Mit seinem neuen Album "Fire" wird der DJ Sven Väth jetzt nicht nur gleichberechtigter Produzent (dank den ausführenden Faktoti Sensorama/ Rother; I've got the looks, you've got the brain...), er bekennt sich mit einem offenen "Wir" auch zu seiner Kulturmanagerrolle, die er mit seiner Zigarre schon immer angedeutet hatte.
Text: felix denk aus De:Bug 57

Der Star als Kulturmanager
Sven Väth und das “Wir”

Bekommt jede Gesellschaft den Star, den sie verdient? Wenn ja, gilt das auch für die ravende Gesellschaft, die zum Starprinzip immer ein ambivalentes Verhältnis pflegte? Sven Väth, das weiß jeder, ist ein Star. Als solcher muss er zwei konstitutive Eigenschaften erfüllen: Einerseits muss er weit genug von uns schnödem Fußvolk entfernt sein, wir wollen ihn ja schließlich anhimmeln. Andererseits wäre diese Projektionsfläche uninteressant, wäre er unserer Lebenswelt völlig entrückt, wir wüssten gar nicht mehr, was wir da eigentlich bewundern. Sven Väth verkörpert diese Dialektik aus Bodenhaftung und Glamour ohne irgendwo anrüchig zu werden. Der Sven geht noch selber Plattenkaufen und bleibt auch immer bis zum Schluss im Club. Dann darf er auch in Videos auftreten, ohne dass ihm das an der Basis gleich als Kredibilitätsverlust ausgelegt würde.

Das alles ist hinlänglich bekannt und gründlich beleuchtet worden. Bislang weniger ins Blickfeld geraten ist der Kulturmanager Sven Väth, der das Produkt Sven Väth vermarktet. Dem begegnet man im Gespräch mit Sven Väth dann, wenn er den Plural auspackt und “wir” statt “ich” sagt. Wer dahinter jedoch die Majestätsform vermutet, liegt falsch. Nicht das Herausstellen der eigenen Person, sondern das Reinvestieren des akkumulierten kulturellen Kapitals in die Strukturen, aus denen er kommt, will uns dieses “Wir” bedeuten. Konkret steht dahinter der Versuch, alle anliegenden Aktivitäten gleich zu vergesellschaften. Das mit dem Produzieren, das machen wir, also Roman Flügel, Jörn Elling Wuttke oder Anthony Rother. Zum Feiern fahren wir alle nach Ibiza, das organisieren wir von Cocoon und hinterher bringen wir noch die Compilation heraus. Wir machen auch Videos, und wenn das System an dieser Stelle an Grenzen stößt, wird gleich der Handlungsbedarf herausgestellt: “Da müssen wir unbedingt was tun, wir brauchen doch einen Channel”, beklagt sich Sven Väth über die Musikauswahl von Viva und Co.

Kurzum: Der Kulturmanager Sven Väth weiß um die integrative Wirkung des Stars Sven Väth. Entsprechend werden eben alle ins Boot geholt, auch oder gerade weil er letztendlich am Steuer steht. Und der Erfolg dieses Prinzips scheint uns zuzuraunen, dass dies der Star ist, den wir doch immer wollten.

Debug: Dein neues Album “Fire” vermittelt den Eindruck, dass der DJ und der Produzent Sven Väth sich näher gekommen sind. Man kann sich alle Stücke gut in deinen Sets vorstellen. Hat das Produzieren für dich einen neuen Stellenwert bekommen?

Sven Väth: Ich habe ja erst zwei Konzeptalben, “Accident in Paradise” und “The Harlekin”, gemacht, danach kam “Fusion”, mit “Contact” dann eine Kontaktaufnahme mit anderen Produzenten, die auch mehr in Richtung Club ging. Fire ist eigentlich die konsequente Weiterentwicklung für mich, um das mal auf den Punkt zu bringen, was ich eigentlich spiele. Das war mir wichtig. Deswegen auch Fire. Denn das ist es ja, was mich jedes Wochenende in die Clubs treibt, das ist die Clubmusik, mit der ich mich am meisten beschäftige. Ich kaufe sie ein, ich höre sie jede Woche, ich nehme mir Zeit, sicher 8 Stunden die Woche nur Platten zu hören, ich bekomme viel geschickt, ich lege mich auch nicht auf einen Style fest, sondern höre mir eine ziemliche Bandbreite an, was im Club passiert. Es war mir auch wichtig das festzuhalten – wie klingt heute Sven Väth im Club.

