Der Chef des New Yorker Experimetal-Elektronika-Labels 12k setzt sich der Stille aus und findet das ziellose Mäandrieren autobiografischer Sounds.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 104


Die Stille des Steins
Taylor Deuprée

Die Fotos sind in monochromes Grau getaucht. Auf manchen glitzern die Wellen trotz großer Entfernung gestochen scharf, fast plastisch, auf anderen überzieht Nebel die Meeresoberfläche mit einem grauen Schleier. Doch immer trennt die Horizontlinie Himmel und ruhig liegende Wasseroberfläche in gleich große Abschnitte. Man sieht keine Sonne, die die Tageszeit andeuten würde, keine zusätzlichen Objekte, die Orientierung verschaffen könnten. Doch trotz des statischen Motivs meint man feine Bewegungen zu erkennen, ist da so etwas wie eine Poesie des Augenblicks. Statik und Bewegung – beides zusammen lässt die Fotos wirken wie gefrorene Zeit.

Es sind endlose Variationen dieses immer gleichen Bildmotivs, die der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto seit Jahrzehnten in seiner Serie “Seascapes” festhält. Auf den ersten Blick sind die Bilder nichts als Monotonie. Aber geht man auf sie zu, dann beginnen die subtilen Veränderungen und Unterschiede auf den Bildoberflächen zu vibrieren.

Als Taylor Deuprée 1999 Sugimotos Bilder in einem Katalog zum ersten Mal gesehen hat, war das eine Offenbarung: “Es spiegelte perfekt wider, was ich zu der Zeit in künstlerischer Hinsicht gedacht habe. Die Idee, dass Dinge, die immer gleich scheinen, sich trotzdem konstant verändern können. Details und subtile kleine Veränderungen führen oft zu sehr entscheidenden, sehr bereichernden Unterschieden.”
Taylor Deuprée beschließt damals, die Atmosphäre von Sugimotos Bilderserie musikalisch umzusetzen. Das Album “Still” war das Ergebnis. Monotone Soundscapes, die wirken, als geschehe in ihnen nichts, als sei da nur gleichförmiges, harmonisches Rauschen. Legt man das Ohr jedoch etwas näher an die Tracks, dann werden die ständigen Veränderungen hörbar. Die Wahrnehmung ist sensibilisiert für minimale harmonische Verschiebungen, das subtile Changieren der Klangfarbe. Und plötzlich öffnet die oberflächlich so stoische Monotonie die Tür zu einer Fülle neuer Perspektiven.
“Still” erschien, wie viele andere Alben seiner zahlreichen Pseudonyme, auf Taylor Deuprées eigenem Label 12k. Ein Label, das sich heimlich still und leise zu einer Institution im Feld der experimentellen Elektronika gemausert hat, und das, ohne sich – wie viele andere Labels auf dem gleichen Gebiet – an einem monströsen, theoretischen Überbau wund zu reiben. Bei 12k waren die Debatten rund um elektronische Musik und deren politisches und kulturelles Potential selten Thema und wenn, dann veschmolzen sie unmittelbar mit der Musik. Bei Taylor Deuprée und den Künstlern, die den Label-Sound geformt haben, ging es immer schon um nicht mehr und nicht weniger als ein neugieriges Interesse an der Wahrnehmung von Sound und der Formung von Klang mit digitalen Mitteln. Das Tolle an 12k ist, dass diese Soundforscher-Attitüde, die so leicht in akademische Miefigkeit abrutschen kann, immer sexy geblieben ist. Bei 12k bilden Form und Inhalt eine perfekt austarierte Allianz.

Seit der Gründung 1997 ist 12k zu einer kleinen Label-Familie geworden. Neben dem Mutter-Label gibt es Line, eine Plattform für eher schroffe, experimentelle Musik, und seit zwei Jahren Happy, ein Label, auf dem Taylor Deuprée seine Vorliebe für japanische, experimentelle Popmusik zelebriert. Wie bezaubernd das klingen kann, hat einem das Piana-Album “Ephemeral” Anfang diesen Jahres mit bescheidener Vehemenz entgegengeflüstert.

