Frankfurt, Stadt der Masterpläne: Die Exzesse der Dialektik im Insitut für Sozialforschung hier, die zwei Türme der Deutschen Bank dort. Darunter: ein tiefes, sägendes Vibrieren. Die U-Bahn? Metallverarbeitende Industrie? Falsch. Godfather of Schranz Chris Liebing produziert einen Bassdruck, so mächtig und nagend wie in keiner anderen Techno-Stadt.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 73

Is This It?
Chris Liebing

Im gegenwärtigen Ringen von Electronic-Produzenten um Pop-Issues, um Welt, erscheint diese immer wieder als kaum adressierbar. Wenn Luomos “Present Lover” die Erfüllung des Pop-Begehrens versucht, passt dessen schwelgerischer Trance, die eher selbstreflexiven Pop-Echos durch das Nadelöhr des Viva-TV-Lautsprechers einfach nicht hindurch. Frankfurts Schranz-Held Chris Liebing ruft für sein Techno-Konzept-Album “Evolution” eine ganz andere “Welt” auf: die von Charles Darwin und Stephen Hawking. Soziale Momente werden hier nicht in den zeitlichen Dimensionen von Augenaufschlägen oder Sound-Moden gefasst, sondern in Jahrhunderten und Jahrtausenden. Die Gesetze des Weltraums auf die der Psychologie abzubilden, um mit Problemen wie der Überbevölkerung oder wachsendem Energieverbrauch fertig zu werden, ist eine der Ideen. Menschen tauchen nicht als Körper, Sprecher, als Szene oder Kollektiv auf, sondern als Masse. Er nennt als konkrete Raum-Referenzen Flughäfen, Fußgängerzonen, Autobahnen. Ist das Liebings “Welt”? Die Frankfurter Techno-Szene sei mit ein, zwei Clubs ein recht geschlossenes Umfeld, Austausch gebe es wenig, