Da wo sich BoomBip und Mike Ladd gute Nacht sagen, wohnen auch The Tape und sein Kumpel RQM. Zur richtigen Zeit legen die beiden mit ”Autoreverse“ein Fusion-, Post-, was auch immer HipHop-Album vor.
Text: Martin Pohle aus De:Bug 93

HipHop?

Über- und Untereinandergeschichten
The Tape vs. RQM

Es war eine alte Mischkassette. Nicht eins dieser schicken Mix-Tapes, sondern eine, auf die man damals gedankenlos all seine Lieblingslieder gespielt hat, ein Song nach dem anderen, es gab keine Pausen mehr, Madonna neben Wu-Tang, John Coltrane trifft Punk. Momentaufnahmen: Das sind Mischkassetten. So eine Mischmaschkassette hatte auch The Tape a.k.a. Robot Koch. Irgendwann von der Muse geküsst, entwickelte er die Idee, seiner alten Kassette Respekt zu zollen und ein Album im Stil einer solchen zu produzieren, “… nicht nur ein Genre verfolgen, sondern alles, was einen inspiriert, zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen. Aber nicht nur Track für Track nebeneinander, sondern über- und untereinander gelegt und miteinander verwoben.“ Mit dem ersten so entstanden Album “Perpetual Dubbing“, einem Cocktail aus PunkRockHipHopBeatElektronika, vereint Robot, der auch Teil der Avantgardepop-Formation Jahcoozi ist, seine vielseitigen musikalischen Einflüsse. “Ich bin ja eigentlich Drummer und komme vom Rock. Nicht AC/DC, sondern Sachen, die auch mal den Jazz oder so berühren. Mich haben immer, auch im HipHop, mehr die Sachen interessiert, die am Rand passierten. ‘Check Your Head’ von den Beastie Boys oder die erste Anti Pop Consortium. Sachen, die sich abspalten und mit anderen Stilen fusionieren.“
Fusion, das ist The Tape und damit machte man sich dann den New Yorker MC RQM, der in Berlin gestrandet ist, erst zum Fan und dann zum Mitstreiter. “Eigentlich war nur der Song ‘HipHop is Dead’ als Feature-Track gedacht. Ich wollte den Song ähnlich einfügen wie beim ersten Album, damit es wieder so eine Über- und Untereinander-Geschichte wird. Bei der Arbeit mit RQM hat es sich aber insofern geändert, dass einfach mehr Songs entstanden sind, die für sich alleine stehen konnten. Wo das alte Album wirklich nur als 45-Minuten-Mixtape funktioniert, können die Songs auf der neuen Platte als eigene Kompositionen auch für sich alleine stehen. Aber es ist immer noch The Tape, denn der Grundgedanke und die musikalische Bandbreite wurden beibehalten.“ Auch die Herangehensweise RQMs an das Projekt war angemessen: Wie auf den guten alten Mischkassetten treffen in seinem Style viele Einflüsse und Techniken und Thematiken aufeinander. RQM ließ sich von verschiedenen Stimmungen treiben, verarbeitete Ängste über politische Zustände, ließ vergangene Liebschaften vorbeiziehen und fragte sich, ob HipHop tot ist. Momentaufnahmen, wo mal gesprochen und dann wieder gerappt wird. In New York aufgewachsen, ist er sowohl von Drum and Bass und Leftfield beeinflusst als auch von den Spoken-Word- und Poetry-Slam-Bühnen in Brooklyn, “und HipHop war irgendwie immer da“. Er hat seinen eigenen HipHop-Begriff geprägt und der Song “HipHop is Dead“ ist die Traueranzeige für eine Kultur der Stagnation. “Leute reden vom Anfang bis zum Ende der Platte über ihre Sneakers und Autos. Da fühle ich einfach nichts. HipHop ist eine Open-Source-Kultur, es gibt keine Grenzen. Ich will Genres aufbrechen. Es ist ein Ding aus dem Herzen.“
The Tape vs. RQM reihen sich perfekt in die Reihen derer ein, die ohne Dogmen Sachen vorwärts bringen. “Ob es dann noch HipHop ist, sollen andere entscheiden. Hauptschache, die Musik klingt cool.“

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Elektronische Lebensaspekte.