Text: Christian Kemper aus De:Bug 12

Die Welt der Technoiden Blick von draußen auf die Mayday und ihre Freunde Christian Kemper kemper@muenster.de Viel zu voll, viel zu laut, unerträglich heiß, Stroboskop-Gewitter und Nebel, verdreckte Toiletten, dazu jede Menge Müll – was bringt junge Menschen eigentlich dazu, sich mit größter Freude nächte- und tagelang in einer solchen Endzeit-Atmosphäre aufzuhalten und dabei noch glücklich zu grinsen? Diese “Welt der Technoiden” wollen die beiden Dortmunder Soziologen Dipl. Pol. Michaela Pfadenhauer und Prof. Dr. Ronald Hitzler erkunden. Durch Feldforschung und die Methode der beobachtenden Teilnahme kommen sie seit drei Jahren dem “Phänomen Techno” näher. Dazu schlüpfen sie nicht nur in Clubwear, sondern sind durch ihren Habitus vom gemeinen Raver eigentlich nicht mehr zu unterscheiden. Sehr wohl dagegen vom gemeinen Sozialwissenschaftler. Vom Raver weiteten sie ihren Forschungsschwerpunkt auf die kollektiven Inszenierungen von Jugendkulturen aus – die Events, denn die gelungene Party entwickelt sich nicht spontan aus der Situation heraus, ihr Erfolg hängt von intensiver organisatorischer und logistischer Vorarbeit ab. Solche Erkenntnisse möchten sie auf andere Szenen applizieren und zu einem “Protokoll des Lebens” beitragen, zur Erklärung der Gesellschaft. Dabei haben die beiden, so scheint es, die wirklichen Innovationen von Techno erkannt: nämlich die abseits der Worte. Auch wenn das Gespann dies in umfangreichen wort-vollen Ausführugen auf mit ebenso gefüllten Tagungen ausdrückt. Eine mit dem Titel “Events. Produktion und Konstruktion von jugendkulturellen Erlebniswelten” fand im räumlichen und zeitlichen Kontext der Mayday in Dortmund statt. Zwanzig Theoretiker (u. a. Prof. Dr. Birgit Richard, Prof. Dr. Wilfried Ferchhoff, Prof. Dr. Franz Liebl, Dr. Gabriele Klein) und einige Praktiker tauschten dabei Erfahrungen aus. Ergebnis: Ein Event wurde als erlebenswertes, einzigartiges, interaktives Ereignis definiert, das sich aus dem modernen Alltag hervorhebt und im Schnittpunkt aller Bereiche moderner menschlicher Existenz steht: Industrie, Medien, Politik, Kunst; und dabei den Körper und alle Sinne anspricht: Auge, Ohr, Mund, Nase, Haut. Dabei verstehen die Konsumenten sich als Mit-Produzenten und die Produzenten (meist) als Mit-Konsumenten. Ach so. ”Die Tagung ist das Event.” Die Vorträge des Kongresses waren in drei Phasen soziologisch eingeteilt: Produktion, Konstruktion und Rekonstruktion. Wir erklären das: Zuerst werden die Voraussetzungen organisiert, also auf dem Kongress viel Zeit dafür ver(sch)wendet, eine Begriffsbestimmung vorzunehmen: “Herstellung einer Verständigungsgemeinschaft”. Die Phase der Konstruktion wurde von Praktikern (u. a. Werner Griese/Künstlerbetreuer, Ralf Regitz/Planetcom/Love Parade, Bob Shahrestani/Partysan) bestritten, die Techno vorrangig als Business sehen, auch wenn sie das bestreiten. Sie vermittelten die Logik von Techno-Events: Oberster Wert ist nicht etwa Gewinn, sondern: “Respect”. Mit: “Was tun wir hier [auf der Mayday] eigentlich anderes, als die Leute zu beschenken!?!” entließ uns etwa William Röttger (Low Spirit/Mayday) in den Himmel der Dankbarkeit. Wenigstens die Theoretiker setzten anschließend die Musik und Einflüsse technischer Innovationen in den Mittelpunkt. Das Event im Rückspiegel, die Rekonstruktion, stellten die Referenten, indem sie Analogien zwischen Techno und säkularer Liturgie oder etwa Techno und Krieg herstellten. Zwei Beiträge beschäftigten sich mit der medialen Nacherzählung von Events. Dieses Echo auf Veranstaltungen wurde als nahezu konstitutives Element eines Events bezeichnet. Schließlich erledigten sich die Wissenschaftler selbst, indem sie in ihrem eigenen Vokabular versuchten, eine Welt zu erklären, die “abgrenzungsarm” sei; vollstreckten genau damit aber die ungewollte, endgültige Abschottung der Tagung von der Wirklichkeit. Resümee: Wie immer wechselten sich auch auf diesem Kongress Profilneurosen mit konstruktiven Beiträgen ab, wurde Vortrag auch mal mit Selbstpräsentation verwechselt. Gleichwohl: es macht Sinn, neue Zugänge zum “Phänomen” Techno zu erforschen und dabei die Übertragbarkeit auf andere Szenen zu versuchen, um neue Aspekte zu entdecken. Dazu war diese Tagung hilfreich. Eine Diskussion von Geschlechter- bzw. Genderstudien fand leider nicht statt, obwohl gerade die scheinbare Offenheit der Technoide gegenüber Geschlechterstereotypen und die Geschlechtslosigkeit auf Raves interessante Fragen im Rahmen eines Event-Kongresses gewesen wären. Ebenso hätte man sich internationale Beiträge, z .B. aus England, gewünscht, die aufgestellte Thesen in einen größeren Zusammenhang gestellt hätten. Die Techno-Forschung an der Uni kommt langsam aus der Mode, der Blick wird auf andere Szenen/populärkulturelle Gegenstände ausgeweitet. Dabei rekurrieren viele auf ältere Studien, ältere Erkenntnisse; entscheidender als die Sprache ist aber die Sichtweise und die Art des Umgangs mit einem Gegenstand. PS: Hitzler/Pfadenhauer bauen z. Zt. ein Netzwerk zum Austausch und gegenseitiger Befruchtung wissenschaftlicher Beschäftigung im Bereich Techno auf. Kontakt: pfadenhauer@wap-mail.fb14.uni-dortmund.de

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Elektronische Lebensaspekte.