Das Rauschen wird lauter
Text: Felix Denk aus De:Bug 111


Wer über Jahre im Berliner Technoheiligtum Hardwax arbeitet, entwickelt zwangsläufig eine spezielle Sicht auf elektronische Musik. Das kann man auf den Labeln MDR und Erosion nachhören.

Über den Tresor hat mal jemand geschrieben, er sei ein Monument der Hartnäckigkeit. Derzeit ist Pause im Monument der Hartnäckigkeit. In der Leipziger Straße 126a zieht die Volksfürsorge einen Neubau hoch. Aber seine Stahlkammer, die hat Dimitri Hegemann vor den anrückenden Baggern gerettet. Bald soll sie wieder aufgebaut werden. Der Techno-Club, der am stärksten von seiner Räumlichkeit lebt, eröffnet demnächst wieder – in neuen Räumlichkeiten: in einem Heizkraftwerk einige Kilometer weiter östlich.

Mindestens genauso hartnäckig ist ein ganz anderes Monument in Berlin, das Hardwax. Das mag ein Plattenladen sein, aber eigentlich ist es eine Techno-Pilgerstätte für einen rauen, eigensinnigen und ziemlich irrsinnigen Maschinen-Sound. Dass die Kids heute wieder Rockmusik hören, dass Cosmic-Disco gerade in ist und dass sich immer mehr Menschen Musik aus dem Internet downloaden, das ist hier am Paul-Linke-Ufer in Kreuzberg völlig egal. Techno, wie man ihn bei Hardwax versteht, bezieht sich ganz und gar auf sich selbst.

Passiert man das Treppenhaus voller Tags und kommt vor der Panzertüre im dritten Stock an, hat man den Eindruck, dass hier eher etwas beschützt wird, als dass es verkauft werden soll. Das Hardwax wirkt wie eine Schatzkammer, es ist aber auch ganz banal ein Arbeitsplatz. Der von Marcel Dettmann und Torsten Pröfrock beispielsweise, die hier für das Sortiment zuständig sind. Wenn sie nicht gerade entscheiden, was eingekauft wird und was nicht, produzieren sie diese Art Tracks, wie sie eigentlich nur hier entstehen können.

Stehen Marcel Dettmann und Torsten Pröfrock am Tresen, haben sie gut sichtbar die aktuellen Empfehlungen im Rücken. Platten, die von den Experten-Ohren im Laden ausgiebig bemustert, getestet und dann für würdig befunden wurden, die Musik-Politik des Hauses zu repräsentieren. Vor ihnen sind rare Klassiker aus Detroit, Chicago und New York – und aus Berlin. Basic-Channel-Platten in den superseltenen Pressungen in buntem Vinyl. Heilige Tracks, die den Techno verändert haben. Wie Ikonen hängen sie hier an der Wand.

MDR

So viel Mythos, das kann einen schon mal erschlagen. “Wenn ich hier abends rauskomme, kann ich erst mal nicht produzieren. Dazu brauche ich schon etwas Ruhe“, erzählt Marcel Dettmann. Seit drei Jahren arbeitet der 29-Jährige im Hardwax und hat nun ein eigenes Label. MDR heißt es schnörkellos. Und so schnörkellos sind auch die Tracks, die er veröffentlicht. Nur zwei Sounds, die sich konzentriert entwickeln und mit Bassdruck und Percussion angetrieben werden. Keine Vocals, keine Melodien, kein Schnickschnack. Mehr brauchen die Tracks von Marcel Dettmann nicht. Sie sind nicht sehr schnell, nicht sehr hart, aber sehr präsent. Minimalismus im besten Sinne.

Marcel Dettmann produziert mit DJ-Ohren. Seit 1999 spielt er regelmäßig im Berghain. Vorher legte er in seiner Heimatstadt Fürstenwalde in Brandenburg auf. “In Jugendklubs und so. Während andere eine Spielkonsole gekauft haben, war ich immer hinter Platten her.“ Irgendwann gab ein Freund ein Tape von ihm im Ostgut ab. Er wurde prompt gebucht und ist seither Resident. Bevorzugt übernimmt er die Spätschicht, die ab sieben beginnt. Zusammen mit Ben Klock eröffnete er das Ostgut-Ton-Label. Mit seiner ersten Produktion. Die langen Nächte in der großen Halle haben seine Vorstellungen von Musik ziemlich verfeinert. Zeitlos soll die Musik sein und klar im Ausdruck: “Ich höre so 50 Promos pro Woche. Danach entscheide ich, was in den Laden kommt. Wahnsinnig viel davon hat keine Aussage“, schimpft der sonst so freundliche Marcel Dettmann. Auch Torsten Pröfrock kann patzig werden, wenn viel beliebig klingende Platten beliebig den Markt überschwemmen: “Manche Release-Politik hat mehr mit Spam als mit Kunst zu tun.“

An seinen ersten Besuch im Hardwax erinnert sich Marcel Dettmann noch genau: “Das war 1994. Der Laden war noch in der Reichenbachstraße. Ich ging noch zur Schule, habe einen Monat Geld gesammelt, meine Jeansjacke verkauft und dann bin ich nach Berlin gefahren und habe mir Platten gekauft.“ Eine von diesen Platten war die vierte Planetary Assault Systems. Die wandert beständig zwischen seinem Plattenregal und seiner Plattenkiste hin und her. Eben eine Platte, die man immer wieder hören kann.

