Dieses Objekt wird es noch ins Völkerkundemuseum schaffen. Ein Agenturen-T-Shirt mit dem Aufdruck: 15 ˆ 100 ˆ 100: Rendite ˆ Umsatz ˆ Börsenkurs. Die Sollprozente auf jeder Mitarbeiterbrust, das verhindert Geschäftsführerfrust. Aber bitte nicht schleudern.
Text: Solveig Voigt aus De:Bug 43

90 ˆ 60 ˆ 90
Ein T-Shirt für das Museum of New Economy

Solveig Voigt

Irgendwo im Osten, irgendwann in den 80ern. Heraus zum 1. Mai. Die Schule rüstet mit Winkelementen aus. In meinem Fall ein Konterfei des Staatsoberhauptes, an einen Besenstiel genagelt. Das ist auf keinen Fall schick, und mit 16 fährt man damit selbst unter Androhung der Todesstrafe nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln. Lasse das Staatsoberhaupt also in einem Hauseingang stehen. In der Schule wollen sie es wiederhaben. Ich muss das Transparent nachbauen. Und doch noch Bus fahren damit.
Ausrüstung mit Devotionalien. Ein wichtiger Akt, um die Mitglieder einer sozialen Gruppe zu einer solchen zu machen. Identifikation. Die Gruppe ist mehr als die Summe der Individuen, denn sie hat ein Ziel. Was, wenn ihr dieses verloren geht?

Irgendwo in einer Multimediaagentur, irgendwann jetzt. Die Mitarbeiter werden zu einem Groß-Jour Fix versammelt. Sie hören eine Rede über die Ziele des Unternehmens. Die müssen neu formuliert werden, denn es sieht nicht gut aus auf dem neuen Markt. Und damit für das Unternehmen. Der Börsenkurs ist aus schwindelerregenden Höhen nahe an seinen Emissionswert gefallen. Das muss anders werden. Wie? Die Arbeit muss effektiver werden. Der Börsenkurs muss wieder steigen. Helfen wird dabei ein Sanierer. Der sei extra dafür eingestellt, “um in allen Bereichen noch schneller voranzukommen”. In den ungläubigen Händen halten die Mitarbeiter ein T-Shirt. Darauf steht:
15 ˆ100 ˆ100. Die Maße der New Economy. Vom CEO unterschrieben. Steigerung von Rendite ˆ Umsatz ˆ Börsenkurs. Geplante Verbesserung der operativen Effizienz, sagt der CEO dazu. Das Ziel ist eine Zahl. Kurz und knapp. Keine Zeit für Metaphern. Ein kurzes tiefes Schweigen entsteht. Wie dieser Moment bei einer Heirat, nachdem der Satz gefallen ist: Wer etwas dagegen einzuwenden hat, der spreche jetzt oder schweige für immer. Ersetzt wird keiner. Der Einstellungsstop wird verkündet, aber auf dem T-Shirt nicht vermerkt.

Was treibt ein Unternehmen zu einem solchen T-Shirt. Verzweiflung? Eine schlechte PR-Abteilung? So schwer ist das gar nicht. Der Berater sagt – wie das Berater eben tun: So, lieber CEO, was willst du denn wirklich? Formuliere doch mal deine Ziele. Aber nicht mehr als drei. Sonst wird es nämlich mit der Umsetzung schwierig. Der CEO denkt nach. Der Umsatz soll wieder steigen. Ach, und der Börsenkurs auch. Von da ist es bis zum T-Shirt nicht mehr weit.

Ausrüstung mit Devotionalien, um Gemeinschaft zu erzeugen. Da wird das Ziel nicht nur auf die Fahnen, sondern gleich auf die Brust geschrieben. Ein T-Shirt dafür als Unterlage zu nehmen – was für eine legere Idee. Und so casual. New Economy eben. Natürlich gibt es das T-Shirt, wie häufig bei solchen Themen-T-Shirts, nur in L und XL. Was macht man damit? Als Nachthemd anziehen? Oder zum Badminton? Kann man im Ernst meinen, dass sich Mitarbeiter so auf ein Ziel einschwören lassen? Identifikation über eine Zahl? Obwohl, ehrlich ist das ja schon. Macht immerhin nicht vor, es ginge um irgendetwas anderes als Zahlen. Coole Produkte zum Beispiel. Oder gar um Kreativität.

Symbolhaft ist an diesem T-Shirt, dass mit der Börsennotierung eines Unternehmens die Orientierung an einer äußeren Bewertung einsetzt. Die das Unternehmen und seine Mitarbeiter stark beeinflusst. Die Mitarbeiter machen das, was sie schon immer gemacht haben, Multimedia nämlich. Die Widerspiegelung ihrer Firma jedoch, z. B. in der Presse, wird von nun ab immer mit der Nennung einer Zahl beginnen. Dem Kurs. Selbst in einer fernen Kleinstadt lebende Eltern sagen beim wöchentlichen Telefonat: Na, deine Firma steht ja nicht mehr so gut da, der Kurs ist ja weiter gefallen. Der Börsenkurs ist wie eine Schulnote, nur dass man nicht so genau weiß, welche Frage man falsch beantwortet hat. Das schafft Verwirrung und Entfremdung vom Unternehmen. Da hilft auch das Shareholdertum nicht weiter.

Nachdem der Wert ihrer Aktienoptionen gesunken ist, nimmt auch die Bereitschaft der Mitarbeiter ab, lange Arbeitszeiten als normal anzusehen und auf Lohnerhöhungen etc. zu verzichten. In den USA gibt es die ersten Dot.com-Gewerkschaften. Amazon.com, Etown.com und ShopAudioVideo.com wählen ihre Interessenvertretungen. Die ersten Entlassungen und die ersten Gewerkschaften in der Dotcomwelt. Der wirtschaftsstrukturelle Alltag hält Einzug in die Neue Wirtschaft. Die Gründe, das nicht zu mögen, können sehr unterschiedlich sein. Dem einen graust vor einer Interessenvertretung, weil das Unternehmen damit kostspieliger zu steuern wird. Den anderen graust davor, weil es schön gewesen wäre, so etwas nicht zu brauchen. Weil man von einer gemeinsamen Idee und damit von gemeinsamen Interessen ausgegangen war. Entwicklung ist bekanntermaßen irreversibel. Immerhin bleibt abzuwarten, ob
die Neue Wirtschaft auch eine neue, zeitgemäßere Form der Interessenvertretung mit sich bringen wird. Die Gemeinsamkeit des Besitzes von Aktien reicht offensichtlich nicht, um eine Gemeinschaft zu erzeugen. Und sich Ziele als Zahlen auf die Brust zu schreiben, macht daraus noch keine gemeinsamen Ziele. Das ist die gute Nachricht.

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Elektronische Lebensaspekte.