Debug: Und wie passt da “Je t’aime” hinein?

Sven Väth: Das mit Je t’aime war ja nicht wirklich geplant. Ich wollte zwar mit Miss Kitten zusammenarbeiten und habe überlegt, was man da machen könnte. In der Zwischenzeit hat der Roman Flügel mit der Charlotte von Ladomat telefoniert und ihr das erzählt und die meinte dann, dass die beiden doch nur einen Track machen könnten, und zwar Je t’aime. Erst war ich baff, aber dann dachte ich, irgendwie passt das sogar. So von meiner Stimme, dem Timbre und mit Miss Kitten. Ich habe sie dann darauf angesprochen und sie war erst mal erstaunt – so im Sinne: Was sollen meine Eltern dazu sagen. Aber dann haben wir es einfach gemacht. Wir wollten so nah wie möglich am Original bleiben, das Arrangement und die Komposition eins zu eins übernehmen und eben keine Persiflage, sondern eine Hommage an Serge Gainsbourg machen. Zu dem Stück, das muss ich dazu sagen, habe ich auch damals meinen ersten Blues getanzt. Und da schließt sich auch der Feuer-Kreis, weil es um das Thema Leidenschaft geht, und zu dem Album passt es, obwohl es heraussticht, gut dazu. War natürlich klar, dass die Nummer polarisiert, aber bisher waren die Reaktionen recht positiv.

Debug: Ist Je t’aime auch ein Seitenhieb auf diese Coverversionen Hit Maschinerie? In dem Sinne: Das können wir auch, machen es aber dennoch ganz anders…

Sven Väth: Nein nicht wirklich, Als wir Je t’aime produzierten, wussten wir nicht, dass da so viele Coverversionen kommen würden. Ich bin ja auch über die ein oder andere gestolpert. Wie zum Beispiel “Hey Little Girl” von Mathias Schaffhäuser, das ich in Ibiza oft gespielt habe und das da immer super ankam. Gerade die Mädels, die da waren, fühlten sich natürlich alle gleich persönlich angesprochen bei dem Stück. (lacht)

Debug: Techno findet ja wieder vermehrt in den Charts statt, vor allem wenn die Produktionen stark auf Popelemente setzen. Könnte es sein, dass wir bald wieder “Somewhere over the Rainbow” sind?

Sven Väth: Ich hoffe nicht. Es ist natürlich klar, dass durch die ganze Retrogeschichte, die ganzen 80er Sachen und die ein oder andere Coverversion, die jetzt gerade passiert, dass da auch mal Ausrutscher passieren werden. Nichts desto trotz, es hat mich damals auch nicht gestört. Es hat mich nicht gehindert weiter zu machen, sondern eher noch motiviert. Ich habe schon Horror gekriegt, weil der Mark Oh wieder da ist. Man spricht ja jetzt schon vom 90er Revival, es werden wieder Acid Parties gefeiert, Hip House Tracks produziert. Hoffentlich sind wir 2002 dann bei 2002.

Debug: So das wir uns selber einholen?

Sven Väth: Ja genau, das wär’s doch mal. Ich bin ja nicht so ein Freund davon. Man kann, was einen inspiriert und in der Vergangenheit etwas gegeben hat, auch mittransportieren, aber man sollte nicht die ganze Zeit zitieren. Das haben wir eigentlich gar nicht nötig, das brauchen wir nicht. Das ist einfach viel zu jung und zu frisch. Mir kommt das manchmal vor, als käme das aus einer gewissen Faulheit heraus, weil man sich einfach nicht damit beschäftigen will oder nicht wirklich auf die Suche geht nach neuen Sachen. Und das ist nun mal so, dass heutzutage viel passiert, in allen Bereichen, in allen Sparten. Geh mal in einen Plattenladen. Jemandem, der da nicht so den Durchblick hat, wird es ja auch nicht einfach gemacht, sich da zurechtzufinden.

