Wohnzimmertechno-Jüngling Nathan Fake macht ernst - und releast endlich sein erstes Album. Das bringt weniger von Border-Communitys Trance-Dance-Sound als von flächig-harmonischem Hippietronic ohne Allüren und Gesang - aber immer mit Herz und Pathos.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 102

Die drei Faktoren, um im Universum elektronischer Lebensaspekte auch unfreiwillig ein kleiner Star zu werden? Musik plus Typ plus Umfeld? Wahrscheinlich. Der 23-jährige Brite Nathan Fake jedenfalls besitzt hier durchgehend gute Karten. Musik ist seit mehr als zwei Dritteln seines Lebens sein selbst gewähltes Spielfeld – was mit 23 durchaus eine lange Zeit ist, falls jemand nicht selbst nachrechnen möchte. Hits aus Fakes Feder gab es schon einige – und davon genauso boomende Remixe. Den Vollblut-Musiker sieht man Nathan neben den akustischen Beweisen auch wegen seines Grinsegesichts mit den glubschigen Augen und dem umgebenden Haargewuschel an, das irgendwie an Adam Green erinnert und auf dem Musikmarkt längst Schlüsselreiz für schnell erfolgreiche Youngsters geworden sein mag. Doch statt in New York besser unverständliche Texte zu trällern, bastelt Nathan Fake lieber in Reading, westlich von London, mit alten Keyboards an seiner Fassung von Indietechno oder Ambient-Trance. Damit passt er perfekt in sein eigenes Umfeld – dem Starfaktor Nummer 3: Das 2003 vom wenige Jahre älteren James Holden gegründete Label Border-Community ist eines der Hauptreiter dieser UK-Tech-Trance-Welle, die die Welt seit kurzem im Sturm erobert – nicht zuletzt dank des ungemein schiebenden Holden-Remix von Fakes Hymne “The Sky Was Pink“, der sich im letzten Sommer in jedes Ohr drehte und damit Nathans Namen in jedermanns Gedächtnis brannte. Seine auf Traum erschienenen EPs “Coheed“ und “Dinamo” hatten es zuvor schon gleichgetan und weitere Aufmerksamkeitsmassen auf den überraschten Studienabsolventen gelenkt.

Was nun längst wartete? Ein Album. “Der Plan hierzu entstand ganz überraschend – ich hatte James ein paar neue Tracks und Experimente vorgespielt und er fragte mich, ob ich daraus nicht eine LP machen möchte. Die ältesten Tracks sind mittlerweile zwei Jahre alt; ich bin froh, dass die Platte endlich erscheint.“ Nathan Fakes wie auch ganz Border Communitys erstes Release im Albumformat “Drowning in a Sea of Love” zeigt also seit Ende März 2006 die verschiedenen Wolken am schon vertrauten pinkfarbenen Himmel. Mit elf Tracks löst hier Nathan Fake alle Erwartungen viel sanfter und vielschichtiger auf, als man sich das erträumt hatte. Die Sounds bleiben zwar prinzipiell gleich – Fake setzt aber die repetitiven Rhythmen seiner deepen Clubtracks eher in den Hintergrund, wo sie sich zu verspielten, eher rockigen Bastelbeats umformieren, um den sowieso omnipräsenten melodischen Klangschichten in den Vordergrund zu helfen und sie auf poppigere Tonleiterausflüge zu schicken. Dank dieser Freiheiten geht es auf “Drowning in a Sea of Love“ mehr um zurückgelehntes Anhören von Musik, als dies auf dem Dancefloor geschieht.

Wohnzimmertechno eben
So beginnt das Album mit einer poppig blubbernden Synthieharfe und einem daraus purzelnden Optimismus – der aber dank eines lauten und konstanten Atemgeräusches an einer durchwegs präsenten Melancholie festhält. Das Geräusch: ein Taucher im “Meer aus Liebe“, wie es der Albumtitel nahe legt? “Ich hatte nie an Atmen gedacht, aber wenn das so viele Leute vermuten, ist das doch cool“, freut sich Fake. Grandfathered, der zweite Track, ist dann auch wie eine Hymne, die die ganze Welt Freudentränen-getränkt umarmen mag. Im weiteren Lauf des Albums wird Nathan Fake auch seine behutsam-lärmigen Keyboard-Gitarrenriffs auspacken, wird er weite und dabei raue Soundteppiche öffnen und schließen, wie das Gezeiten an der Norfolk’schen Küste tun, einen Blumenstrauß aus albernen Synthiesounds zücken, ein verhalltes Piano samplen und sich am Ende mit einem windverwehten Fieldrecording aus dem Schlafzimmerfenster des Bauernhofes seiner Eltern verabschieden, wo manchmal Autos durch Pfützen rollen und die Ruhe jede Menge gute Luft und Frieden verheißt.

Trotz der meist elektronischen Instrumente geht Nathan Fake in vielerlei Sinne warm und organisch vor, was sich im Gesamtbild manchmal auffallend nah an Boards of Canada anfühlt, und schwimmt in den Harmonien in diesem epischen Weltschmerz, den die Britpopper von The Verve 1997 mit ihrer “Bitter Sweet Symphony“ in alle Radio-Rotations trugen. Damit verzaubert er nicht nur die eingefleischten Indietronic-Romantiker, sondern auch eine Elektronikfraktion, die spürt, dass da noch mehr zu fühlen ist als der trancy Beat zum Runterschlucken. Den liefert dann sowieso jemand aus der Warteschlange hochkarätiger Remixer. Arbeiten von Apparat, Michael Mayer, Fairmont oder eben Labelchef James Holden können durchaus Trophäen sein – für alle Seiten.

Fake ist im Übrigen auch sein eigener Remixer – zumindest wiederholen seine Live-Konzerte selten die Originaltracks. Einschlägige Live-Software erlaubt ihm, die Einzelelemente immer wieder neu zu verbinden und seine Performance so jedes Mal neu zu improvisieren. Sein Kumpel Vincent Oliver übernimmt dann die Funktion des VJs und steuert MIDI-synchronisierte Visuals hinzu.

Nach einer Europatournee zurück daheim sein, heißt im Falle Fakes dann nicht London. Aufgewachsen im ostenglischen County Norfolk, absolvierte Nathan sein Musikproduktions-Studium in Reading, wo er auch die Platte komponierte. “Jetzt läuft aber der Mietvertrag aus und ich werde für eine Zeit zu meinen Eltern zurückziehen. Das ruhige Leben auf dem Land gefällt mir aber sowieso sehr. Mal sehen, was kommt – und wohin ich gehen werde. Ich habe auch einiges über das Musikgeschäft gelernt – dem großen Business und der Industriewelt möchte ich wirklich fern bleiben.“

Nathan Fake ist ein weiteres Aushängeschild dieser Generation von Musikproduzenten zwischen Leuten wie dem Briten Alex Smoke, dem Deutschen Dominik Eulberg, dem Kanadier Frivolous oder Border-Communitys Labelmaster James Holden, die sich um aufgesetzte Coolness oder lebenslange Stilfixiertheit herzlich wenig scheren, weil sie mit ihren dynamischen, warmen und irgendwie romantisch verspielten Produktionen zehnmal genug dem ”Muss kicken“-Diktat entgegensetzen. Selbstbewussten Charme sowieso.

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Elektronische Lebensaspekte.