Stell dir vor, du betrittst eine Ausstellung und dir steht nichts anderesgegenüber als sieben schwingende Kegel, die beim Anblick deiner Dreadlocksin wildes Schlingern zu geraten scheinen. Die Beats per Minute steigenrasant an, während du durch den Raum gehst, und auch dieMachinima-Videoprojektionen an den Enden der über 2m-hohen Kegelbautenwerden schneller.Die Wanderausstellung "nomadix. Interaction on the move!" des Studiengangs"HyperWerk" an der "Fachhochschule beider Basel Nordwestschweiz" macht'smöglich.
Text: Sabine Fischer aus De:Bug 94

Tanzende Kegel – CONES, nomadix und Augmented Reality

“nomadix: interaction on the move!“ ist der Output 2005 der Post Industrial Designer von HyperWerk, eine “Mobile Wanderausstellung mit bewegten Bewegtbildern“ oder, kryptisch, eine “Moving MultiStaging Augmented Reality Exhibition“ zu den diesjährigen Diplomprojekten. Der Fachbereich HyperWerk beschäftigt sich seit seinem Bestehen mit der Macht der Virtualität, dem Verschwinden von Grenzen und Abgrenzungen, dem Verlust von Wirklichkeit und lokalem Eigensinn und den medialen Prozessen, die all dies auslösen.
Mit nomadix haben die Baseler Studenten fast im Vorbeigehen die Öde von PowerPoint ad absurdum geführt.
Zu Nomadismus und zu den sieben tanzenden Robotern haben wir einen Diplomanden, Luca Vincente, den technischen Leiter Andreas Krach und den Schulleiter Prof. Mischa Schaub per Mail befragt.

Hat das Ding, das aussieht wie ein abgefallener Puppenarm, bereits einen Namen?

Luca: Der offizielle Name ist CONE … wegen der Form eben. HyperWerk-intern wird er allerdings vehement “Trööte” genannt.

Mischa: Für mich heißt das Ding “Threamer”. Dies beispielsweise als assoziativer Zusammenzug von Beamer, Three-D, Reamer, Thideo (!), Dreamer und Screamer. Und wenn schon, dann ist Threamer der Spinatarm von PopEye!

Andreas: Im Kontext der Technikgruppe spricht man gelegentlich auch vom “Nomaden“.

Was kann “CONE“ oder “Threamer“?

Mischa: Threamer stellt die “next generation” des filmischen Bewegtbilds dar. Durch Threamer wirkt das Bild aktiv raumgestaltend, handelt raumgreifend und involviert die Ausstellungsbesucher/innen.

Luca: Zwei Ebenen definieren die Eigenschaften der CONES: Technisch gesehen lassen sich mediale Inhalte, also Text, bewegtes und statisches Bild und Ton sehr einfach in das System einspeisen und wieder abrufen. Das Interface ist ebenso einfach zu bedienen wie variabel. Das heißt, dass man die CONES theoretisch an irgendein Steuergerät wie Handy oder Computer/Internet anschließen kann, insofern es sich eben anschließen lässt.
Vom gestalterischen Aspekt her, und das interessiert mich viel mehr als der technische, gefällt mir die raumprägende Dimension der CONE-Display-Roboter. Mit zwei Drehachsen versehen, kann der Roboter seinen Bildschirm an nahezu jeden Punkt entlang einer imaginären Kugel, die ihn umgibt, platzieren. So kann man neben den Inhalten, die auf dem Bildschirm der CONES gezeigt werden, eine eigene Bewegungssprache für den Roboter, sozusagen für den Körper des Systems, modellieren.
In der Gruppe (bislang sind sieben CONES vorgesehen) lassen sich folglich Choreografien realisieren, die maßgeblich in das Raumgeschehen eingreifen können … als könnte man eben Projektionsflächen für Beamer im Raum bewegen.

Andreas: Die herausragende Qualität der “Nomaden“ liegt für mich in der direkten Kopplung der dargestellten Bildinhalte an die Bewegung der CONES im Realraum. Jeder CONE zeigt einen Blickwinkel in eine computergenerierte Szene. Ändert sich die Orientierung des CONE im Realraum, so ändert sich deckungsgleich der Blickwinkel in die dargestellte Szene.

Sieben (unterschiedlich) rotierende CONES, sieben (unterschiedlich) bespielbare Projektionsflächen und zwanzig verschiedene Diplomprojekte – wie kann das gehen? Was sieht und begreift der Betrachter?