Debug: Das ist doch vor allem ein Problem im Techno?

Sven Väth: Gerade im Techno. Deswegen haben Compilations oft so einen Zuspruch. Wir sehen das ja bei den “Cocoon” Compilations. Viele Leute haben eh keinen Plattenspieler zu Hause und wissen oft nicht, wo sie die Sachen herkriegen.

Für meinen Style gibt es jede Woche was Neues. Jetzt nicht immer etwas Bahnbrechendes, was völlig Neues, aber es sind immer wieder Produktionen dabei, da lohnt es sich weiter zu forschen. Die Zeit, die man heute braucht, um Platten zu hören und zu selektieren, das ist weitaus, viel, viel, viel mehr geworden als früher. Früher hat man das Angebot gar nicht gehabt. Ich bekomme Promos noch und nöcher und kaufe dazu noch Platten ein. Teilweise stehe ich dann vor einem Stapel Platten und sage: Sorry, Ihr werdet es nicht in meine Kiste schaffen. Es tut mir echt leid, Musik, aber ich kann nicht jede Woche meine Kiste komplett umsortieren. Immer wieder raus, rein…

Debug: Was aber alles an verschiedenen Sachen reinkommt, konnte man ja bei der letzten Cocoon Compilation “The Sound of the second Season” sehen, vor allem auf der “Dia”-Seite, auf der du ja sehr in die Breite gegangen bist…

Sven Väth: Richtig in die Breite, ja. Das ist auch so eine Sache, das kriegen nicht so viele Leute mit, dass ich auch solche Sachen spiele hin und wieder, wenn ich die Gelegenheit habe. Ich habe immer zwei Kisten dabei, und wenn ich weiß, ich kann meine acht Stunden spielen, dann macht das erst richtig Spaß.

Debug: Machst du denn das noch oft? Ich frage wegen deiner Hand…

Sven Väth: Das hatte ja nichts mit meinem Auflegen zu tun, das war eher ein Unfall, weil ich volltrunken eingeschlafen bin mit meinen Arm auf der Bettkante und nicht gerafft habe, dass ich mich mal umlegen sollte. Und dann bin ich aufgewacht mit einem Nervus Radialis Schaden, so dass ich meine Finger nicht mehr bewegen konnte. Aber nichts desto trotz, ich habe da so meine Phase, zur Zeit spiele ich ungefähr vier Stunden, aber ich habe auch Bock drauf, lange Sets zu spielen. Ich habe musikalisch mehr zu sagen, ich pack das nicht in zwei, drei Stunden. Ich finde, wenn man sich für Musik interessiert wie ich und da auch breiter gefächert ist, dann braucht man auch einfach längere Zeit. Wenn man sagt, ich spiele nur dieses oder ich spiele nur jenes und fasse das in zwei Stunden zusammen, dann hat das bestimmt auch seinen Reiz, aber ich ziehe es halt lieber ganz durch.

Debug: Cocoon steht ja auch für einen Netzwerk-Gedanken, bei dem es darum geht, sich die Rahmenbedingungen, in denen man arbeiten möchte, selbst zu schaffen. Warum kommt kein Sven Väth Album auf Cocoon heraus?

Sven Väth: Das ist eine Frage, da sagt man, das wäre doch eigentlich logisch. Aber ich habe ja auch Verträge. Und ich muss wirklich sagen, dass ich mit Virgin einen guten Partner habe. Ich glaube, ich bin einer der wenigen deutschen Künstler bei einem Major Label, der einen internationalen Plattenvertrag hat. Das heißt, ich komme weltweit raus mit meinem Album.

Und das muss man erst mal hinkriegen. Die können natürlich einiges bewegen und es gibt von Seiten Virgins keine Vorgaben oder irgendeinen Druck. Ich kann mein Ding machen und es läuft harmonisch. Das kann man wahrscheinlich selten sagen, wenn man bei einem Major ist. Mal schauen, das ist mein drittes Album bei Virgin, aber natürlich liegt das nahe, dass ich mal sage, eigentlich wäre das was fürs eigene Label.

Debug: Was kann ein Netzwerk wie Cocoon leisten?