Als Marcel Dettmann dem Hardwax seinen ersten Besuch abstattete, arbeitete Torsten Pröfrock bereits drei Jahre da. Heute gehört der 34-Jährige zu seinem Label. Er hat zwei Remixe von Marcel-Dettmann-Stücken produziert. Die beiden schleichenden, grobkörnig rauschenden Techno-Tracks lösen sofort Gänsehaut aus. Dieses Delay, dieses Reverb, das hat man so schon lange nicht mehr gehört. Genau genommen seit Chain Reaction nicht mehr, jenem Label, das Basic Channel folgte. Und an dem beinahe die ganze Belegschaft des Hardwax beteiligt war. Zehn Jahre ist das nun her.

Chain Reaction war eines dieser Labels, das einen ganz klaren Mastersound hatte. Die Platten erkannte man, sobald die Nadel die Rille erreicht hat. Das Rauschen, der Schall, der Wahn – eine hyperdistinktive Techno-Schule. Dabei wusste man nie so genau, wer die Stücke produziert hat. So wie das Trockeneis im Club die Tänzer im Nebel verschwinden lässt, so verschleierten die grauen Label, die braunen Standard-Hüllen und die obskuren Projektnamen die Identität der Produzenten. Auch Torsten Pröfrock machte mit bei diesem Spiel mit der Anonymität. Seine Projekte auf Chain Reaction hießen Various Artists und Erosion, so als lösten die Schaltkreise jede Spur von Autorenschaft auf.

Erosion

Erosion, so heißt auch das neue Label von Torsten Pröfrock. Zwei Platten hat er darauf herausgebracht. Beide sind voller verwischter, suggestiver Sounds, mal mit geraden und mal gebrochenen Beats. Reisen ins endlose Rauschen. Sein Alias, T++, ist angelehnt an die Programmiersprache C++. Torsten Pröfrock produziert jetzt digital. Ein großer Schritt: “Ich hatte nur ein analoges Trash-Set-Up und damit bin ich irgendwann nicht mehr weitergekommen. Der Umstieg war speziell. Man hat ja so eine Soundvorstellung und die bekommt man auch auf einem anderen Equipment umgesetzt. Aber das ist schwierig.“

Beinahe hätte Torsten Pröfrock das Produzieren sowieso ganz aufgegeben. Um 2000 befiel ihn eine schwere Musik-Krise, wie er erzählt: “Nach zehn Jahren Techno-Hype wusste ich nicht mehr, was mir gefällt. Ich hatte auch wenig Zeit Musik zu hören, weil ich die Uni fertig gemacht habe.“ Sein Label DIN hängte er an den Nagel und brachte auch sonst keine Platten mehr heraus. Nur den Einkauf im Hardwax, den organisierte er immer noch. Erst Robert Henke brachte ihn um 2004 wieder dazu, Musik zu produzieren. Zuerst an seiner Seite bei Monolake, dann auch alleine mit neuem digitalen Equipment.

Wenn Torsten Pröfrock über Musik spricht, wird seine Stimme leiser und er erzählt von entlegenen Ecken und merkwürdigsten Verbindungen der elektronischen Musik. Es geht um Speedgarage-Stücke, die nach Detroit klingen, um Dubstep, der zu Minimal-House passt, und um Techno, der eigentlich Breakbeat ist. Und immer wieder geht es darum, etwas Eigenes zu machen; etwas, das so noch nicht gemacht wurde. Um suchen und forschen. Eine ziemlich ernste Angelegenheit, die letztlich immer aufs selbe hinausläuft: “Wenn man seit den frühen neunziger Jahren dabei ist, bekommt man einen Überblick. Man hat Genres kommen und wieder verschwinden sehen. Ich kann die alle aufgrund meines Lebens hier im Hardwax unterscheiden. Aber irgendwie ist das doch alles Techno, auch wenn man es vielleicht gerade Dubstep nennt.“ Ein Kontinuum. Vielleicht passiert diese Verschmelzung ja ganz automatisch, wenn man den ganzen Tag auf die superseltenen Basic-Channel-Platten schaut, die in buntem Vinyl an den Wänden hängen.
http://www.hardwax.com

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Jörg

    Hey Felix, zunächst will ich sagen: sehr interessanter Artikel. Und dann will ich nicht klugscheißern, aber meines Wissens existierte das Berghain 1999 noch nicht, und das alte Hard Wax muss in der Reichenberger Straße gewesen sein … LG