Luca: Die Ausstellung nomadix vertritt die 20 Diplomprojekte. Das heißt allerdings nicht, dass diese in der Ausstellung inhaltlich erschöpfend wiedergegeben werden sollen.
Eigens für die Ausstellung werden von jedem Diplomanden Beiträge produziert. Der Betrachter wird dabei nicht dazu angehalten, die Beschaffenheit des Systems zu verstehen – er soll das System übersehen!

Andreas: Prinzipiell geht das Ganze recht einfach: Die 20 Diplomprojekte bespielen nacheinander die komplette Inszenierung mit 7 ca. 30-60 Sekunden langen Clips, ein Clip pro Nomade. Zu jedem Clip gehört eine Bewegungschoreografie für die 7 Nomaden. So hat jeder die Möglichkeit, für die eigene Präsentation das komplette System zu gestalten.

Mischa:
Wir sehen drei Ebenen der Nutzung vor:
Narrative Clips: Nutzung als sequentielles, interaktionsloses Abspielsystem von Clips. Die restlichen CONE können zur Farb- und Bewegungsstimmung des Environments genutzt werden. Vorgesehen ist, dass jeweils der Clip einer Arbeit die gesamte Ausstellung expressiv übernimmt.
Augmented Pausen-Environments: Die einzelnen Arbeiten werden durch Pausenbespielungen von etwa 5 bis 10 Sekunden Dauer getrennt. In diesen Sequenzen werden die Rahmenhandlung von nomadix und die Einstimmung auf die nächste Arbeit versucht.
Die synästhetische Sau rauslassen: Für Vernissagen und Parties soll das System als hochinteraktives VJ-System mit einer manuell gesteuerten Bewegungskomponente genutzt werden, wozu eventuell die Fernsteuerung eines Modellflughelikopters genutzt werden könnte.

Die CONES sind eine Erfindung aus eurer Hand. Könnt oder wollt ihr sie gegenüber anderem Ausstellungsdesign wie beispielsweise Bildschirmsettings (ok – aus den 80ern), VJing oder Raumprojektionen abgrenzen?

Mischa: Aber sicher wollen wir das! Und wir können es auch. Threamers hat es einfach noch nie gegeben. Die Sache ist so fundamental wie unbekannt, das Potenzial derart groß, dass ich mich frage, wo das alles hingehen soll. Stell dir doch nur mal einen Raum vor, in dem Threamers als Spots von der Decke hängen oder die als bewegliche Bildräume an der Wand hängen und den Raum nach Besucher/innen abscannen!

Andreas: Bei unseren Nomaden bewegt sich nicht nur der Bildinhalt, sondern das komplette Projektionssystem, also auch der Projektor und die Projektionsfläche.
Das System ist ein Hybride aus Videoskulptur und Industrieroboter. Tatsächlich verwenden übrigens spezielle computergesteuerte Fräsautomaten eine ähnliche Kinetik wie unsere Nomaden.

Luca: Unsere CONES sind Ausstellungsdesign und -infrastruktur in einem! Dieser Umstand bereichert das altbewährte Credo “the medium ist the message“ von McLuhan um eine wortwörtlich “fassbare“ Dimension.
Ich denke, dass Information heutzutage immer mehr vom Bildschirm ausbrechen wird – oder geschwollener ausgedrückt: … in den Raum fließt.

Die CONES gehen nun als Herzstück von nomadix auf Weltreise. Was ist nomadix – außer der Diplomshow 2005?

Luca: Nomadentum als Ausstellungsform, Nomadentum der Arbeitsweisen, Nomadentum von Inhalten, Nomadentum der Formen, Nomadentum der Pläne, starren Gedanken …

Mischa: Die Dinger heißen Threamers, darum bitte ich hiermit erneut. Jedenfalls, komme was wolle, wird nomadix vom September 05 bis zum Mai 06 unterwegs sein. (Daten unter http://www.hyperwerk.ch)
Neben der direkten Funktion als Diplomshow geht es nomadix darum, unser institutionelles Forschungsfeld der Prozessgestaltung unter der Begrifflichkeit des “Postindustrial Design“ packend zu vermitteln.

Andreas: Letztlich ist nomadix ein weiterer Beweis für die Hyperwerk-These, dass im unkonventionellen Verbinden von Menschen und Themen das Potential für Innovation liegt.

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Elektronische Lebensaspekte.