Punk, Dub, Industrial. Das englische Duo "Techno Animal" türmt seine Vorlieben zu abstraktem Hip Hop auf, bis sich Homies und Neubauten-Fans erschöpft in den Armen liegen: The Brotherhood of the Bomb.
Text: christian meyer | christian.meyer@lebensaspekte.de aus De:Bug 51

abstrakthop

Robot War Hop Pt.1
Techno Animal

Techno Animal, das Projekt von Kevin Martin und Justin Broadrick, ist nach zehnjähriger Entwicklung vom Metal ihrer Prä-Techno Animal-Phase über Techno mit ihrem neuen Album “The Brotherhood Of The Bomp” bei Hip Hop angelangt. Aber natürlich machen sie keinen Hip Hop im klassischen Sinn, auch wenn diesmal sogar MC’s vom Anti Pop Consortium, Rubberroom und Sonic Sum sowie Toastie Taylor, Dälek und Vast/EL-P beteiligt sind. Ihr schmutziger Mutant-Hip Hop wühlt sich durch Berge spitzen Krachs zwischen Industrial und Punk-Flavour und kriecht durch Täler tiefer Bässe zwischen Dub und D&B. Konservative Old-School-Attitüden gibt’s anderswo.

Es ist schön, wenn man mit Pluspunkten ins Gespräch einsteigen kann: Die De.Bug kennen sie gut von einigen ihrer deutschen Freunde. Und nach meinen Erfahrungen mit Dälek zeichnet sich erneut ab, dass die schlimmsten Krachmacher die nettesten Menschen sind.

1. Hip Hop
De:Bug: Hip Hop steht bei der neuen Platte weit im Vordergrund. Wann hat die Beschäftigung damit angefangen? Bereits 1999 hat Kevin ja die Compilation
‘Collision Course’ mit dem Anti Pop Consortium, Mike Ladd, Rubberroom u.a. zusammengestellt.

Kevin: Wir haben schon bei God (Kevins Rock-Band vor TA/Anm.CM) u. Godflesh mit Hip Hop-Rhythmen gearbeitet. Es ist eigentlich unmöglich, in England nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein. Er ist immer da, spätestens seit den späten 80ern. Ein wichtiger Teil unserer Entwicklung hatte mit dem Label Force Inc. zu tun. Da gab es die Electric Ladyland Compilations. Das waren ziemlich wichtige Compilations für das Label und allgemein für Leute, die an Mutant-Hip Hop interessiert sind – Hip Hop, der nicht gewöhnlich, old-school, konservativ ist.

Justin: Vorher gab es nur die MoWax ‘Heads’ Compilation, die einen Wechsel im Hip Hop zum Instrumental-Hip Hop markierte.

Kevin: Wir haben beide die Idee von Trip Hop gemocht. Klar, das ist jetzt fürchterlich, aber als wir das zuerst gehört haben, diese Idee von psychedelischem Hip Hop… Hip Hop war immer psychedelisch, das haben wir daran gemocht. Vorher konnte man das nur auf den B-Seiten der 12″es hören, die wir immer schon geliebt haben. Dazu kannst du einfach tanzen und musst nicht die Lyrics analysieren.

Justin: Da steht die Musik im Vordergrund. Und die Heads-Compilation hat klar gezeigt, dass die Musik im Vordergrund stehen kann und nicht nur als Hintergrund dienen muss. Ok, auf Heads war es auch eher Hintergrundmusik, eine Art Easy Listening. Electric Ladyland war natürlich lange nicht so erfolgreich wie Heads, war aber der nächste große Anstoß für uns. Force Inc. und die ganze Frankfurt-Szene haben uns damit die Möglichkeit gegeben, unseren Fokus auszuweiten.

De:Bug: Glaubt ihr, dass ihr mit dem Album echte B-Boys erreichen könnt?

Justin: Wir hoffen es!

Kevin: Warum auch nicht? Ok, es ist neu, aber das ist immer auch eine Herausforderung.

Justin: Nimm Public Enemy. Sie hatten einen so unglaublichen Einfluss, aber als es erschien, wusste erst mal keiner, was das sein soll, dieses Chaos, dieser Noise. Dazu hatte es auch noch Funk, und es gab politische Inhalte – unglaublich!

Kevin: Der Titel unseres Albums hat viele Ebenen, eine davon ist eine Hommage an den großen Einfluss der Bomb Squad (PE-Produzententeam/Anm. CM) auf uns. Auch bei unserem Album kannst du sagen: was hat das mit Hip Hop zu tun, aber das kannst du im Moment genauso gut zu dem Cannibal Ox-Album sagen, zu Mr. Lif, zu Company Flow.

