In der Gadget-Welt leben Totgeglaubte manchmal länger.
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 126


Themenwelt Kassette

CDs hatten den Kassetten schon mächtig zugesetzt, als vor zehn Jahren das MP3-Format aufkam und dem letzten Tonband-Datenträger den Garaus machte (jedenfalls in den Industriestaaten). Bis jetzt, denn im Gadget-Universum erleben sie einen zweiten Frühling. Für die einen eine fast unbekannte, vergangene Technik, ist die Kassette bei älteren Semestern meist schwer symbolisch überfrachtet. Die erste Liebe, beeindruckt mit akribisch-leidenschaftlich zusammengestellten Mixtapes, stundenlanges Spulen mit Stabilo-Markern, um im Schulunterricht die Batterieen des Walkmans zu schonen, Beschlagnahmung des öffentlichen Raums mit Ghettoblastern und Breakdance. Große Krise, wenn die Lieblings-Clubnight vom Bandwurm zerfressen wird.

Bei so viel Nostalgie und Retro-Schwärmen vergessen wir gerne die Nachteile. Die Bänder leiern und mit ihnen die Musik, ihr Klang wird über die Jahre immer dumpfer, Dolby B und C schneiden mehr Höhen als Rauschen ab und hitzeempfindlich sind sie auch. Den Gadget-Machern ist das egal. Sie mischen die Essenz aus Retro und Haptik mit moderner Technik zu Hybriden wie dem Kassetten-MP3-Player. Der stilisierte Plattenspieler wirkt zwar deplacé, aber mit dem richtigen Sticker ist das Ding ziemlich heiß. Statt integriertem Flashspeicher steckt man eine SD-Karte rein, kann damit wie beim Walkman seine “Tapes” wechseln und bekommt noch einen Kartenleser und Autoradio-Adapter obendrauf.

ghettoblasterart

Wer beim Anblick von Tapes schon feuchte Augen kriegt oder vor seinen Kollegen einen Distinktionsgewinn erzielen will, ist mit dem Kassetten-USB-Hub oder USB-Stick in Kassettenform bestens versorgt. Chefmäßig fett kommen Boomboxen daher. Als leichte Alternative zur echten gibt es das kastenförmige Kissen. Die iPod-Boombox versteckt nonchalant Apples Bestseller im Kassettenfach und bewegt sich auch optisch stilsicher in der Fußgängerzone. Wildstyle eben.

Die bequemere Variante davon ist die Retro-Tasche mit integrierten Boxen. Das ein Ghetto-Blaster Kunst sein kann, zeigt Sam Green. Ein wenig Farbe, buntes Perlenmosaik und ein Einfüllstutzen eines Benzinkanisters reichen um die Gemeinsamkeit von Straßenecke und Museum klarzumachen.

boombox

Die Mixtape-Kultur findet sich unterdessen mit dem üblichen Social-Web-Anhängsel im Netz. Sie reicht von Seiten, auf denen aus einer Liste einzelne Stücke herausgesucht und kompiliert werden können (www.8tracks.com, http://www.mixwit.com), hin zu Seiten wie dem kürzlich geschlossenen Muxtape und seinem “Nachfolger” Opentape (www.opentape.fm). Sozial-digitales “mixtapen” macht Spaß. Echtes noch mehr. In der Leipziger “Kassette” blüht die Kultur des Sammelns und Tauschens wieder auf. Die Wand bestückt mit Mixtapes, können mit eigenen getauscht werden. Ein netter Plausch, guter Kuchen oder Bier inklusive.

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Elektronische Lebensaspekte.