Immer mal den Reset-Knopf drücken
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 175

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Verdubbte Tradition: Der Berliner hat in seiner noch kurzen Karriere mit zahlreichen 12″s und verstreuten Alben Techno und House erst entschleunigt und dann weiterentwickelt. Und wenn er als DJ – mittlerweile weltweit – unterwegs ist, konterkariert er das selbst gewählte Bremsmanöver mit einer Packung Detroit in Überschallgeschwindigkeit. Sein neues, zweites Album zeigt unterdessen, in welche Richtung Weisemann in Zukunft experimentieren wird.

Über Sven Weisemann zu sagen, er lasse sich Zeit, klingt ein bisschen schief, wenn man sich seinen Weg bis heute ansieht: Mit zwölf Jahren begann der Produzent und DJ, inspiriert vom Tonschaffen aus Detroit und Chicago, in seiner Geburtsstadt Potsdam und Umgebung Platten aufzulegen, seine erste Veröffentlichung folgte mit 21. Seitdem erscheinen regelmäßig EPs und Alben seiner diversen Projekte, vieles davon auch im Verborgenen – das liest sich wie die Vita von einem, der energisch nach vorn drängt. Überstürzt scheint der heute 28 Jahre alte Musiker allerdings nicht vorzugehen. “Erste Tracks habe ich schon 2001 produziert, auf Platte erschien jedoch erst 2005 mein Debüt. Es musste reifen.” So viel Geduld sei branchenuntypisch. “Heute lässt sich keiner mehr so viel Zeit.”

Unbefangene Reflexion
Ein Grund für Weisemanns Produktivität liegt sicher darin, dass er so ziemlich jede freie Minute zum Musikmachen nutzt. Längere Phasen, in denen er nicht produzieren kann, machen den Wahlberliner fast schon nervös. “Nach zwei Wochen wird es kritisch.” Dafür kann er mittlerweile, wenn es passt, in kürzester Zeit zu Ergebnissen kommen. Wie bei dem atmosphärischen Klavier-Track “Between Me & You” zum Beispiel, den es aktuell nur auf seiner Soundcloud-Seite zu hören gibt. “Der ist für mein nächstes Album. Ich arbeite an einer Art Soundtrack mit Klavier. Das Stück habe ich in drei, vier Stunden geschrieben, eingespielt und aufgenommen. Manchmal bin ich so im Flow, da ist so ein Track schnell fertig.”

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Meistens entstehen die Stücke ohne ein konkretes Projekt im Hinterkopf. “Ich mache eigentlich immer Musik. Obwohl ich das ja gar nicht müsste, so lange keine Deadline für einen Release über mir schwebt. Ich mache das für mich. Mir ist das wichtig. Und wenn dabei etwas entsteht, was Teil einer Veröffentlichung sein könnte, dann notiere ich das entsprechend.” Da überrascht es nicht, dass die Stücke auf seinem neuen Album “Inner Motions”, einer Sammlung von wunderbar räumlichen und ausgeschlafenen Dub-House-Nummern mit einigen kontemplativen Zwischenspielen, komplett aus älterem Material besteht. Für Weisemann durchaus ein Anlass zur Selbstreflexion: “Ich bin sehr stolz, dass das Album jetzt raus ist, es sind aber eben auch Tracks von 2006 bis 2008. Die Stücke spiegeln nicht wider, wie ich jetzt produziere. Manchmal vermisse ich die Unbefangenheit von damals, man war noch nicht so festgelegt in der Herangehensweise. Entsprechend mehr traute man sich auch. Man sollte eigentlich immer mal versuchen, den Reset-Knopf zu drücken und ganz unbeholfen so tun, als ob man keine Ahnung habe – einfach mal was machen.”

Erstmal reduzieren
Was bei ihm recht selten vorkommt, sind reine Clubtools. Stattdessen höre man in seinen Tracks oft “den Musiker raus”. Auch auf “Inner Motions” gibt es vereinzelt Klavier-, Gitarren- und Streicherklänge, die das Arrangement anreichern. “Das Einfache liegt mir nicht so. Es ist doch so: Je weniger Elemente man hat, desto stimmiger müssen die miteinander verbunden sein. Mit drei, vier Ideen einen Track zu bauen, der einen berührt oder in Trance versetzt, das muss man erst einmal können. Und darauf zu kommen, das ist super schwierig. Die einfachsten Lieder, etwa Scott McKenzies ‘San Francisco’, Bob Dylans ‘Blowin’ in the Wind’ oder ‘Knockin’ on Heaven’s Door’, das sind die einfachsten Tunes, die es gibt, das sind drei Akkorde, aber es geht einfach rein.”

