Und die Nadel wanderte: Das neue Album von Ronald Lippok und Bernd Jestram ist noch mehr Songwriting, noch offener und noch lässiger. Ein Abbild Berliner Wirklichkeit.
Text: Christoph Brunner aus De:Bug 91

Tarwater
Nebelbänke

Die Wege von Tarwater sind selten direkt und führen oft zu skurrilen Verweisen auf ihre eigenen Erlebnisse. Ihre Musik bewegt sich im Land der Elektronika schon seit einigen Jahren und wirkt ruhig, mal düster, aber im Großen und Ganzen sehr affirmativ.

Trotz aller Affirmation und einem ungezwungenen Umgang mit Referenzen verstehen Bernd Jestram und Ronald Lippok ihre Musik nicht als aussagelose Bobachtungen im Feld der elektronischen Klänge. “Bei Techno ging es auch um die Eroberung von neuen Räumen, die von Leuten temporär oder längerfristig besetzt wurden. Das Ganze hatte immer etwas Politisches.“ In ihrem indirekten Weg wird Tarwaters positive Grundhaltung frisch kontrastiert: “Positiv zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, dass du dich in den Verhältnissen, so wie sie sind, einrichtest und dich darin wohl fühlst. Selbst ein reiner Genuss sollte dich dazu bringen, dass du die Sachen anders erlebst. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Protestieren einfach ein Noise sein muss.“

Nach fast drei Jahren und unzähligen Theater- und Filmprojekten ist nun wieder eine LP an der Reihe. Das neues Album “The Needle Was Travelling“ ist weitläufiger geworden. Es wurden Räume geschaffen, die für viele Arten von Musikkonsumenten Projektionsflächen bieten und nicht ausschließend agieren. “Tarwater ist nicht hermetisch. Man braucht kein Spezialwissen, um die Lieder zu verstehen. Kryptisch können sie schon sein, hermetisch sind sie nicht. Man muss die Identität des Einzelnen und seine Interpretation zulassen“, so Ronald Lippok.

Die Direktheit der Songs in ihrem Erscheinungsbild und ihren Aussagen schließt sich ebenso wie der Labelwechsel an die “sanfte Form von Progression“ an. Sie wirken wie ein Ruhepol inmitten der Hauptstadt und dem permanenten Kommen und Gehen. Berlin war für Bernd und Ronald schon immer der ideale Ausgangsort für ihre Musik. Die Stadt bewegt sich, Leute tauchen im Studio auf, man jammt und lässt so neue Songs entstehen. So kamen auch die Kooperationen mit Schneider TM, Marc Weiser (Rechenzentrum) oder Hanno Leichtmann zu Stande. Sie wollen keine zu stark geglätteten Tracks und auf keinen Fall ein Studio als Elfenbeinturm, oder wie im Falle Múms einen Leuchtturm.
Die Außenwelt ist für Tarwater ein wichtiger Bezugspunkt. Die Form des Cut-Up-Verfahrens bleibt auch auf der neuen Platte eine beliebte Spielart. Die Bezüge sollen jedoch auf keinen Fall in eine Art “Referenzmuseum“ münden. Viel mehr steht das Organische der Musik im Vordergrund.

Debug: Bei ‘seven of nine’ singst du immer “we hit the bomb” … welche Bombe denn?

Lippok: “Nein, nein, nein, es heißt doch ‘we hit the Borg’, Das sind die bösen Cyborgs bei Star Trek. Mein Sohn war früher Star Trek-Fan. Es ging einfach darum, mit diesem positiven Song dem Bösen etwas entgegenzusetzen.”

Die Message wird trotz der Verspieltheit deutlich. So geht es einem bei vielen Tarwarter Songs. Die Notwendigkeit zum offenen Statement haben sie nicht nötig. Durch eine gute Portion Understatement wird oft mehr als eine Leseart offeriert und die einzelnen Tracks wirken weder steif noch zu konzeptualisiert.
Es ist dieser Nebel, der alles umhüllt und einen oft nur für kurze Momente etwas erahnen lässt. Diese Mischung ist gut, denn sie umschifft bewusst diesen Drang zum konkreten Statement und entlässt einen in die Freiheit der eigenen Interpretation. Alles bleibt offen, die Gedanken sind frei.

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Elektronische Lebensaspekte.