Text: sven von thülen aus De:Bug 63

Didaktisches Raven
Swayzak

Der gemeine Engländer an sich, wir verallgemeinern hier jetzt mal ein bisschen, hat keinen sehr ausgeprägten Sinn für Subtilität. Zumindest wenn es um Musik geht. Wenn er am Wochenende zum Working Class Hero mutiert und sich vom Pub um die Ecke in den Club seiner Wahl aufmacht, um dafür zu sorgen, dass er schon am sechsten Tag ruhen muss, dann mag er seinen Soundtrack vor allem eins: “banging”. Rocken soll es. Nicht umsonst haben die Engländer auf ihrem balearischen Außenposten Ibiza vor fünfzehn plus x Jahren Dance- und vor allem Ravekultur erfunden und ganz Europa damit infiziert. Traditionen sind dafür da, dass man an ihnen festhält. Und sie pflegt. Für gepflegten musikalischen Minimalismus konnte man sich ganz im Gegensatz zu den auf dem europäischen Festland ravenden Nachbarn aber nie wirklich erwärmen. Ausnahmen bestätigen da wie immer die Regel. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass in der englischen Hedonisten-Bravo “Mixmag” der “grandiose” Fatboy Slim-Remix des als langweillig geschassten Originals “Bushes” von Markus Nikolai wegen einer ungemein wichtigen Rave-Primärtugend abgefeiert wird: er ist “banging”!

Anti-Ladism?!

Von hier ist es jetzt nicht weit zu Swayzak, denn auf dem dritten Album der beiden Londoner hat, neben nicht weniger populären Gästen wie Adult, Kotai, Carl Finlow und Headgear, mit Clair Dietrich die selbe Chanteuse, die mehrere Markus Nikolai Tracks – und eben auch jenes “Bushes” – mit ihren Vocals veredelt hat, für einige Tracks das Mikro in die Hand genommen. James Taylor und David Brown, die vor fünf Jahren ihre erste 12″ als Swayzak veröffentlichten, gehören zu den musikalischen Renegaten auf der Insel, deren Aufmerksamkeit eher Richtung Köln oder Berlin wandert, als in London zu verharren. Lieber Studio 1 und Basic Channel als Ministry of Sound. “Sehr viele britische Menschen, vor allem die Presse, ist sehr xenophob, wenn es um Musik aus Europa, Deutschland, Frankreich, woher auch immer, geht. Dabei passiert dort viel mehr als in England. Mit der Groovetechnology Mix-CD wollten wir den Leuten hier genau das zeigen. Eigentlich sollte diese Compilation nur in England veröffentlicht werden. Bis !K7 anfragte, ob sie sie lizensieren könnten. Achtzig Prozent der Tracks auf diesem Album sind aus Deutschland und auch die meisten Platten, die wir uns kaufen, sind aus Deutschland”, erklärt David und nickend pflichtet James bei: “England ist musikalisch gesehen nicht sonderlich wichtig für uns. Es fängt aber an, sich zu ändern. Die Leute hier öffnen sich langsam, aber außer der Freaks-Posse, Baby Ford und Steve O’ Sullivans Label Mosaic gibt es hier nicht viele Gleichgesinnte.”
Ein Anzeichen, dass sich in ihrer Heimat langsam die Vorzeichen ändern, mag auch ihre unregelmäßige Residence im Londoner Club “Fabric”, den man wohl (abgesehen vom Booking) in die Reihe der englischen Clubs stellen kann, bei denen Superlative wie “mega” oder “super” als adäquate Beschreibung einfach zum guten Ton gehören, darstellen. Überhaupt ist hier die Hegemonie der üblichen Verdächtigen aus der alten Garde britischer Ravemafia à la Judge Jules, Paul Oakenfold und Tall Paul aufgebrochen. Stattdessen werden schon mal Leute wie Akufen, Steve Bug oder MRI eingeladen.