Sven Väth: Wir bringen jetzt das erste Artist Album heraus auf Cocoon Recordings, von dem Jacek Sienkewicz, ein wahnsinnig talentierter Typ. Ich bin total happy, dass Cocoon sich so Step by Step entfaltet, dass sich da jeder einklinken und vernetzen kann, aber noch gleichzeitig seine eigenen Label oder so laufen lassen kann. Es passiert unheimlich viel Austausch, es wird viel kommuniziert, über Parties, über Produktionen, das hat es immer ausgemacht. Den Gedanken habe ich schon beim Omen und bei Harthouse, Eye Q, für mich war das damals schon so, dass ich mir überlegt habe, wie könnte die perfekte Plattform aussehen für einen Techno Produzenten und DJ. Was muss man dem bieten, dass er sich entfalten kann. Daran arbeite ich heute noch und bin immer noch am feilen. Wir haben auch neue Künstler dazubekommen, unter anderem Tube Jerk, Funk d’Void, Neil Landstrumm, Stanny Fransen, Si Begg und André Galluzi, der gibt voll Gas mit seinen “Taxi” Sachen, der ist total underrated. Dann ist letztes Jahr die Ibiza Sache sehr rund gelaufen, da sind wir auch schon wieder am planen für nächstes Jahr und konnten Richie Hawtin als Resident gewinnen. Dieses Jahr hatten wir zum ersten mal eigenen eigenen Floor bei der “I Love Techno” in Belgien. Gerade international sind wir noch dabei, unsere Fäden zu spinnen.

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Elektronische Lebensaspekte.

Was machen eigentlich hierzulande die Technoheads der ersten Stunde? Tanith produziert Big Beat, Westbam Elektro, Hell ebenso (nur ohne Versöhnung), Marusha verkauft Schuhe, nur Sven, den könnte man noch, oder mit seinem neuen Album "Contact" wieder, als Techno bezeichnen. Sascha Kösch hat nachgeschaut.
Text: sascha kösch aus De:Bug 33

