Akademie der Künste kaum, muß sich um drei Rohbauten herumschleichen, bis man sie endlich entdeckt. In einem Kellergewölbe sitzen sie auf einer Bühne, die etwa genauso groß ist wie der Zuschauerraum: Mick Harris, Ex-Napalm Death – Mitglied, Scorn und Bespieler unzähliger CDs mit unzähligen Kollaborateuren und Tony Childs aka Surgeon. Vor ihnen steht ein Riesenmischpult und eine Batterie von Racks mit Samplern, Effektgeräten und Synthesizern, daneben noch zwei Plattenspieler, eine Platte läuft, die zwei sitzen hinter dem Geräteberg, rauchen eine Zigarette und scheinen sich prächtig zu unterhalten. Im Zuschauerraum herrscht dagegen Konfusion vor: etwa fünfzehn Leute haben den Weg hierher gefunden und bleiben auch mehr oder weniger bis zum Ende des Abends, ab und zu kommen ein paar Raver rein und wundern sich, daß Surgeon hier nicht am brettern ist, warten eine halbe Stunde und gehen dann wieder. Derweil wechseln die beiden abwechselnd die Platte (von Coil über Suicide bis hin zu Terrorcountry) und haben augenscheinlich ihren Spaß. Zwei Stunden später beginnt das Liveset mit Sounds, wie sie in frühen Splatterfilmen wie “Zombie” oder auch “Texas Chainsaw Massacre” vorkommen, langsam aber stetig wenden und winden sich die Sequenzen hin zu anderen Klangfarben, ein dünner Beat taucht auf und wieder ab, Panasonic- artige Bassfrequenzen drücken ihn weg, erst am Schluß wird es für die letzten zehn Minuten ein bißchen fluffy-flächig, aber das merken die beiden schnell und fangen das drohende Absacken der Intensität damit auf, daß sie wieder zu Platten übergehen. Zu Anfang des Sets gibt es einige skeptische Gesichter und ungeduldig von einem Fuß auf den anderen wechselnde Beine, je länger es fortschreitet desto ruhiger werden die Leute, setzen sich hin und hören zu, bewegen sich kaum noch und machen einen fast apathischen Eindruck. Surgeon und Mick Harris stehen die ganze Zeit direkt nebeneinander, jeder versunken in seine Kanäle auf dem Mischpult, das ihr Hauptinstrument zu sein scheint. Ab und zu dreht Surgeon wie beim Auflegen an den Equalizern, probiert aus, ob die Technik vom Dancefloor auf dieses Set zu übertragen ist. Nach dem Set sind alle erschöpft, Publikum wie Artists, und es braucht eine halbe Stunde, bis Surgeon wieder einigermaßen ansprechbar ist, die Frequenzen haben ihn mitgenommen. Erstaunlich locker und mit blendender Laune erzählt er vom ersten gemeinsamen Liveset, das die beiden auf einem von Warp ausgerichteten Festival für elektronische Musik in Sheffield vor zwei Monaten hatten. “Es war ziemlich extrem für mich, denn wir haben einen proppevollen Raum innerhalb von zwei Stunden total leergespielt. Das ist natürlich eine ganz andere Sache, als wenn ich in einem Club auflege, eigentlich das absolute Gegenteil. Wenn dir das als Club-DJ passiert, hast du wirklich ein Problem. Daran habe ich mich erstmal gewöhnen müssen, it is a different way of having fun, but it feels suitable in this room. Dieses Mal habe ich das auch erwartet, deshalb hat das Zusammenspiel auch wesentlich besser geklappt, und mir hat es sehr viel Spaß gemacht. Ich kenne Mick seit langem, in seinem Studio habe ich meine erste Platte aufgenommen, die mir lange Zeit am besten gefallen hat. Es war an der Zeit, etwas zusammen zu machen. Bei den Livesets arbeiten wir über zwei Stunden an einer Soundlandschaft. Wenn ich Musik im Studio mache, ist das etwas ganz anderes. Das ist eine sehr private Sache für mich, ich kann einfach nicht zusammen mit anderen im Studio Musik machen. Da wir über kurz oder lang aber auch ein Album zusammen machen wollen, haben wir uns entschieden, daß jeder dem anderen angefangenes Material gibt, was der dann überarbeitet. Aber wir werden uns Zeit lassen, nicht wie im Technobusiness, wo du immer eine Deadline für die nächste EP hast. Ich versuche, mehr und mehr andere Einflüsse in meine Musik zu integrieren, langsam, aber stetig den Technokontext zu erweitern.”

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