Komm, tanz mit mir

Swayzak haben sich ganz im Gegensatz zu geistesverwandten Produzenten aus London nie auf einen Stil festgelegt. Während sich Steve O’ Sullivan ganz seinen dubgeschwängerten Reggae-Einflüssen hingibt und die Freaks-Posse ihre Vorliebe für klassiche Garage-Tracks durch den digital jackenden Minifunk-Wolf dreht, sind David und James bis jetzt immer gleich auf mehreren Baustellen aktiv gewesen. Von agilen, discoiden Housetracks über nüchterne Clicks und Cuts-Exkursionen, verrauschte Dubtechno-Schleifen oder leicht angekitschte Retrohits war bis jetzt so ziemlich alles möglich. Eben je nach Label, auf dem sie gerade etwas veröffentlichten. Von Force Tracks über Theorems THX, The Medicine Label bis zu ihrem eigenen Label Swayzak. Für “Dirty Dancing”, dem neuen, dritten Album der beiden, der Name soll, wer hätte das gedacht, natürlich nicht auf den wohlbekannten, gleichnamigen Teenietanzschocker rekurieren (“everyone likes to dance dirty sometimes”), hatten sie sich jedoch vorgenommen, ihren Drang zum offenherzigen Eklektizismus ein wenig Einhalt zu gebieten. James: “Wir hatten kein wirkliches Konzept, als wir mit dem neuen Album anfingen, und haben erst mal die Sounds genommen, die sich cool anhörten. Aber wir wussten, dass wir ein relativ kurzes, kohärentes Album machen wollten. Kurze, kompakte Tracks. Unser letztes Album (“Himawari”) war einfach viel zu lang mit zu vielen verschiedenen Stilen drauf. Es hat sich darin total verloren. Den selben Fehler wollten wir nicht noch einmal machen.” Und siehe da, sie haben ihn nicht noch einmal gemacht. Und nicht nur das, “Dirty Dancing” ist gleichzeitig auch überraschend retro geworden. Auch wenn die beiden ihr Gespür für poppige Dancefloorhits mit Retroeinschlag spätestens mit “State of Grace”(hier als Tribut an Kraftwerk und Giorgio Moroder getarnt), dem mit Kirsty Hawkshaws zuckersüßen Vocals getoppten Konsenshit des letzten Albums bewiesen haben. So passt die Auswahl der Leute, die Vocals beigesteuert haben, ganz gut in den etwas oldschooligen Vibe, der zwischen Elektroreminiszenzen, etwas Detroit-Flair und für Swayzak sehr ravigen, kühlen, minimalen Technotracks mit Popappeal hin und her mäandert. Für den Produktionsprozess der Vocaltracks, und auf “Dirty Dancing” wimmelt es geradezu vor Vocaltracks, haben sich die beteiligten Seiten für die kostensparende digitale Autobahn entschieden. Will heißen, dass nur Daten und Biomasse hin und hergeschickt wurde. David: “Wir haben allen einfach Soundfiles und Skizzen von den Tracks geschickt, damit wir London nicht verlassen mussten (lacht). Und es war wirklich super, als wir dann die ganzen neuen Sachen geschickt bekommen haben und uns an unseren neuen Laptops durch das Audiomaterial arbeiten konnten. Anhören, hier und da ein wenig ändern und umbauen, zurückschicken, eigentlich war das fast wie Remixen.”

Ihr Studio hat sich mittlerweile, ganz der Album-Maxime klein und kompakt folgend, in zwei formschöne Laptops verwandelt, auch wenn sie manchmal noch ins Studio gehen, um einzelne Sounds einzuspielen. Mit Abletons Software “Live” haben sie dann auch einen zuverlässigen Partner gefunden, der Swayzak live nicht im Stich lässt. James: “Ich liebe unsere Laptops. Jetzt muss ich keine Synthies oder anderes Equipment durch die Gegend schleppen, fühle mich nicht mehr wie ein Rockstar und bin deswegen weniger gestresst.” Na dann, viel Spaß auf Tour.

http://www.swayzak.com

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Elektronische Lebensaspekte.