Nach dem Zusammenbruch kommt das Album
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 111


Rico Henschel ging durch die WEb1.0-Blase, um seine Bestimmung zu finden: Musik. Nach dem Zusammenbruch kommt das Album.

Der fälschlich prognostizierte Boom und darauf folgende radikale Absturz der New Economy hat mitunter seine guten Seiten produziert. Sieben Jahre später sind die Kinder des Web 1.0 – damals mit guten Abfindungen und viel Zeit in die sich digitalisierende Welt entlassen – auf neuen Pfaden unterwegs. So hat sich auch Rico Henschel aka Sweet’n’Candy 2001 überlegt, was er mit seiner neu gewonnenen Freizeit am besten anfangen soll, nachdem ihn der Chef der New Media Agentur eines Freitagmorgens die Zwangskündigung unterschreiben ließ. Die Optionen “Kopf hängen lassen“ oder “Bis zur Entwicklung des AJAX-Scripts warten, um Myspace, Youtube oder Flickr zu gründen“, fielen weg. Was blieb, ist die Musik. Am Ende von sechs Jahren Minimal und zahllosen Live-Gigs steht bei Sweet’n’Candy nun ein Debut-Album auf dem Vertrauens-Label Raum-Musik vor der Tür.

Um vorab mit einem falschen Mythos aufzuräumen: Die Beinahe-Tautologie in der Namensgebung Sweet ‘n Candy verwirrt Veranstalter, Presse und Review-Schreiber gleichermaßen. Muss ich jetzt zwei Flüge buchen? Wie schaffen es die beiden, so einen einheitlichen Sound zu produzieren? Die Antwort steckt in der Tautologie: eine Häufung gleichbedeutender Wörter derselben Wortart. In diesem Fall ist zwei also gleich eins. Rico Henschel ist Sweet ‘n Candy. Alles andere ist schlichtweg falsch.

Debug: Du hast dir mit dem Release deines Albums viel Zeit gelassen. Was ist der Grund dafür?

Rico: Ich habe mich eigentlich immer ein bisschen davor gedrückt, mehr als eine EP zu machen. Ich hatte auch schon Anfragen von Lebensfreude und anderen Labels, die meinten: “Hey, mach doch einfach mal ein Album und wir schauen mal, was daraus wird.“ Aber ich hab’ dann immer gesagt, einfach mal so ein Album machen, das will ich nicht. Dann packt man irgendwelche Tracks zusammen, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen werden und vielleicht auch gar nicht gut zusammen klingen. Vor gut eineinhalb Jahren kam dann Raum…Musik auf mich zu und meinte: “Du hast ja bei uns schon drei Maxis releast, also könnten wir ja mal zusammen ein Album machen.“ Da hat das Vertrauen einfach gestimmt und ich hatte nicht wirklich diesen Druck.

Debug: Das Album ist also keine bloße Tracksammlung.

Rico: Genau. Es soll eine Art kleiner Querschnitt durch meine Sounds sein. Die letzte Dumb-Unit, die ich gemacht habe, die klingt ja schon anders als alles, was ich davor gemacht habe. Etwas geradliniger, straighter. Von den Sounds her auch ein bisschen fetter. Ich habe viel an meiner eigenen Klangästhetik gearbeitet und herausgefunden, wie ich einen wirklichen fett klingenden Bass oder eine fett klingende Kick hinbekomme. Einige meinen, ich hätte mit “Tacky Wackeup” eine Welle von swingenden Percussions losgetreten bzw. wäre mit einer der Ersten gewesen, die das so ausführlich gemacht haben. Das ist in meinen Augen zwar nicht so gewesen, aber trotzdem findest du auf “Once upon a time …“ auch genau diesen trockenen Sound. Gleichzeitig hast du auf dem Album aber auch Sachen drauf, die sehr große Flächen oder Räume haben und sich in ihrer Reduziertheit entfalten.

Auf “Once upon a time …“ fällt einem diesbezüglich besonders der Track “There“ auf, der sich vom gewohnten Sound durch flächige Melodien und tiefe detroitige Synthesizer abhebt. Bewegt sich Sweet’n’Candy, ein Vorreiter des trocken plonkernden Minimal-Sounds, einer, der auch für die musikalische Prägung von Raum…Musik stark mitverantwortlich ist, nun weg vom Minimalen? Nein. Denn “Once upon a time …“ ist auch das, was man von einem Sweet’n’Candy-Album erwartet: auf positive Weise. Funkiger reduzierter Sound zwischen dubbigem House und Techno, mal verspielter, mal straighter, mit viel Liebe zum Detail produziert. Ein Album, das man in seiner gesamten Breite am besten wohl zu Hause hört, das aber in einzelnen Tracks auch im Club bestens funktionieren sollte.

Ein Bruch vom reinen minimalen Clubsound ist es für Rico Henschel dennoch: “Obwohl ich das Wort Minimal nicht ausstehen kann, war mit der Musik wirklich alles gut und schön, wie es über die letzten Jahre gewesen ist. Aber ich denke, jetzt muss es langsam mal wieder so einen kleinen Schritt vorwärts gehen. Das heißt nicht etwa, dass man all das wegwirft, was man sich geschaffen hat, man kann das ja weiter mitbenutzen, aber vielleicht sollte man auch mal wieder eine flächige Melodie einbauen, ohne gleich in den Kitsch zu verfallen. Oder DJs könnten mal wieder ein paar Höhepunkte in ihre Sets einbauen, anstatt den gesamten Abend über denselben Sound zu spielen. Ich versuche das zumindest.”
http://www.myspace.com/sweetncandy 

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Elektronische Lebensaspekte.