Der verrückte Crimson King der elektronischen Musik lädt zur Privataudienz. Seth Horvitz aus San Francisco, besser bekannt als Sutekh, resümiert und arrangiert das eigene Livesetmaterial zu einer Ich AG-Mix-Produktion zusammen, die sich als eine entzückend minimale "Trial and Error" Scape für die Heimapplikation entpuppt. Rohstoff für die Synapsen.
Text: olian Schulz aus De:Bug 66

Techno

In the Court of the Crimson King
Sutekh

Was steckt hinter dem Pseudonym Sutekh? Zunächst ein Glücksfall: Seth Horvitz wählt für die Bühne nicht wie sein Onkel den Nachnamen Adamson, sondern entscheidet sich für die ägyptische Übersetzung seines Vornamens. Eine Art Satansfigur aus der Mythologie am Nil, behauptet der Mann aus San Francisco. Privat zeigt das Teufelchen schon früh eine Neigung “zur extremen Seite eines jeden Musikgenres“. Der Jazz musste “richtig free” sein, die zeitgenössische Musik avantgardistisch und der Rock aufreibend noisy. Im Fegefeuer von DJ Sutekhs Radio-und Clubsets dürfte manchem kalifornischen Surfer die Welle unterm Brett verdampft sein. In Europa kennen wir Sutekh seit Beginn seiner Produktionstätigkeit 1998. Hier steht der Name für eine enorme Vielseitigkeit. Sutekh heißt reduziert grooviger Click oder Krachkollage, intimes Ruttle&Hum oder feuchtfröhlicher Funk. In verschiedenen Proportionen gemischt, arrangiert und manchmal konfrontiert. Beelzebub, mag sein, aber mit seiner Experimentierfreudigkeit gerät Sutekh zum crazy Crimson King der elektronischen Musik.

Bei der Audienz in Suite K wirkt King Sutekh ernst und sehr entschlossen, schließlich geht es um seine Musik. Mehrfach gebraucht er den Ausdruck “taking chances“: Er will Risiken eingehen, Möglichkeiten nutzen, unberechenbar bleiben und damit künstlerisch frei sein. Von sich und anderen Produzenten-DJs fordert er Abwechslung und Veränderung. Stile und Stimmungen mixen, bitte, warum ein stundenlanges, nur graduell variierendes Set? We are not pleased. Sutekh selber macht es vor. Auf der zweiten Pigeon Funk-Platte (Split-Maxi mit Safety Scissors) ertränkt er einen lässig-lockeren Bossanova in ständig zunehmendem Turbinenlärm – aber der Bossa überlebt! Zur gelungenen Selbstverteidigung gratuliert eine Hammond-Fanfare. “Pigeon Funk ist mehr ein Spaßprodukt“, erklärt Sutekh. “Es soll lässig hingeworfen und zugleich funky sein. Für Dance Tracks gibt es eine gewisse Formel. Wenn man absichtlich genau das falsch macht, kann das recht lustig sein. Ich wollte eine Gratwanderung zwischen etwas Tanzbarem und etwas, das alle DJ-Regeln bricht.“

Erdige Texturen

Eine ganz andere Schiene verfolgt er mit seinem jüngsten Konstrukt “Incest/Live“. Er recycelt das für seine Livesets produzierte Material zu einer perfekten Performance im Studio. “Das ursprüngliche Material stammt aus kurzen Stücken meiner Releases. Sie funktionieren nicht als einzelne Tracks, aber als durchgehende Einheit. Für mich war das der beste Weg, diese Arbeiten zu dokumentieren.“ Irgendwie leidet die Platte an dieser bibliothekarischen Zweckgebundenheit. Es fehlt eine gewisse Erdigkeit. So wirkt der Tonträger wie ein DJ-Mix, bei dem alle Stücke von demselben Produzenten sind. Vielleicht ein gutes Liveset, aber zu Hause sind wir von Sutekh Besseres gewöhnt. Gerade in den listening-orientierten Releases wie “Fell“ erschließt sich die Besonderheit seiner Musik. Es faszinieren die dichte, greifbare Beschaffenheit seiner Klanggebilde. Sutekh bezeichnet sie als “Texturen“, sie sind neben dem Rhythmus die Rohstoffe für ein Stück. “In einem ‘Textur’-Track kann ich auf einer breiten Skala mit subtileren Veränderungen arbeiten als bei einem Dancetrack. Es geht darum, einen Raum oder eine Stimmung zu schaffen und dennoch für Überraschungen zu sorgen. Jedes Mal baut sich eine eigene innere Logik auf. Wie bei einer Skulptur ergeben sich, wenn ich Elemente hinzufüge, neue Interaktionen. Auf eine Art ist es ‘Trial and Error’, aber am Schluss erreicht man ein System, das arbeitet.“

“Context” ist der Hof des Crimson King. Sutekh startete das Label vor drei Jahren für seine eigenen Releases und die seiner Freunde wie Twerk oder Safety Scissors. Da sie alle inzwischen bei größeren, meist europäischen Labels Produktionen herausbringen, wandelte sich Context zu einer stilsicheren Talentschmiede. Ganz der Souverän, verwahrt sich Sutekh gegen eine (typisch deutsche?) Veröffentlichungswut: “Ich warte, bis was kommt, was mir gefällt.“ Seither verdienten sich Portable, Ben Nevile und Murcof ihre erste Sporen bei Context. Zehn Platten, keine Ausfälle: Meine Hochachtung, Eure Majestät!

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Elektronische Lebensaspekte.