Marco Haas hat sich von der rockenden Ravesau zum Punktüftler gewandelt. Wie finden wir denn das?
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 95

Mach’ mir die Axt
T.Raumschmiere

Das Nietenarmband ist kaputt. Sagt Marco Haas, als er sich endlich Kaffee und Nikotin verabreichen kann, an diesem Konferenztisch, dessen glatte Weite er sofort verheimelt hat. Mit der Punk-Präsenz. Er, eigentlich noch total in der Hast des Sonnenaufgangs-Suffs eines ernsthaften Wochenendes, war wie erwartet charmant herbeigerüpelt. Mit dem Haas’chenschema: Truckercap, weiterhin, Gonzo-Brille, jene Tattoos lugen unter den Ärmeln hervor, dieser Krater-Bart auf dem markigen Gesicht eines wüsten Schuppenrockers und der Duft von Waschmittel, obwohl doch die zerknitterten Fasern nach getrocknetem Schweiß und permanentem Überschwang ausschauen. Und so wird dann wohl das missverstandenste Handgelenksutensil vor lauter Draufgängertum zerborsten sein, im Dunkeln, mitten im Moshpit. Stattdessen nun Lederriemchen und Schweißband. Darauf: ein Totenkopf. Na, servus.

“Ich bin ein Mensch, der zu Extremen tendiert“, sagt Haas. “Nach so einem krassen Wochenender brauche ich immer zwei Tage ohne Musik. Die Stille genießen. Ich muss runterkommen.“ Haas, der gerne bekundet, zu Hause nur Ambient zu hören, sagt das fast schüchtern. Aber andererseits ohne die Scham vor Rabiatsverlust. Denn, das vorweg, das vorausgesetzt: Es geht um Natürlichkeit, um Unumgänglichkeiten. Unumrockbarkeiten. In ekstasehafter Isolation befand sich Haas nämlich auch während der sechzehn Monate, in denen das neue T.Raumschmiere-Album, oh, die Ramones, “Blitzkrieg Pop“ entstand. Irgendein Kopfstimmchen muss ihm geflüstert haben, er solle Schweinepriester-Gnarz eben diesen sein lassen, solle doch bitte mal ehrlich sein und auf breiter Bühne endgültig Songs präsentieren, deren analoger Arsch nicht von Technikgewalt geprügelt wird, sondern deren technisch ausgereifter Arsch rumfläzt, während der analoge Arm rudert, der siffige Korpus ausrastet.

Oder es war der verdammte Alk. Haas saß nachts im Studio, eine halbe Flasche Whiskey intus, nichts klappte. “Ich wollte für zwei Stücke unbedingt Gesang, aber wen sollte ich fragen?“ Also trank Haas den Rest der Whiskeyflasche und sang selber. Grölte, schrie. Dann, verkatert, dachte er: Wow. Klingt gut. Hatte er ja früher schon gemacht, in solchen Punkerkombos. Nun sind “Sick like Me“ und “Blitzkrieg Pop“ die zwei aggressivsten, klobigsten und direktesten Stücke auf einem Album, das so was ist wie New Metal ohne Metall, oder Future-Oi, eventuell auch die Lederkluft, die auf Alec Empire folgt. Hey, hey, hey, I’m blowing all away, ächz, Bridge, Refrain, Hämmer, Klampfen. Vielleicht ist es einfach: Rock. Pardon: Punk.

