Eine der größten Popkulturen überhaupt - Sport nämlich - ist das Thema von Suse Weber, die sich vor allem dem politischen Moment des Sportes widmet. Die in Leipzig geborene Künstlerin re-inszeniert Embleme, Situationen und installiert Auszeichnungen genau an jenem Moment, an dem sichtbar wird, dass es neben dem Sport immer auch um etwas anderes geht: Etwa um Sport als politische Inszenierung einer Nation, eine Inszenierung, die Weber sich in skulpturhafter Weise in nostalgischem Material wiederholt - und dadurch sichtbar macht. Jutta Voorhoeve turnte den Wegen der Künstlerin hinterher.
Text: Jutta Voorhoeve aus De:Bug 82

Sport als Skulptur
An der Sprossenwand mit Suse Weber

Das mit der nationalen Identität ist im allgemeinen eine schwierige Sache. Nur nicht beim Sport, hier wird Flagge gezeigt und Nationalität in Ritualen festgezurrt. Die Berliner Künstlerin Suse Weber schmeißt in mitten dieser Rituale die Diskursmaschine an. Sie installiert akkurate Kulissen der Leibesertüchtigung und re-arrangiert und baut Requisiten von Sportveranstaltungen inklusive Tribüne. Rhythmus und Serie als Regulativ auf dem Sportplatz werden übersetzt in eine skulpturale Haltung, Raum über Symmetrien und wiederkehrende Musterembleme
herzustellen.

Das sitzt und hat doppelten Boden. Denn reduzierte geometrische Formen sind bekanntermaßen auch das Vokabular von Autorität, sozusagen eine Rhetorik der Macht. Weber schürft nach der Ikonografie des sozialen Ichs inmitten stereotypischer Sportive und sie erzählt ganz nebenbei soziale Geschichte. Ihre Arbeiten lassen sich auf Grund dieser Vielschichtigkeit und ihrer souveränen Ironie nicht einfach für oder gegen das eine oder andere kritische Lager lesen, sondern bauen eine schwebende Spannung der Ambivalenz auf.

In ihrer jüngsten Arbeit hat sie Europaletten zu einer rechtwinkligen Teilwand zusammengeschraubt. Glänzende Spiegelglasfolie schmückt die Innenwände, auf denen nachgebaute Sportgeräte – eine Sprossenwand, eine Turnmatte, Seile und Gewichte – angebracht sind. Der Gerätepark ist in weiß und rot gehalten, was von der Spiegelfolie irisierend reflektiert wird. In der Turnmatte aus weißem Kunstleder, hinterlegt mit rotem Satin, sind per Lochmuster Flaggensymbole eingestanzt. Türkischer Halbmond und DDR-Emblem in von Europaletten zusammengehauener Völkerverständigung der besonderen Art. Der ganze Raum eine einzige Spiegelung, in der man leicht die Orientierung verliert. Wo ist das Ende der Schaubude? Letztendlich da, wo die Ränder der Installation offen klaffen. Euro und Europa zeigen sich, wenn Spiegelwand und normiertes Billigholz aufeinander treffen. Von oben trällert ein arenatauglicher Lautsprecher Suse Webers persönliches Liedrepertoire aus Kinder-, Volks- und Kampfliedern – von ihr selbst gesungen.

Wenn man an die These denkt, dass Techno auch nichts anderes als elektrisch erzeugte Folklore sei, wird schlagartig klar, dass Volksmusik in mancher Bevölkerungsgruppe zwar out, die Strukturbedingungen aber nur ein anderes Spielkleidchen angezogen haben. Und Folklore besitzt beides: Kollektivität und gleichzeitig Individualität als Branding, Konditionierung und identitätsstiftendes Selbstgefühl. Man findet sich unter anderen. Böse Zungen haben schon immer behauptet, Sport sei Mord, insbesondere fürs Subjekt.

Tatsächlich ist das Politischste an Webers Installation nicht das Auftauchen von Flaggensymbolen, obwohl sie damit Bedeutung in die von ihr gewünschte Bahn bringt, sondern die Arbeit an der Form. Das zitathafte Aufnehmen doktrinären Styles, manifest in der klaren Symmetrie bei gleichzeitiger angenehmer ästhetischer Aufbereitung – es spiegelt so hübsch – verkeilt sich unangenehm. Die Türkei und die nicht mehr existente DDR als Parallelwelten – die Idee kommt nicht unbedingt jedem, vielleicht muss man dafür, wie Suse Weber, im deutschen Osten aufgewachsen sein. Was den Sport als staatliche Repräsentationsmöglichkeit betrifft, die internationale Anerkennung eines Landes durchzubringen, seine Kultur als Kultur festzuschreiben, aber auch was mit Kultur und ihrer Definition vom Individuum seit der Wende passiert ist – Webers Bestandsaufnahme sieht die Türken und die Ex-DDR-ler in einer ähnlichen Situation angekommen, was mit Sicherheit ein gewagter Vergleich ist, der irritiert und irritieren soll. Sport als Kulturtechnik, Nationalität nach nationenübergreifendem Schema F zu generieren, auch das macht die Installation unter anderem sichtbar.

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Elektronische Lebensaspekte.