Text: Tamara Warren aus De:Bug 18

Tamara Warren tamarawarren@hotmail.com New York wird oft als der hippste Ort Amerikas beschrieben, die Stadt, die den Standard für den Rest der Welt in Sachen Mode, Stil und Entertainment setzt. Auf die gleiche Art ist das College Radio traditionell der Prüfstein für musikalische Innovationen in den Vereinigten Staaten. Das College Radio entscheidet darüber, was das nächste große Ding im kommerziellen Radio sein und wie der Trend in den Top Forty aussehen wird. U2 wurden vor allem deswegen Pop Ikonen, weil sie im College Radio gespielt wurden. Idealerweise hätte daher die jährliche College Music Journal Conference in New York die Kulminierung zweier Größen sein sollen, nämlich New York und College Radio, also die Creme de la Creme von Cutting Edge Music. Aber nach einer Woche auf dieser riesigen Konferenz Anfang November stellt sich die Frage, was eigentlich auf Businesseite amerikanischer Musik passiert. Die Wahrheit ist, daß das niemand wirklich zu wissen scheint. Für passionierte Musikfans ist diese Zerfaserung überaschend und seltsam. Das Klima dieser Konferenz ist symptomatisch für den Zufallszustand der amerikanischen Musikindustrie. Die Konferenz zog Leute aus allen Sparten des Musikbusiness an, Labels, Vertriebe, Radiosender und beinahe alle Komponenten, die außerdem mit der Produktion von Popmusik zu tun haben. Wie die jährlich stattfindende Midem besteht sie aus einer unglaublichen Menge von Panels und abendlichen Musikveranstaltungen, die auf das College Radio abzielen. Ein wichtiger Aspekt dieses Jahr war das Panel zu Dance Music. Wenn “Electronica” in den Panel Diskussionen augelistet wurde, waren die Räume überfüllt. Die Veranstaltungen mit DJs gehörten zu den meistbesuchten. Dieser Run zeigt, wie elektronische Musik in den letzten beiden Jahren in den amerikanischen Markt eingebrochen ist. Die Chemical Brothers, The Prodigy, Crystal Method, Daft Punk und Fat Boy Slim charteten neben Rock Bands, was eine große Veränderung für die Dance Music Industrie bedeutet. Über Jahre mußten amerikanische Dance Music Produzenten nach Europa reisen, um Erfolg zu haben. Jetzt bekommen sie zum ersten mal langsam ein Mainstream Publikum auch in Amerika. Bis vor kurzem gab es Dance Music nur auf großen Raves oder bei Underground Veranstaltungen, verkauft wurde sie nur als Vinyl in kleinen Independent Plattenläden. Jetzt gibt es sie in der Fernsehwerbung, in allen Plattenläden und jeder kennt mindestens einen Track. Die Industrie Insider pushen verzweifelt Dance Music, obwohl sie oft noch nicht mal ansatzweise wissen, wie man schlechte und gute unterscheidet. DJ Spooky wurde auf der Konferenz überall gefeatured. Er trat auf und war sogar Teil einer Kampagne für Absolut Vodka. Laura Gavoor vom Yin-Sight Management arbeitet mit einigen prominenten Produzenten und DJs zusammen. Sie kommentierte die Dance Music Panels wie folgt: “Mich hat es sehr interessiert, wie diese Indie Commercial Radios in kommerzieller Hinsicht funktionieren, also habe ich sie danach gefragt. Sehr schnell hatte ich eine Antwort: “Was promotest du denn?”. Ich grinste und sagte: “Na ja, Dance Music” und dann gab es erstmal eine deutliche Pause von ein paar Sekunden. Ich stotterte und lachte, da ich gerade das ganze Panel in Verlegenheit gebracht hatte.” Gavoors Statement zeigt, wie die Amerikaner noch immer herauszufinden versuchen, wie sie mit Dance Music umgehen sollen. Carl Cox war umgeben von einer Traube Fans, als er eines der Panels betrat. Er spielte in der Nacht vor einer großen Crowd im Twilo. ”Eines der anderen Panels war ein Club Panel, allerdings gab es da keine Dance Clubs, das waren alles Rock’n’Roller. Sie haben Sachen gesagt wie: “du buchst eine Band und vergißt, dem Drummer Bescheid zu sagen, also können sie nicht auftreten.” Sie haben sich nur über völligen Unsinn unterhalten. Ich hob meine Hand und wollte etwas sagen, aber sie ignorierten mich. Da stand ich schließlich auf und sagte: “Wartet mal. Ich würde gern wissen, was die Leute in eure Clubs bringt? Auf was für einen Sound stehen sie?” Da sagte einer:” Na weißt du, Lokalgrößen eben mit lokalen Fans.” Da unterbrach ihn jemand und sagte: “DJs.” Nach diesen 45 Minuten völlig überflüssigen Gelabers gaben dann also alle zu, daß es DJs sind, die ihre Clubs füllen. Das ist so lächerlich.” Diese Reaktion ist vor allem deswegen amüsant, weil CMJ (so der Name der Konferenz) so ein Major Event für die amerikanische Musikszene ist. Repräsentanten dutzender Independent und Major Labels fielen über den Time Square her, um über Musik zu diskutieren, darunter auch Repräsentanten von Atlantic, Sony, Elektra und Madonnas Label Maverick. CMJ gibt eine Zeitung mit dem Namen “The CMJ Music