Wenn Chicagoer Partylaune auf Kölschen Minimalismus trifft, hat das erstmal wenig mit darkem Trance aus Italien zu tun. Billy - in your face - Dalessandro beweist, wie eine solche Synthese gelingen kann, ohne im falschen Techno Dojo zu landen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 70

Techno-Splitterbruch

Ein Dojo ist ein Ort der Einkehr, der inneren Ruhe und Ausrichtung. Billy Dalessandro hat so ein Dojo. Und auch wenn mein cinematographisches Gedächtnis gleich unzählige Bilder aus mehr oder minder unterhaltsamen 80er Jahre Karate-Filmen ins Bewusstsein spühlt, hat Billy Dalessandros Dojo wenig mit der Knochen- und Splitterbruch Fraktion von Bruce Lee bis Ralph Macchio zu tun. Es geht um Musik. Primär seine Musik, um Balance und Erkenntnis. “Music has the ability to move our emotions in ways nothing else can. And it is because of this that we must realize its power and universal siginificance,” steht an der digitalen Eingangstür zu seinem Dojo, welches – im Übrigen mittlerweile mobil – in Italien zu finden ist. Dort lebt Billy mit seiner Frau, arbeitet vier Tage die Woche als Englischlehrer für wissbegierige Italiener, wodurch er unter anderem selber langsam der italiensichen Sprache immer mächtiger wird und verkriecht sich den Rest der Zeit mit seinem Laptop in seinem Dojo, um darke Technotracks zu produzieren.

Eigentlich kommt Billy aus Chicago. Aber weder für seine Heimatstadt noch für die Vereinigten Staaten an sich hat er allzuviel übrig. Auch sonst lässt er an Chicago, dem immer noch mythisch überhöhten Nährboden für House kein gutes Blatt: “Anfang der Neunziger war ich in all den alten Clubs in Chicago. Ein paar ältere Freunde nahmen mich mit und es war wirklich knorke. Leider war die besondere Stimmung schnell verflogen. Innerhalb von sechs Monaten wurde aus der kleinen, innovativen Raveszene ein Teenage-Mainstream-Monster, das Geld abwerfen sollte. Die Szene in Chicago ist ultrakonservativ. Jeder klammert sich an seinen Teil des Kuchens, sobald er einen ergattert hat. Labels unterstützen ihre Künstler nicht, sondern ziehen sie ab. Es gibt kaum Bewegung und Entwicklung dafür viel Feindseligkeit und Wildwest-Mentalität.” Larry Heard und Robert Owens können ein Lied davon singen.

Musikalisch gesehen orientierte sich Billy nach eingängigem Studium des Chicago-Sounds von Trax über Cajual bis Relief schnell Richtung Europa und dort im speziellen Richtung Köln. Der slicke Minimalismus der Domstadt hatte es ihm angetan. Und so verschickte er, frisch in Italien niedergelassen, einige CDs durch die Republik, und nach einer knappen Woche meldete sich Achim Szepanski vom Frankfurter Label Force-Inc, um einige der Tracks für sein Label zu signen. Kurze Zeit später klopfte mit Resopal, dem Label von MRI, auf dem jetzt sein Debutalbum “Midievalization” erschienen ist, ein weiteres Label an Billys Dojo-Tür an.

Michael Mayer und Goa Parties

“Techno ist für mich mehr als minimale Clicks und Cuts. Was ich am Chicago Sound immer gemocht habe ist, dass er in your face war. Banging. Nicht jeder will die Musik, die er hört, analysieren. Den Minimalismus von, sagen wir, Profan mit dieser fordernden Energie verbinden, das ist mein Ziel,” erklärt Billy am Telefon um gleich nachzufragen, ob das eben Gesagte Sinn machen würde. So freundlich und zurückhaltend er sich am Telefon anhört, so aggressiv und düster sind mitunter seine Tracks. Und definitiv in your face. Seine erste Maxi für Force Inc. war ein darker pulsierender Breitwandepos, der es schaffte an ältere Mike Ink Tracks zu erinnern und dabei eine ganz eigene Abgründigkeit und Intensität zu entwickeln. Seine Dubeinflüsse scheinen nie aus sonnenverwöhnten Breitengraden zu kommen, sondern direkt vom verrotteten Industriegelände um die Ecke, so metallisch ist der Sound und so wenig gemütlich sind die Hallräume, die sich überall auftun. So etwas wie eine warme Deepness, von der man sich einwickeln lassen und in der man es sich gemütlich machen könnte, wird man auf Billy Dalessandros Tracks nicht hören. Das Strobo ist an und der Sound windet sich nervös durch diesen ganz eigenen ravigen Dubstyle, der antreibt und auch old schoolige Tricks von Acid bis (ja ja) Trance beherrscht. Eine Vorliebe übrigens, die Billy zum Ende des Interviews ganz unerwartet offenbart: “I have been into stupid Trance Music. Das hört sich jetzt bestimmt etwas seltsam an, aber ich höre immer noch gerne Minimal-Psychedelic-Goa-Trance. Ich mag es wegen der Sounds, die sind teilweise sehr eigenständig. Ein Freund von mir in San Fransisco ist in die dortige Szene involviert und wenn ich dort bin, werde ich hin und wieder von ihm auf eine Goa-Party geschleppt. Ich kann da schon meinen Spaß haben, wobei mich eine Party mit Michael Mayer oder Jeff Mills musikalisch weit mehr reizen würde. Da würde ich auch selber die Initiative ergreifen, um dorthin zu kommen.” Darauf einen Chai-Tee.

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Elektronische Lebensaspekte.