Wäre es nicht ein gar so durchschaubares musikjournalistisches Manöver, könnte man an dieser Stelle einen neuen Sound ausrufen: Madrid-Minimal, Madrid-House, Madrid-Techno - El Nuevo Sonido. Doch was bringen schon Parolen?
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 103

Wenn man so will, ist Madrid eine Wüste in der Wüste, Stein und Beton in den Sand Zentralspaniens gebaut. Man muss der Autobahn, die sich aus der Stadt hinausschlängelt, bis zu dreißig Kilometer weit folgen, um hier am Wochenende etwas fernab der Disko-Routine zu erleben. Die meisten illegalen, spontanen oder sonstwie unangemeldeten Raves werden von der Guardia Civil tief in die Peripherie hinein gedrängt und finden an Autobahnkreuzen und verlassenen Landhäusern statt. Die Hauptstadt Spaniens ist, man verzeihe diesen lahmen Vergleich, kein besonders fruchtbarer Boden für elektronische Musik. Das sieht auch der Madrilene Tadeo so, er gehört zu einer jungen spanischen Produzentengeneration, die erst seit kurzem international wahrgenommen wird. “Die Szene hier ist ein wenig armselig, es ist immer das Gleiche. Die gleichen DJs, die gleichen Diskotheken. Alles kommt mir sehr angepasst vor, niemand riskiert etwas. Die Leute interessieren sich nicht besonders für jemanden, der nicht zufällig Richie Hawtin, Luciano oder Jeff Mills heißt.” Tadeo und der befreundete Produzent Damián Schwartz sind so etwas wie die Ziehkinder von Alex Under. Alex und sein Label CMYK waren mit die ersten, die die Tracks der beiden veröffentlichten. Gerade ist die vierte Veröffentlichung von Damián Schwartz dort erschienen. “Verde Confeti” ist eine ziemliche verschnipselte Version minimaler House-Musik, die vielleicht ein wenig an den Sound von Esel und James Din A4 erinnert. Also an Esel-Records, aber ohne dessen Kunst-Leistungskurs-Charme. Wenn der 23-jährige Damián Schwartz über seine Musikposse redet, sollten Feinde der Sentimentalität besser in Deckung gehen. Dann erwarten einen kiloweise rührselige Danksagungen und Sprüche wie: “Somos una piña.” Und Piña? Nein, das heißt nicht “Wir sind eine Ananas” und auch nicht “Wir sind ein Tannenzapfen”, sondern “Wir sind richtig dicke, quasi Familie. Wir haben uns lieb.” “Tadeo und Alex Under sind wie Brüder für mich. Alex hat den Ausschlag dafür gegeben, dass ich mich schließlich ganz der Musik gewidmet habe. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.” Jeder der drei Produzenten hat mittlerweile sein eigenes Label. Alex Under betreibt CMYK, Damián Schwartz startet gerade Mupa und Tadeo hat mit Cyclical Tracks soeben die dritte Veröffentlichung in die Läden gebracht. Daneben existiert in ihrem Madrid-Netzwerk auch noch Apnea-Records, ein Label von Imek und Jose Villalobos, auf dem alle drei bereits veröffentlicht haben. Die Tracks von Tadeo sind im Vergleich zu seinem Freund Damián ein wenig aggressiver, vielleicht auch stampfiger. Vom Sounddesign erinnert er teilweise stark an Daniel Bell. Bei “Granate Granada”, seiner ersten Platte auf CMYK, ist das beispielsweise so. Schöne Wiederholungsmusik mit gelegentlichen Verschiebungen. Da fiepen die Sounds zwischen mechanischen Rhythmuspatterns, schwer monotone Sprachsamples werden über stramme Beats gespannt und kühle Melodien aus einfachsten Elementen geschneidert. CMYK hat diesen Sound dank der Vertriebsarbeit von Kompakt in die Welt gebracht. Angesichts der positiven musikalischen Signale aus Madrid sehen manche die Stagnation in der spanischen Hauptstadt allmählich überwunden, Damián spricht etwa davon, “Köpfe geöffnet zu haben”. Ihr Netzwerk stünde für “Musik ohne Vorurteile” und “Minderwertigkeitskomplexe”, gibt er an. Was auch immer genau damit gemeint sein mag, erlaubt sei abschließend die etwas platte Frage, geht es denn jetzt bergauf mit Madrid? Dazu Damián Schwartz: “Es gibt viele gute Künstler, das Problem ist nur, dass die Leute Do-it-Yourself-Projekte hierzulande oft nicht ernst nehmen. Das verbessert sich zwar gerade Schritt für Schritt, aber die Leute sind noch immer zu voreingenommen.” Trotzdem können Damián und Tadeo seit kurzem von ihrer Musik leben. DJ-Gigs und professionelles Booking machen das möglich. Tadeo hat Madrid übrigens auch vor Techno schon zu einem besseren Ort gemacht. Wie? Da war er Gärtner und hat sich um die Begrünung der staubigen Stadt gekümmert.

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Elektronische Lebensaspekte.