Eine Wienerin in New York vertieft sich in Menschen und Musik und taucht Bhangra-gewaschen mit "New Age Jazz" wieder auf. Susanne Brokesch hat sich mit ihrem zweiten Album "So easy, hard to practise" fünf Jahre Zeit gelassen, um dieses Mal ihre Bekannten nicht wieder zu verschrecken.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 69

Philantropische Morgenmusik
Susanne Brokesch

”So easy, hard to practice“ ist Susanne Brokeschs zweites Album. Der Titel bedeutet es: Die Platte klingt leicht und ist schwer im Sinn von gewichtig, wichtig auf ihre Art. Sie steht für ätherische Fluffigkeit mit einer konsequenten Haltung von Andersartigkeit. Was sie macht, ist experimentaler Ambient oder jazzig versetzte Elektronik mit zeitweiligem Gesang. Susanne nennt es New Age Jazz. Und suggeriert ein leichtes Schweben, wo am Stimmungshorizont von den Gewitterwolken über Gedankenversunkenes bis zum Wehmütigen alles drin ist. Sie klingt, wie man sich Anderssein vorstellen könnte. Nicht fremd, anders halt: Zeitlos, Trend verweigernd, zugestanden sphärisch, aber nicht esomäßig. Auch ganz konkret unnahbar. Durchkonzipierte Klangfelder werden zueinander nebeneinander gesetzt und erzählen kleine Episoden. Dazu stehen sie auf einer Ebene in geometrisch geordneten Reihen. Manche Tracks flüstern trancig. Wiederholungen werden durchgespielt, variieren reduziert, werden minimal im Sinn von stringent mantraartig durchexerziert. Dezente Housebeats tauchen auf.
Warum hat es fünf Jahre bis zum neuen Album gedauert? Susanne: ”Ich hatte ’Sharing the Sunhat’ (das Debüt) meinen Bekannten gezeigt und da bemerkte ich, dass es nur die wenigsten verstanden. Musik ist sehr bedeutsam in meinem Leben und ich wollte keine Spaltung zwischen meinem Beruf und meiner Umgebung haben. So habe ich begonnen, im Rahmen diverser Jobs und Ausbildungen die Anliegen meiner Mitmenschen besser kennen zu lernen.“

Hebräisch in Hollis

Vielleicht macht sie ihre Herangehensweise, ihre Art sich mit anderen auseinanderzusetzen so anders. Brokesch ist Lehrerin aus Wien und lebt in Hollis, Queens. Neben der eigenen spricht sie sechs weitere Sprachen, darunter Hebräisch und Arabisch. Einer ihrer Jobs war einmal Bademeisterin. Auf ihrer Webseite hat sie für eventuelle Nachfragen einen privaten Steckbrief gepinnt. Ihre Hobbys: gardening and literature. Klänge jäten also, Pflanzensamples sorgsam begießen, in Reihen züchten und Störgeräusche-Unkraut rausrupfen. Die Ergebnisse veröffentlicht sie auf den Labels Cheap, Säkhö und Tension, besonders gerne aber auf Disko B mit dem Kollektiv der Rancho Relaxo Allstars. 1998 hat sie Jack Kerouacs ”Unterwegs“ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vertont. Ein nächstes Projekt ist ein Live Gig im April, bei dem Lieder von Hugo Wolf begleitet werden. Ein übernächster Schritt wäre der Sound zu Theaterstücken. Oder Filmen. Angelo Badalamentis Soundtracks für David Lynch sind nicht so weit von Susanne Brokesch entfernt.
Wer ist sie noch? Ein Morgenmensch, sagt sie. Ihre Musik ist auch für morgens um sieben auf dem Winterheimweg. Wenn noch kein Dämmern in Sicht ist, kein Morgengrauen. Nur Winterdunkel und höchstens ein verwaschenes Jeansblau ohne die Röte. Musik für langsames Gehen ohne richtiges Ziel, wenn man Zeit zum Verweilen bei sich trägt. Wenn keine Geräusche sonst auf der Straße sind. Später dann klares Sternengucken aus der Dachluke, wo Klänge vorbeiziehen. Trotz allem haben ihre Klänge eine Festigkeit, was Solides und Gesettletes. Auffallend ist der erste Track, klassisch und doch anders kombiniert er eine Melodie von Franz Schubert mit verwischtem Gesang. Schönheit ist da eine Harmonie, die wonniglich sachte wegtreibt. Warum Schubert? ”Als ich noch in Wien war, mietete ich ein Metallrahmenpiano und kaufte eine alte Schubertliedausgabe“, sagt Brokesch. Der Song, eben nicht bizarr, ist ein altes Stück von den Rolling Stones, sein Text “Gotta Move” von F. McDowell.
Wie bringt sie Ruhe in ihre Musik und wie reagiert sie auf das Leben drumherum, auch auf das Musikalische? ”In dieser riesigen Stadt kennt jeder jeden, wohl weil gleiche Dinge zu gleichen Zeiten passieren. Es gibt anscheinend Sub-Dörfer. Die Möglichkeit, relativ leicht Kontakt mit anderen Musikern aufnehmen zu können, hat bestimmt einen großen Einfluss auf meine Musik. In meiner derzeitigen Neighbourhood ist es üblich, laut Musik zu spielen. Ich gehe an einem Nachbarn vorbei, der auf seiner Treppe sitzt, und Reggae tönt aus dem Autoradio: ’Too much fighting and too much sex …’ Ich wache auf zu Meditationsmusik früher Wochenendpartys, schlafe ein zu den guten Privatparty-Vibes meiner Nachbarn. Bhangra gehört mittlerweile zu einer meiner liebsten Musikrichtungen. Jede Stadt hat ihre Musik, und wenn du umziehst, bringst du was davon mit. Ich finde es wichtig, weiter deutsch zu sprechen und gebe Unterricht für alle Altersklassen“, sagt Susanne. Was Harmonie ist, frage ich sie noch. Antwort: ”Ein ruhiger Solistenchor.”

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Elektronische Lebensaspekte.