Rülpsen rundum

Haas sagt: “Ich kam vom Punk zur Elektronik und jetzt wieder zurück. Ich wollte, dass die Elektro-Leute auch mal rocken.“ Angesichts der Genre-Exaltiertheit im heutigen Club-Patchwork ein erfüllter Wunsch. “Rocken wir alle zusammen“, sagt Haas. Und versichert ungefragt: “Mit Electroclash habe ich ja nichts zu tun.“ Keine Sorge, sah er doch höchstens so aus, nachdem er 1995 Aphex Twin gehört hatte, dann nach Berlin gezogen war und der schulterbeklopfte Sonderling wurde. Ein Tramp im Geiste, der Radau macht, auch mit einer Band in Technoclubs platzt, aber halt doch eine Ravesau ist. Es schien, als sei Marco Haas einer dieser Rocker, die bekehrt wurden. Und nun in den von ihm als showarm und aussagelos empfundenen Bass-Hallen Symbole resozialisierte. Loops statt Riffs bearbeitete. Aber “Blitzkrieg Pop“ rödelt: falsch gedacht. Marco Haas wurde lediglich zu T.Raumschmiere, um der Über-Punk zu bleiben, er fraß Pogo-Techno nur, um wie immer weiter zu rülpsen. Schön, dass beide Seiten etwas davon hatten. Die Technogemeinde, der T.Raumschmiere verdiente Knüppel zwischen die Beine warf, und T.Raumschmiere, der sagt: “Ich finde nicht mehr jedes Punkkonzert toll. Elektronische Musik hat meine Wahrnehmung verändert.“

Haas, der Heidelberger, spricht: Muusick. Und hat nie aufgehört, Schlagzeuger zu sein. Strongbow, Crackwhore Society, wie auch immer: Einige, die damals schon achtzehn waren und dem kleinen Marco Tapes gaben, ihn bei seiner Jugendhaus-Sozialisation leiteten, wirkten bei “Blitzkrieg Pop“ mit. Doch mittlerweile liebt es Haas, alleine vor dem Rechner zu monotonieren, Sequenzen zu verschieben. Ein Punktüftler. Eigentlich ist er in seinen Bands, in dieser klassischen Rangordnung, der Mitspieler, kein Writer, kein Denker. Doch Haas ist längst zum Producer-Perfektionisten geworden, in jeder Rolle. Er kann nicht anders.

“T.Raumschmiere ist ein instrumentaler Egotrip“, sagt Haas. “Die Stimmen sind quasi nur ein weiteres Instrument, das dazukommt.“ Das aber natürlich auf einer erdigen Punk-Purrie-Platte nicht fehlen darf. Also traf Haas die Guano-Apes-Krächzerin, er sagt: Shouterin, Sandra Nasic. Fusions-passenderweise im Berliner NBI. Sie ist die Freundin seines Anwalts, ihre Schmalspur-Band fand Haas bis dahin langweilig. “Aber die Stimme!“ Er packte sie in ein dauergärendes Gebräu aus Frickel-Flächen, Terror-Knarzen und Zielstrebigkeit, ebenso wie Judith Juillerat, Quasimodo Jones oder selbst Ellen Allien. Die haucht balladenhaft, und ja: “Blitzkrieg Pop“ variiert in solchen Momenten, donnert nicht nur, sondern klingt wie das Reifezeugnis eines stylekonservativen Virtuosen. Aber ebenso ist es eine verstörende Einfachheit, eine nervende Rückschrittlichkeit manchmal, ein verkrampftes Wollen, anstrengend ikonisierend teils, oftmals leider erschreckend egal. Wenn Haas beklagt, Techno sei ihm oft zu glatt gewesen, bleibt jetzt leider zu antworten: Neo-Krach war selten glatter. ”Rumpelkammer“, ”Patridiot“ oder ”Grottenolm“ heißen hier Songs. “Ich baue den Punk in mir immer weiter aus“, sagt Haas. “Das äußert sich nicht mehr in der Kleidung, sondern eher in der Rhetorik, im Verhalten, im täglichen Leben.“ Kürzlich tobte sein kleiner Sohn bei Proben im Maria begeistert umher. Haas lächelt. Dieser Sohn, der ihm trotz aller Vater-Normalität noch mehr Wut verschafft, weil der Junior doch länger auf dieser Welt klar kommen muss. Mit all den Arschlöchern. Bald wird er ihm ein Instrument schenken, sagt der doch liebenswürdig rackernde Berufspunker Marco Haas. Damit vielleicht mal der Betrieb übernommen werden kann. It’s a dirty Job. But someone’s gotta do it.

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Elektronische Lebensaspekte.