/techno Vom Schamanen zum Germanen Sven Väth Sascha Kösch bleed@de-bug.de Die Verlockung war einfach zu gross. Vom Schamanen zum Frankfurter, auch wenn sicherlich etwas richtiger, hätte als Überschrift einfach nicht so gut geklungen (¨felix denk). Es war neulich in der Bravo. Ein mir unbekannter Kritiker bezeichnete Sven Väths neue Single “Dein Schweiss” als Rammstein-Techno. Eine unverschämte Bemerkung, und es ist sicher nicht ganz fair, das hier hinzukopieren, aber Sven Väth ist ein Medium. Er sagt Dinge sehr oft. “Schweiss”, das war sein letztes Wort, als er mit seinem Projekt OFF aufgehört hat, in einer Zeit vor den Technoengeln. Und dann jetzt, nach einer Phase von vier Alben mit Produzent Ralf Köster wieder sein erstes. Er erzeugt Redundanz auf eine eigentümliche Weise, die nicht nur das Phänomen Sven Väth, sondern, wie immer, wenn man es mit Medien zu tun hat, auch den Menschen ausmacht. Er erzeugt eine Transparenz, durch die man zunächst mal nicht durchblickt. Sven ist ein sympathischer. Darüber sind sich alle einig, ob die Filmcrew vom Video für “Dein Schweiss”, Alfred Biolek oder wer auch immer ihm begegnet. Und das ist einfach so. Auch wenn man in einer DPA Meldung vom 1.2.2000 über den einzigen Exportschlager der deutschen Nation im Musikbusiness, Techno, grade eben die gleichen Worte lesen kann, wie wenn man ihm gegenübersitzt. “Die Deutschen forschen mehr”, betont Sven Väth hier wie dort nach einer Tirade auf die Unmöglichkeit dieser “schockierenden Engländer, wie die dort den Trance abfeiern, so als würden sie grade erst das entdecken, was wir vor Jahren schon gemacht haben”. Auch wenn er den Topos des Deutschen als emsiger Wissenschaftler, den schon Kraftwerk ganz gut auszuschlachten wussten, erneut auf den Technoplan rufen will. Wir sind eine Nation voller musikproduzierender Einsteins sozusagen. Wobei Forscher bei Sven Väth eher ihren Körper einsetzen als einen Computer. In seinem Büro kommt einem unweigerlich die Frage: “Sag mal, was bedeuten eigentlich die roten Fähnchen?”, die selbstredend richtig beantwortet wird mit: “Da war ich überall schon mal”. Mit Sven Väth bewegt man sich immer auf dem wackeligen Boden des: “Das habe ich doch schon mal gehört.” So wie einem bei “Dein Schweiss” sofort DAF einfällt. Oder Leuten, die DAF nicht kennen, Rammstein. Partytier Worauf ich nie gekommen wäre, was auch nicht wirklich Sinn macht, ist das Bild des Körpers, das Sven Väth immer wieder in sich selber verkörpert. Ein Bild der Diffusion, der Auflösung von Menschen in einem Destillat. Ein Bild von einem Mensch mittendrin, nicht das der Kontemplation einer strahlend scharfknochig muskelbeölten Heroisierung. Mittendrin ist das Gegenteil von im Zentrum. Sieht man sich um in der Wüste, die die Vorsprecher der selbsterklärten Technonation hinterlassen haben, in den Postloveparademüllbergen der Garde (glücklicherweise gescheitert an der Unfähigkeit, die selbsternannte Hauptströmung affirmativer Technizität überhaupt begreifen zu können) unseres heiligen DPA Exportschlagers Techno, dann sieht man einen Tanith, der Big Beat macht, Westbam, der Elektro macht, Hell ebenso, nur ohne Versöhnung, Marusha verkauft wahrscheinlich wieder Schuhe, nur Sven, ja vielleicht, den könnte man noch, oder wieder, als Techno bezeichnen (der Ausflug mit “Fusion”, seinem letzten Album, hatte ja schon anderes, Kosmopolitischeres angekündigt), als deutsch: UR würden vielleicht sagen Afro-Germanic. Mike Ink würde sagen: deutscher Reggae. Im Grunde aber ist “Contact”, Sven Väths neues Album, erstmal ein Frankfurter Ding. Eine Kooperation zwischen ihm, Alter Ego (Roman Flügel und Jörn Wuttke), Johannes Heil und Anthony Rother, die mit ihm die Tracks produziert haben und dabei ihre Vorstellung von dem, was Sven Väth bedeutet, mit Sven Väths Vorstellung, was er bedeutet, abgeglichen haben. “Lass uns mit deiner Stimme arbeiten”, war wohl einer der ausschlaggebenden Ideen, die alle hatten. Mit dem Sinn, den die Stimme macht, wenn man an einer Identität bastelt, die sich nicht verändern soll, sondern endlich mal das erfüllen, was man von ihr erwartet. Nach seiner Zeit als elektronisches Vorzeigekind mit “Electrica Salsa” (als es noch wichtig war, wer der erste war) und einigen Glanzbildern in einer technoeuphorischen Presse (als die Bassdrum in der Süddeutschen noch Elefantenfüsse hiess), dem Mensch als Partytier, bis zur Sauerstofflasche und E-Vernichtungsmaschine, dem fröhlich affirmativen Austausch von Körperflüssigkeiten (bevor die Loveparade zu Porno wurde), ein paar Trancekonzeptalben, die