Text: Felix Denk aus De:Bug 43

Nerds ohne Bikini
Sutekh winkt aus Californien

“California is all about bikinis, positive vibes, hollywood, and dot-commerce, no? Well, yes. So where does a record label which treads the rocky water between dance music and non-dance music fit in? It doesn’t.”
So steht es auf der Belief “Systems”/”Context” Website geschrieben. Das Label, das da zwischen Floor und Flokati vermitteln will und dennoch beide Rezeptionsmuster in Reinkultur umschifft wie Scylla und Charbydis, ist das Outlet von Seth Hovitz aka Sutekh. Aber sind nicht auch Querdenkertum, Unangepasstheit und Gegenkultur Attribute, die man so gemeinhin mit Kalifornien assoziiert? Neben der berühmten Garage von Bill Gates in den 70ern haben bestimmt kiffende Hippies gewohnt. Mit dem Unterschied, dass diese jetzt vermutlich immer noch da wohnen (und kiffen). Andererseits dürfte sich deren Gesichtsausdruck kaum von Bill Gates debilem Dauergrinsen unterscheiden. Schließt sich hier etwa ein Kreis? Wie auch immer. Context sieht sich auf jeden Fall im Zusammenhang mit Abgrenzung. Könnte man zumindest so sagen. Das hat natürlich im Umkehrschluss integrative Wirkung. Abgrenzung nach außen bewirkt Vernetzung nach innen. Entsprechend dient Context als Basis für die zur Zeit sehr rege Powerbook-Technoszene, die in der Bay Area um San Franzisko ansässig ist und deren Produktionen vermehrt auch in Europa rezipiert werden. Der Bay Area Dunstkreis umschließt Produzenten wie Kit Clayton, Safty Scissors, Kid 606, Twerk und DJ Jasper von Cytrax, die sich allesamt nicht erst seit gestern kennen. Gerne will man sich eine hyperaktive, hochtechnisierte, aber dennoch barfuß auf der Wiese tanzende Künstlerkommune vorstellen, aber so weit geht das dann wohl doch nicht. Immerhin wohnen “Safty Scissors” und Sutekh im gleichen Haus. Dass man den Eindruck einer homogenen Szene und eines regelrechten Movements bekommt, liegt wohl eher daran, dass Force Inc. et. al. in recht kurzer Zeit viel Material veröffentlicht haben. Vielleicht verselbständigt sich hier aber auch das Etikett “Powerbook-Techno”. So richtig begeistert ist Seth Horvitz nicht, wenn man im Zusammenhang mit ihm davon spricht: “Ich habe diesen Begriff auch schon in Artikeln gelesen und finde ihn ein bisschen unzureichend. Meine Musik wurde z.B. schon als Laptop-Techno bezeichnet, da hatte ich noch gar keinen Laptop. Den habe ich mir erst vor einem halben Jahr gekauft. Irgendwie wurde das zu einem Etikett. Es stimmt allerdings schon, dass wir viel mit dem Computer machen, aber andererseits produzieren die meisten Leute heutzutage so. Für mich ist der Computer vor allem für die Sounderzeugung und -verarbeitung wichtig.” Ähnlich wie Sutekh sich in seinen Produktionen technisch nicht zwischen DSP und analogen Synthesizern entscheiden will oder womöglich das eine gegen das andere auszuspielen versucht, geht er stilistisch eher weite Wege. Von brummeligen Noisescapes mit konkreten Elementen führt es über stolperige Funkminiaturen mit submarinen Glitschsounds zu einer Umgehungsstraße mit dubbigen Minimalhouse, bis schließlich die Klöppel-Techno-Autobahn mit integrierter “Hands up in the Air” Garantie (Begriff siehe Mixmag) erreicht wird. Lapidarer Kommentar von Sutekh selbst: “Ich möchte nicht, dass meine Musik zu spezifisch wird. Das funktioniert mit dem Format einer 12″. Aber auf einem Album müssen die Sachen schon diverser sein.” Bei einem so hohen Maß an Vielseitigkeit dennoch ästhetische Beliebigkeit zu vermeiden, ist ein echtes Kunststück. Ob körperlich oder nicht, Empfindsamkeit und Dancefloor-Exaltiertheit müssen sich bei Sutekh nicht auf die Füße treten. Wenn es überhaupt einen roten Faden bei seinen Tracks gibt, dann der, dass genau dieser nicht vorhanden ist. Wollte man den sozialen Rahmen potenzieller Sutekh-Hörer abstecken, wären die nachdenklichen Brillenträger in kontemplativ-schöngeistiger Introspektionshaltung genauso zu kurz gegriffen, wie die fitnessstudiogestählten Tänzer auf der Box, die nach gleichbleibendem musikalischen Schub verlangen. Es ist auch schwer zu rekonstruieren, ob der Fokus eher auf dem Rhythmus oder auf dem Sound liegt. “Ich glaube, dass mir die rhythmischen Sachen leichter zufallen. Ich versuche eine Balance zu halten, irgendwie beides unter einen Hut zu bringen.” Laut eigener Aussage war Seth Horvitz bis 1992 erklärter Feind jeglicher Tanzmusik, bis er sich dann in seinem Studentenwohnheim in der Tür geirrt hat und auf einem Rave gelandet ist. Schnell waren zwei Technics besorgt und eine zuhörwillige Öffentlichkeit gefunden: “Bevor ich angefangen habe Musik zu produzieren, habe ich aufgelegt. Ich habe damit vor etwa 8 Jahren im Rahmen einer Radioshow angefangen. Da habe ich mir Mixen beigebracht. Im Nachhinein tun mir die Zuhörer ein wenig leid (lacht). Ich habe auf jeden Fall sehr unterschiedliche Sachen aufgelegt. Manchmal spiele ich noch im Radio, in einem College Radio in Berkeley. Das schwankt dann zwischen Techno und allen Arten elektronischer Musik. Zwischendrin spiele ich dann auch mal klassische Avantgarde Stücke und ein paar Jazz Platten, HipHop oder Postrock. Bei der Radioshow geht es eher darum, Möglichkeiten zu entdecken. Wenn ich auf Parties auflege, spiele ich aber schon clubby.” Freestyle ist ja seit jeher eine kalifornische Primärtugend, aber ist das Einnehmen einer Vermittlerrolle nicht möglicherweise Resultat von hippiemäßigem Harmoniezwang? Muss man in Deckung gehen, weil Fusiongefahr droht? Nein. Die Entwarnung kann wöchentlich bei “Static” eingeholt werden, einer Clubnacht in San Franzisko, die von Sutekh und Umfeld mit wechselnden, oft internationalen Gästen beschallt wird. Wie das dann klingen kann, konnte man neulich in Berlin bei einer “American Breakbeat Party” hören. Breakbeat? Vielleicht eines der einzigen Stilmittel, die man in Sutekhtracks nicht vorfindet.

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Elektronische Lebensaspekte.