Wenn man an das Hitwunder-Duo Grom denkt, kommt man an straighten Orgien, nackten Musikern, rosa Schwänen und heterosexuellen Austauschschülern nicht vorbei. Das Nachfolgeprojekt der einen Hälfte von Dakar und Grinser tauscht Kampfhunde gegen Schlangenmusteroveralls und gewinnt Sympathiepunkte.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 68

Mein Herz ist ein Reisebus

Im sehr heißen Sommer 1985 hielt ein Reisebus am Zonenrandstreifen, um eine westdeutsche Schulklasse und ihre französischen Gastschüler in den Staub vor den Aussichtstürmen in den Ostblock auszuspucken. Im pädagogischen Sinn spielt sich die Szenerie in guten alten Zeiten ab, da Fünfzehnjährige damals im Umgang mit illegalen Drogen noch äußerst ungeübt waren und sich die modernen Zeiten höchstens durch die grassierende Walkman-Plage pastellfarben andeuteten. “Smalltown Boy” konnte so in den noch nicht voll verdrahteten Hirnen einer ganzen Generation seine Wirkung unangefochten entfalten. Und auch wenn der französische Austauschschüler ein sportlicher Streber mit Pickeln war, der in hellblauen Frotteepyjamas, die zwei Nummern zu klein waren, zu nächtigen pflegte, gab es in echt so gar nichts Schwules. 17 Jahre später haben sich viele Dinge grundlegend geändert, der Umgang mit illegalen Drogen ist geläufig, die Sonne knallt nicht mehr auf die Mauer, sondern geht über dem Ostberliner Hauptbahnhof auf und bestrahlt auch die morgendliche Tanzfläche, nur die Verdrahtung für guten Pop ist stabil geblieben, genau wie die für das heterosexuell sein, auch wenn die Jungs jetzt gut durchtrainierte Oberkörper und gepiercte Brustwarzen haben.
Botschaft! Über Grom reden heißt, über die ehrenwerte Tradition des zivilisierten Pop zu reden, in dem Leiden nicht mit Wut, sondern mit schönem Weh verknüpft ist und Johnny sich erinnern wird, egal ob das 1967 in Memphis, 1985 in London oder 2002 in Berlin passiert. Aber Obacht! Fallstricke lauern auf diesem Feld selbstredend zuhauf und schnoddrige Musikjournalisten – nebenbei ein im höchsten Maße fragwürdiger Beruf – produzieren angesichts Grom Beschreibungen wie “Schlagertechno halt” oder jetzt kommt es ganz dicke – “elektronische Romantiker, die sich aus der unterkühlten und doch anschmiegsamen Soundästhetik und der nie ganz distanzlosen Emotionalität der Texte eine eigene Welt der artifiziellen Herzlichkeit gebaut haben”. Solche Sätze sind natürlich wirklich unschön und es war bestimmt nie die Intention von Michelle Grinser und Florian Horwarth, solche Absonderungen zu provozieren.

Auf Tour mit Depeche Mode

Für die Tour mit DM musste sich Grom dann ausgerechnet einen opulent umgebauten Reisebus zulegen, der – wie es eine glückliche Fügung wollte – günstig aus der Konkursmasse einer US-Monsterrockband übernommen werden konnte: “Depeche haben gesagt: Wir fahren mit keinen PKW-Wichsern”, erläutert Herr Horwarth die Anschaffung. Die macht sich allerdings vor allem für Herrn Grinser immer wieder bezahlt, weil er sein Schlangenkostüm mit passenden Schuhüberzügen in mehreren Farben besitzt und er sich im aus Kostengründen stillgelegten Whirlpool ungestört umziehen kann. In Wien wird der Vorteil dieser Umkleidekabine schnell deutlich, wenn man – wie der Autor dieser Zeilen – einige Wochen vor dem Grom-Gig das zweifelhafte Vergnügen hatte, im Backstage des “Flex” eine sechsköpfige Swingband beim Anlegen ihrer froschfarbenen Retro-Anzüge zu beobachten. Ansonsten gilt es, die üblichen Vorteile eines Tourbusses zu nutzen, von denen Teenager mit französischen Austauschstudenten immer schon geträumt haben: DVD-Abende und Sex. Beides sollte zwanglos ineinander übergehen, genau wie die Grom-Bühnenperformance in eine echt berauschte Ravermasse, was leider nicht immer der Fall ist. Aber wie der eigentlich ungewollte Tourbus und die hellblauen Frotteepyjamas zeigen, liegt es manchmal einfach am Setting, ob der gute Pop die Seele rocken kann oder vor blöde Säue geworfen wird.

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Elektronische Lebensaspekte.