12k wächst also langsam aber stetig und auch in Taylors Privat-Leben hat sich im letzten Jahr einiges getan: Vor ein paar Monaten ist er mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn von Brooklyn nach Upstate New York gezogen, in eine ländliche Umgebung, eine Auto-Stunde von New York entfernt. Ein Schritt, der auch musikalisch deutlich Spuren hinterlassen hat. Die streng anmutenden Klang-Explorationen auf “Still” und anderen frühen Projekten wandeln sich auf seinem neuen Album “Northern” in einen Sound, der brüchiger geworden ist, nachdenklicher und nahbarer. “Ich denke, diese Veränderung in meiner Musik hat damit zu tun, dass ich Vater geworden bin. Vater werden ändert alles. Hinzu kommt, dass ich älter werde. Vielleicht entwickelt sich da automatisch das Bedürfnis, etwas mehr in sich reinzuschauen. Außerdem habe ich in den letzten fünf Jahren eine Menge Indie-Rock gehört, viel japanische Popmusik, Ambient- und Shoegazer-Rock. Ich bin zu einem Song- und Pop-basierten Hören zurückgekehrt. Eigentlich habe ich im letzten Jahr meine Hörgewohnheiten komplett geändert. Bei mir zu Hause läuft kaum noch elektronische Musik.”
“Northern” ist deshalb noch lange kein konventionelles Indie-Pop-Album. Taylor Deuprée bleibt dem musikalischen Minimalismus treu. Nur unter anderen Vorzeichen. Das vibrierende Grau des “Still”-Albums hat er auf “Northern” in satte Farben getaucht. Er gibt intuitiven, persönlichen und autobiografischen Motiven Raum. Zwischen Außen- und Innenwelt liegt bei Taylor Deuprées aktueller Minimalismus-Vision nicht mehr als eine hauchdünne papierne Wand. Natur, Erinnerungen, Alltagsbeobachtungen – alles kann zu einer wertvollen Quelle musikalischer Inspiration werden. “Ich ziehe natürlich keine direkte Verbindung zwischen Natur und Sound. Nach dem Motto: ‘Ok, dieser Sound entspricht dem Wasser und ein anderer den Bäumen.’ Das wäre albern. Ich benutze die Einflüsse der Natur in unbewusster Weise. In die Natur zu schauen und zu spüren, wie es sich anfühlt, zum Beispiel auf den Felsen hinter meinem Haus zu sitzen, was ich dort höre, darum geht es. Ich denke, es ist wichtig für einen Musiker, genau hinzuhören, so wie es für einen Fotografen wichtig ist, genau hinzuschauen. Manchmal ist da ein bestimmtes Muster, ein Schatten, der mich inspiriert, oder ein bestimmter Sound, die Stille. Wo wir leben, ist es extrem still.”
Überhaupt Stille: Ihre Präsenz durchzieht “Northern” von der ersten bis zur letzten Sekunde, obwohl die Musik in keinem Moment verstummt. Die Tracks entfalten sich so langsam, unscheinbar und vorsichtig, mäandrieren so angenehm ziellos, dass die heimische Soundkulisse wie in einem Vexierbild langsam nach vorne tritt und mit der Musik verschmilzt. Wie ein meditatives Spiel mit Raum, Klang und Wahrnehmung. “Es ist Absicht, dass meine Musik ohne eine klar angesteuerte Richtung auskommt. Ich schreibe sie seit einiger Zeit auf diese Weise. Erst vor kurzem habe ich Brian Enos Idee vom vertikalen Sound entdeckt. Eno sagt, dass in der Musik über die Klangfarbe oder die Texturen genauso viel bewegt werden kann wie über die klassische lineare Zeiteinteilung mit einem eindeutigen Anfang und einem klar gesetzten Ende. Ich hoffe, eine Andeutung von Orten und Erinnerungen zu schaffen. Es geht nicht um einen Anfang oder ein Ende, sondern um die pure Existenz von Sound. Meine Stücke sollen dem Hörer die Möglichkeit geben, umherzuschweifen und kleine Geheimnisse zu entdecken.”

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Elektronische Lebensaspekte.