Manchen Menschen wächst kein Bart, zum Beispiel Frauen. Anderen nur auf Kosten des Haarwuchses, zum Beispiel Männern. Jetzt wird der Bart von seinen biologischen Determinanten befreit und für alle verhandelbar: Der Bart auf dem T-Shirt macht es möglich.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 92

Do the Bart, man

Pornobalken, Schenkelputzer und Co. haben ein neues Territorium für sich erschlossen. Der Trend geht vom Gesicht aufs Shirt. Von Bärten ist die Rede. Dieser natürliche Gesichtsschmuck, von Männern als Symbol für Männlichkeit und Abschied vom Kindsein, für Macht und Stärke getragen, hat einen großen evolutionären Sprung gewagt. Die Olibärte, Popelbremsen und Kinnmuschis kann sich inzwischen jeder, unabhängig von Geschlecht, gesellschaftlichem oder religiösen Status über den Kopf ziehen. Praktischerweise entgeht man damit auch der im Winter zwar geschätzten, im Sommer eher leidlichen Wärmefunktion und dem ”Hamsterproblem“ (nie wieder unschöne Essens-/Getränkerückstände, die aus dem Gesicht tröpfeln/hängen) und schafft sich gleichzeitig auch noch ein anderes, testosteronsprotzendes Prachtstück an: den Brustpelz. Problematisch scheint diese Entwicklung auf ganz anderen Ebenen. Gilt doch in einigen Religionen der Bart als Machtsymbol, kann man sich jetzt schon überlegen, inwiefern diese Demonstration synthetischer Machtverhältnisse den Vertretern der genannten Gruppe schmecken wird. Weitere Fragen: Verdoppelt das Bart-auf-Shirt-und-Gesicht-Tragen dann die Stärke, ist man plötzlich ”männlich männlich“? Wird dadurch das Doppel-Negativ hier zum mathematischen Positiv und damit weiblich?! Versteckt man sich hinter Haaren, geht man auf Distanz zur Umwelt? Warum wachsen an manchen Stellen im Gesicht keinerlei Haare, noch Härchen? Frauen jedenfalls können sich nun ein farblich auf das Haupthaar abgestimmtes Exemplar mit nach Hause nehmen und nach Lust und Laune hin und her switchen. (Man vermutet berlinansässige Kanadierinnen hinter dieser ganzen Geschichte.) Zum einen ein gelungener Coup der Neutralisation der sexuellen Identifikation, zum anderen vielleicht auch doch wieder nur ein Anlehnen an männlich dominierte Werte? Es ist verzwickt. Aufstände bahnen sich an: Bart-Shirt-Verbrennungen und Bart-Skalpierungen (öffentlich!) könnten die Folge sein, eine vollkommen neue Form von religiösem Fanatismus und die Forderung nach Damenbart-Shirts scheint unausweichlich. Andererseits verlor manch einer mit dem Bart auch mal den Posten des Verteidigungsministers und darf nun den deutschen Fahrradfahrern vorsitzen, ehrenamtlich. Auch schön, sagen einige – andere nicht.
Klar, alles Wahnsinn und Spekulation in Reinform. Bärte – Mann hat sie, manche wollen sie und manchmal sind sie einfach nur da oder auch nicht. Ihren Zweck erfüllen sie hier und da eventuell auch. Jeder wie er will. Es ist Frühling. Alles wächst und sprießt. Bittesehr.

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Elektronische Lebensaspekte.