Doch. Es gibt auch Musik aus Frankreich, die nicht aus Pariser House-Netzwerken kommt. Agoria aus Lyon zum Beispiel. Der schwimmt diesen Sommer mit seinen Releases auf PIAS auf seiner persönlichen Erfolgswelle und ist dabei alles andere als ein Newcomer. Jetzt macht er sich erstmal daran, die wohlverdiente Ernte aus Begeisterung einzufahren - bei seinen großen Vorbildern aus Detroit.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 75

Der Techno-Farmer

“Ich bin lediglich ein schüchterner Junge aus Lyon. Nein, ehrlich, ich kenne niemanden aus Paris. Die ganzen Karat- und Katapult-Menschen. Den einzigen, den ich mal getroffen habe, ist Feadz.” Sebastien Devaud, unter seinem Pseudonym Agoria der Techno-Senkrechtstarter dieses Sommers, schüttelt zufrieden grinsend den Kopf, wenn man ihn nach Verbindungen zur immer quirliger werdenden französischen House- und Technoszene fragt. Dabei ist er schon eine ganze Weile dabei. Seit knapp zehn Jahren legt er Platten auf, meist mit Freunden in seiner südfranzösischen Heimatstadt Lyon, seit vier Jahren produziert er verschrobene Technotracks mit viel Raveappeal und Hang zu verträumten Melodien. Seine ersten Maxis trugen das Logo von französischen Kleinstlabels wie UMF, Tekmics, Kubik etc. und gingen dank Kleinstauflage und Vertriebsschwierigkeiten weitestgehend unter. Wer dann doch eine von Sebastiens Frühwerken irgendwo fand oder zugeschickt bekam, der konnte, sofern er denn DJ war, gleich einen Dauerplatz im Plattenkoffer reservieren. Denn Agoria-Tracks, damals wie heute, sind perfekte Allzweckwaffen zur Euphoriemaximierung auf dem Dancefloor.

“Ich bin wie ein Farmer. Und jetzt ernte ich zum ersten Mal. Ich nehme mir einfach meine Zeit”, sagt Sebastien und strahlt schon wieder überschwenglich. Eigentlich tut er das die ganze Zeit. Die letzten sechs Monate waren einfach zu verrückt. Zu viele Träume sind in Erfüllung gegangen. Zu oft hat er sich gefragt, ob er gleich aufwachen wird und alles ist vorbei. Als “La onzieme marche”, der Track, mit dem dieses Jahr eigentlich die allgemeine Agoria-Begeisterung erst so richtig losging, vor zwei Jahren zum ersten Mal auf Vinyl gepresst wurde, verpuffte seine Wirkung fast ungehört. Als PIAS Frankreich ihn dieses Jahr dann noch einmal re-releasten, gab es kein Halten mehr. Es gab kaum ein Open Air, auf dem “La onzieme marche” nicht gespielt wurde und auch die anderen beiden Maxis, die via PIAS folgten, hatten ein Dauerabonnement für die Peaktime.

Mit Kevin zum Baseball

Seine Haupteinflüsse, die Sachen, die ihn wirklich geprägt haben, kamen aus Detroit. Derrick May, Juan Atkins, Carl Craig. Produzenten, die er, wie wahrscheinlich so manch anderer, als seine musikalischen Jugendhelden bezeichnet. Und so konnte er es auch kaum glauben, als Kevin Saunderson sich bei ihm meldete. Auch er war von “La onzieme marche” begeistert. Eine Einladung zum Detroit Electronic Music Festival und ein längerer Aufenthalt in Motorcity am Michigan See, bei dem er Inner Citys “Big Fun” remixen durfte und mit Ann Saunderson – Kevins Frau – gleich noch einen Track aufnahm, folgte. “Plötzlich stand ich da in Detroit, und Kevin (Saunderson) stellte mich all meinen Idolen vor. Juan Atkins, Mad Mike Banks und all die anderen. Und dann durfte ich auch noch mit ihnen zusammen spielen. Ich kann es noch immer nicht glauben. Kevin war wie ein Vater zu mir. So mit zusammen zum Baseball gehen und so.” Detroiter Gastfreundschaft. Sebastiens Augen leuchten. Mal wieder.

Und noch ein Held aus Sebastiens Jugend kreuzte plötzlich seinen Weg: Tricky.
“Ich wusste, dass er in Paris war, um sich mit einigen PIAS-Leuten zu treffen. Die hab’ ich dann so lange genervt, bis sie mir versprachen, ihm meinen Track vorzuspielen. Und er hat mich angerufen. Gleich nachdem er ihn gehört hatte. Am nächsten Tag sind wir zusammen ins Studio gegangen. Er hatte die Nacht über den Text geschrieben und meinte dann, nachdem er den Track eingesungen hatte, dass das sein Geschenk an mich wäre. Ich hatte ein wenig Panik, weil es ja heißt, er sei so ein unberechenbarer Terrier, aber er war extrem entspannt.”

Die Tracks von Agoria funktionieren so simpel wie genial. Sebastiens Vorliebe für knarzig-noisige Melodien, die zu einem massiven Wall of Sound auf- und abschwellen, könnten glatt von einem konvertierten Indiekid mit großer My Bloody Valentine Plattensammlung im Schrank stammen. Für loopbasierte Tracks hat er, zumindest beim Produzieren, wenig übrig. Er sagt selbst, dass er eher versucht Songs zu schreiben und sie auch so zu arrangieren. Auf “Blossom”, seinem Debütalbum, zeigt er dann auch, dass er nicht nur Meister darin ist, extrem dichte Ravetracks mit hohem Intensitätsgrad von seiner Festplatte zu kratzen, sondern auch HipHop-, Disco- und Housetracks eine lockere Fingerübung für ihn sind. Natürlich immer mit der Agoria typischen, dezent kitschigen, emotionalen Breite und schrägen, angezerrt knarzigen Untertönen. Und vielleicht trifft Sebastien ja auch irgendwann Mr.Oizo. Die beiden hätten sich bestimmt viel zu sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.