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Für seine eigene Arbeit heißt das: hier und da ein bisschen spartanischer vorgehen. Auch wenn es schwerfällt. “Manchmal schlage ich mir auf die Finger und sage: Mensch, jetzt mach doch mal weniger. Oder: Ach komm, das nimmst du wieder raus, speicherst du ab und machst daraus wieder einen neuen Track. Kommt mittlerweile öfter vor. Gerade bin ich mehr auf dem reduzierteren Trip.”

Interessant ist, dass Weisemann zu Hause am liebsten Soul, Klassik oder Filmmusik hört. Und Reggae. Das Album “The Wailers – Best of” läuft bei ihm ungefähr einmal die Woche. Elektronische Musik spielt er hingegen fast keine, wenn er nicht gerade produziert oder Platten für seine Sets kauft. “Man hat den Sound irgendwann doch satt. Das ist auch ein Grund – was viele Leute nicht so verstehen –, warum ich als DJ nie eigene Sachen spiele. Ich habe noch nie in meinem Set eine Platte oder einen Track gespielt, der schon veröffentlicht ist. Neue Sachen ausprobieren, klar. Wie die im Club klingen muss man ja wissen, um im Zweifelsfall nachzujustieren. Aber man hat als DJ doch in der Regel nur zwei bis drei Stunden. Warum soll ich da mein eigenes Zeug spielen? Ich habe das schon so oft gehört, das sollen doch die anderen DJs auflegen.”

Ganz der Musiker
Weisemanns Vorliebe für Soul schlägt sich unter anderem in der Räumlichkeit seiner Produktionen nieder. “Ich achte besonders auf das Stereo-Panorama. Die Hi-Hats setze ich zum Beispiel nie mittig, sondern mehr rechts: eine alte Motown-Tradition. Dadurch ergibt sich ganz automatisch eine andere Dynamik. Der Raum verändert sich. Alles mittig setzen? Das kann ja jeder.”

Darüber darf man nicht vergessen, dass Weisemann, der schon mit 17 im alten Tresor Club in der Leipziger Straße auflegte – unter Aufsicht seiner Mutter, die sich auf der Tanzfläche bestens amüsierte –, vom Musikhören zum Musikmachen kam. Er war erst DJ und dann Produzent. Klavierspielen brachte er sich selbst bei. “Dieser Werdegang passt für mich. Bei Musikern, die erst später DJs werden, geht diese Entwicklung leider oft schief. Umgekehrt kenne ich viele gute Beispiele. Wenn man mehr ins Musikalische geht, was ich ja auch mache mit Jazz und der Filmmusik, dann ist das noch mal ein anderes Ding. Ein Musiker wird nie so produzieren wie ein Techno-Produzent, das geht halt nicht. Nicht wirklich. Es ist ein experimentelles Feld. In meinen Produktionen hört man es ja. Ich habe immer elektronische Sachen mit akustischen Instrumenten kombiniert.”

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Wo es passt, spielt Weisemann nebenbei auch Solo-Klavierkonzerte. Letztes Jahr trat er nur mit Piano beim Amsterdam Dance Event auf. Allzu oft möchte er sich mit dem Klavier jedoch nicht in die Öffentlichkeit wagen. “Das ist ja etwas sehr Persönliches und eine extrem intime Atmosphäre. Ein Mal im Jahr reicht mir das, glaube ich.”
So gesehen kann man Weisemann wohl glauben, wenn er sagt, dass es ihm beim Musikmachen und Auflegen, von dem er schon seit einigen Jahren lebt, nicht in erster Linie ums Geld geht, sondern um die Musik selbst und so etwas wie ein selbst bestimmtes Leben: “Für mich ist der Spaß an der Sache wichtig und die Zeit für mich selbst. Ich muss nicht um 7 oder 8 aufstehen, weil irgendein Chef das will. Ich kann mir die Woche so gestalten, wie ich will. Das finde ich echt toll, dass ich so ein Leben leben darf, und ich genieße jeden Tag.”

Sven Weisemann, Inner Motions, ist auf Mojuba/WAS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.