Report” und ein jährliches Register für Kontakte in der Industrie. Die Zeitung versucht, einen Überblick über alle Sparten von Musik zu geben, Acts wie Beck, die Beastie Boys und Squarepusher werden gefeatured. Ein weiterer Aspekt von CMJ ist Independent Film, ein lukrativer Markt in Amerika. Neue Filme wurden während der ganzen Konferenz gezeigt. ”The Velvet Goldmine”, der fantastische Start der Zusammenarbeit zwischen Iggy Pop und David Bowie, war einer der größeren Hits des Film Departments. Diese Fokussierung auf die beiden Sparten Musik und Independent Film zeigt, wie die Industrie den College Markt benutzt, um herauszufinden, wie die jüngere Generation auf neue Produkte reagiert. Für Sherri Kaplan, die die nationale Radio Promotion für Moonshine Records leitet, war dieses Jahr ihr fünftes mal bei der CMJ. Sie sagte, daß obwohl es letztes Jahr großartig gewesen sei, es dieses mal mittelmäßig sei, für sie eine Enttäuschung, da das College Radio so einen enormen Einfluß auf den amerikanischen Geschmack habe. “Ich denke, daß sie die neuen Trends kennen. Sie sind die Kids, die die Platten nach Mund-zu-Mund Propaganda kaufen und sie dann in ihren Sendern spielen. Wenn etwas wirklich “big” ist im College Radio, wird es von den kommerziellen Sendern übernommen. Ich denke, daß Amerikaner die Tendenz haben, etwas cool zu finden, wenn es aus Europa kommt.” Auf den amerikanischen Markt bezogen sagte sie: “Wir halten Ausschau nach neuen Dingen” und fügte hinzu: “Ich denke es gibt eine Menge Leute, die sich für elektronische Musik interessieren. Es hilft, ein Kernpublikum zu haben, denn es ist schwer, bestimmte Platten durchzubringen.” Die Industrie benutzt CMJ als einen Weg, ein Netzwerk mit den Programmachern des College Radio zu erstellen, denn schließlich sind sie es, die den Sound auf den Äther bringen und das Geschäft erst ermöglichen. Salvador Guajardo ist der Programmdirektor des College Radios von San Antonio KSYM 90.1 FM. “CMJ macht einen guten Job,” sagt er, ” um die Wahrheit zu sagen: für mich ist alles Rock ‘n Roll, wenn es rockt, dann rockt es. Ist mir egal ob das dann von einem Indie Label kommt, oder aus irgendeiner Garage.” Er sagt, daß es hart sei, sich durch den enormen Output zu arbeiten, der produziert wird, denn in den letzten zehn Jahren hat es in allen Genres wesentlich mehr Releases gegeben. “Es gibt viel schlechtes Zeug. Die Leute lernen und experimentieren mit dem ersten Release für die nächsten fünf oder sechs. Die Claims sind noch nicht abgesteckt und das College Radio ist der Prüfstein, hier wird neues entwickelt.” Er ist erst vor kurzem mit Dance Music konfrontiert worden. ”Es war das erste Mal, daß ich den professionellen Background verlassen und es wirklich vom Standpunkt der Leute in der Szene erfahren konnte. Als Musiker finde ich die Art zu komponieren und zu schreiben sehr interessant.” Nachdem er Acts wie Grassy Knoll, Meat Beat Manifesto und Josh Wink gesehen hat, nennt er sich einen neuen Fan. Boris Pethe, der ursprünglich aus Deutschland kommt und am San Antonio College studiert, ist Musikdirektor bei KSYM 90.1 FM und hat dort eine Dance Music Show. ” Ich würde sagen, daß College Radio die treibende Kraft hinter Dance Music in Amerika ist. Es ist nicht sehr populär, weswegen es von den kommerziellen Sendern praktisch nicht gespielt wird. Er sieht einen großen Unterschied zwischen Dance Music in Amerika und in Deutschland: “In Europa ist das populär, in Deutschland wird es auch von einigen kommerziellen Sendern gespielt. Auf der CMJ habe ich großes Interesse für Dance Music gesehen. Die zwei Panels dazu waren voller als andere.” Was bedeutet also CMJ für amerikanische Musik? Auch wenn eingefleischte Fans des Genres abgeschreckt wurden von der Art, wie den College Radio Programmachern Dance Music verkauft wurde, hat die CMJ sie doch wenigstens darauf aufmerksam gemacht. Es ist klar, daß sie von den Amerikanern nicht länger als seltsamer Trend angesehen werden wird. Dance Music wird ein Teil von CMJ und der Zukunft amerikanischer Musik sein. Mittlerweile gibt es einige Berichte über Underground Acts, die dabei sind, Major Deals in den USA zu machen, was die Möglichkeit eröffnet, die Musik bei einem Mainstream Publikum zu etablieren.Ob das gut oder schlecht für den Underground ist, wird man sehen. Auf jeden Fall ist klar, dasß es Zeit ist für eine Weiterentwicklung in der amerikanischen Musik, wofür wieder einmal Europa die Standards gesetzt hat. ”Elektronische Musik wird langsam populärer werden, was eine Weile dauern dürfte” sagt Pethe.”Mit einer wachsenden Präsenz werden sich auch die Kids mehr für elektronische Musik interessieren.”

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Elektronische Lebensaspekte.