Fotografiert: die Asservatenkammer JFK
Text: Anton Waldt aus De:Bug 152

Die Bilder von Taryn Simon bezeichnen das Gegenteil eines journalistischen Schnappschusses. Wenn die Amerikanerin ein Foto macht, muss sie dafür stets die große bürokratische Erlaubnismaschine anwerfen. Am Anfang steht immer: kein Eintritt.

Irgendwann darf sie doch rein, baut ihre riesige Kamera auf und macht ein konzeptreiches Bild. Dieser Vogel hier zum Beispiel. Er war per Luftpost aufgegeben worden. Auf einem Postamt irgendwo in der Karibik. Voodoo-Hexen brauchen tote Vögel als Rohstoff für ihren Zauber. Der Briefumschlag war ordnungsgemäß frankiert, der entnommene Vogel eines von 1075 konfiszierten Dingen, die Simon in fünf Tagen und Nächten an der Zoll- und Poststation des JFK-Flughafens in New York aufgenommen hat.

Den Vogel wie die Hühnerfüße, die gefälschte Handtasche, das Heroinpäckchen, die Handfeuerwaffe, den jamaikanischen Rum, die Disney-DVDs, chinesische Zigaretten, Juwelen, Viagra, Äpfel und auch das in eine alte blaue Plastikflasche gestopfte unidentifizierbare Fleischstück. Hinter all diesen illegalen und wunderschön fotografierten Dingen, die sich in dem knapp 500 Seiten starken Werk “Contraband” und dem anschließenden Index finden, versteckt sich das Inventar einer Zwischenwelt und ein großer Wunsch nach Sicherheit. In der klinischen Ausleuchtung wirkt das gleichzeitig abstoßend, banal und paranoid.

Taryn Simon, Contraband, ist im Steidl Verlag erschienen.