De:Bug: Zur Zeit gibt es ja viele Hip Hop-Sachen, die verstärkt mit elektronischen Sounds und Noise arbeiten…

Kevin: Diese Old-School-Attitüde ist ja auch fürchterlich: warum versuchen Leute, festzulegen, wie Hip Hop zu sein hat? Viele Schwarze kehren dem Hip Hop bereits den Rücken und bevorzugen andere Musik. Die haben keine Lust mehr, Stücke zu hören, die 10 Jahre alt klingen. Darum liebe ich den Underground- Hip Hop von Def Jux, Anticon, Anti-Pop u.a., weil sie sich absolut auf die Zukunft konzentrieren und nicht auf die Vergangenheit. Science Fiction is generally Science Fact for us! Wir lieben die Idee des Futureshock, den Justin im Zusammenhang mit Public Enemy angesprochen hat. Wir wussten zwar nicht, was es war, aber es war aufregend und hatte viel Energie. Viel Major-Hip Hop – obwohl: Underground-Hip Hop eigentlich genauso – ist so schematisch geworden. Ehrlich gesagt, finde ich vielen Major-Hip Hop seit einigen Jahren produktionstechnisch viel interessanter als Underground-Hip Hop.

2. INDUSTRIAL
De:Bug: In eurer Musik sind immer auch deutliche Industrial-Einflüsse zu hören…(diesen Teil des Gesprächs untermalt ein Hotelangestellter adäquat mit einem Staubsauger)

Kevin: Bei Industrial denke ich an wirklich üble Musik, Marilyn Manson, Gothic und so

De:Bug: Oh nein, entschuldige, ich meine die frühen 80er: Throbbing Gristle, SPK und so.

Kevin: DAS hat uns in der Tat ziemlich beeinflusst. Und auch die Leute, durch die sie wiederum beeinflusst waren. Damals kannten wir das nicht, aber jetzt kennen wir Komponisten wie Penderecki, Ligeti, Nono…

De:Bug: Kennt ihr Luigi Nonos Stück ‘La fabrica illuminata’ von 1964, wo er einen Chor mit Geräuschen aus einem Stahlwerk kombiniert?

Kevin: Nein, gibt es davon Aufnahmen? Schreib mir das mal auf, das muss ich auschecken… (der Mann hat ein unstillbares Verlangen nach neuen musikalischen Impulsen – nach dem Interview geht’s auch direkt zu Kompakt!) Justin hat das letztens schon mal in einem Interview gesagt: in der ursprünglichen Industrialmusik ging es darum, das Kranke in deiner Umgebung und deine Neurosen in dir zu untersuchen. Das ist eigentlich das selbe, was wir machen.

De:Bug: Es ging damals ja auch um die körperliche Erfahrung dieses Krankheitszustandes. Zu den sehr lauten Konzerten wurden häufig Videos aus OP’s usw. gezeigt.

Kevin: Wie bei uns: Wenn wir live spielen – und es im Griff haben – ist das auch eine Erfahrung der absoluten Überlastung.

De:Bug: Ich weiß, ich habe es bei eurem Gig mit Dälek im Studio 672 im letzten Jahr nicht ausgehalten und musste flüchten…

Kevin: Ja, ich erinnere mich. Die Anlage war leider nicht so gut, der Bass fehlte, und der ist sehr wichtig bei uns.

Justin: Wenn du nicht den Bass fühlen kannst, bist du nur der Attacke des ‘kchchch’ ausgeliefert, da fehlen dir 60%…

3. Dub
De:Bug: Damit kommen wir zu einem weiteren Eckpfeiler eurer Musik: Dub steht dabei ganz im Kontrast zu Industrial.

Kevin: Richtig, wir lieben alten Dub von Lee Perry, King Tubby, Scientist, Prince Jammy oder Prince Far I, aber wir wollen keine Musik machen, die klingt wie 1972. Wir wollen Dubmusik machen, die jetzt Relevanz hat. Leute wie Word Sound oder Chain Reaction/Rhythm&Sound machen das auch. Man kann sagen, dass sie auch eine Idee – wenn auch eine andere – davon haben, wie Dub in Zukunft klingen könnte. Wenn man Dub live mit einem Soundsystem erleben kann, dann ist das so intensiv, fast wie eine religiöse Zeremonie. Intensiver als ein Metallkonzert z. B. Du kannst dazu tanzen, daneben hast du aber auch diese extrem avantgardistische Magie.

Justin: Wir verwenden Dub nicht im traditionellen Sinn – das ist ja offensichtlich! Wir benutzen die Art der Übertreibung, wie sie im Dub vorkommt.

Kevin: Wenn man elektronische Musik macht, kommt man eigentlich gar nicht drum herum, von Dub beeinflusst zu sein. Der Bass steht im Mittelpunkt, Dubplates und der Remix sind Erfindungen von Dub – am Anfang war Dub!

De.Bug: Es ist ein weites Feld, dass ihr von Dub zu Industrial spannt.

Justin: Eigentlich nicht, das macht alles Sinn. Durch Punk kam ich zu Reggae, und durch Punk kam ich zu Industrial. On-U-Sound und Adrian Sherwood haben beides zusammengebracht und gezeigt, dass dazwischen gar nicht so viel liegt. Adrian Sherwood ist ein unglaublicher Produzent! Er hat an der Idee gearbeitet, Musik für Körper und Geist zu machen. Das wollen wir auch.

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Elektronische Lebensaspekte.