mich persönlich so gar nie interessieren konnten, vermutlich aber an Goa nicht ganz unschuldig sind (Fussmassage, Ajurveda, blabla usw, die Äusserung all solcher Vokabeln sollte man nach unserer Meinung mit einem lebenslänglichen Volkshochschulkurs in Sanskrit bestrafen), dem musikalischen Wechselbad einer vermeintlich nahenden Hochkultur elektronischer Musik, das Fusion war (wo Sven den Reinald Goetz-, Westbam-, Goethe-Backlash mit dem Style eines Markenbrandings versehen wollte), galt Sven Väth zuletzt, im Schulterschluss mit diversen Posses wie einer gegenseitigen Bewunderung von Mike Ink und Sven Väth im Rücken, als einer der wenigen, die immer wieder, egal wofür sie als “Produzent” standen, vor allem als DJ, über Chartlisten usw. auf der “richtigen” Seite waren, und dafür auch etwas getan haben. DJ vs. Produzent ”Sven Väth hat einiges bewegt”, hört man öfter mal. Wenn auch nie musikalisch. Er selber weiss es am besten und will jetzt langsam ein eigenes Studio aufbauen, um auch zu diesen Forschern zu werden, die er als DJ immer verkörpern wollte. Dabei ist die Funktion von Sven Väth immer die einer Brücke. Das will er auch sein. Verbinden: Crowds, Stile, Oldschool. “Mir fehlt bei der neuen Generation von DJs, die einfach ankommen, ihre eineinhalb Stunden abreissen, das Geld einstecken und tschüss, einfach die Idee.” Er selber hat noch die eigene DJ Kanzel geputzt. Aber zurück geht es auch nicht mehr, und sein Club Cocoon hält sich auch in der Schwebe zwischen Looptechno und gelegentlichen Experimenten, auch von ihm (Windowlicker, Plaid und Adam Beyer, mix das….). Die Realität ist immer etwas komplexer, als man vermitteln möchte, und damit arbeitet Sven Väth seit Jahren gut, auch ohne dass er es formulieren müsste, grade weil er “Brücken baut”, erziehen will, aber auch mitgehen. Looptechno, btw., Technosound Nr.1 nach wie vor, der die meisten Leute zieht, was Techno betrifft, ist keine deutsche Erfindung, und auch so ein bisschen der Irrsinn in der Gleichung: Deutschland vs. England, wie eben auch die “Forscher” nicht die sind, die nennenswert die Aussenhandelsbilanz verzuckern (Eurodancetranceschrott). Also eben doch kein Schamane, kein Germane, sondern jetzt, in dieser Situation ein Frankfurter. Sven Väth kehrt heim und zieht mit der Heimat aus. “Die Fühler ausstrecken in der Region, das war spannend. Und wir haben alle ja noch nicht zusammengearbeitet. Wir haben auch verschiedene Erlebnisse des letzten Jahres, bei denen wir dabei waren auf dem Album umgesetzt, wie Vision in der Schweiz, ein Electronic Musik Festival in den Bergen, was wir jedes Jahr machen, jedes Jahr auf einem anderen Berg. Und Laila ist immer am Forschen mit den ganzen Bauern und den Ämtern, dass wir da die Genehmigungen bekommen, auch Ibiza, unser spiritueller Garten, wo wir uns auf der Wiese gewälzt haben und uns Platten vorgespielt haben”. So macht arbeiten Spass. So versucht Sven Väth auf etwas zurückzukommen, das eingebunden ist, in den Rest dessen, was man so treibt. Anders als auf einer reinen Medienschiene. Sven Väth versucht mit “Contact” – auch hier wieder eine Rückkehr – Musik als das zu hören, was sie mal war. Etwas, das Leute miteinander verbindet. Irgendwie. Präzise wird Sven Väth eigentlich nie. Muss er nicht, will er nicht, erkennt er selber auch an. Und der etwas gescheiterte Versuch ein Hightechvideo für “Dein Schweiss” zu machen (das Video mit dem einen digitalen Effekt und der unsäglich schlappen Motorradnummer, die einer Hollywoodstudiopräblueboxära der 50er entnommen sein könnte, als Regen noch aus der Gieskanne kam, und die stürmische See auf der Leinwand hinter den mit Windmaschinen angeblasenen Hauptdarstellern einfach aus einem anderen Kosmos zu stammen schien) wird Sven Väth eigentlich gerechter, als wenn es nach R’n’B Standards ein perfektes Video wäre. Thematisch, im Gegensatz zu technisch, ist es genauso durchdrungen von dieser Message, die Sven Väth ist, und mit der er sein neues Album auf “Pathfinder” beginnt. “Das ist richtig, du hörst es einfach auch raus. Es ist vielleicht ein bischen grober, und nicht ganz so fein, geschliffen, superharmonisch wie das letzte Album, aber es ist ein Funken lebendiger, es ist gelebt worden. Das ist halt auch Väth irgendwo. Eigentlich ist nur ein Track mit Message drauf, Pathfinder, Wegfindung, der Weg ist das Ziel, so wie ich halt auch drauf bin, in mein deutschenglisch verpackt. Aber es ist ehrlich gemeint, die Message, und so soll es auch rüberkommen.”

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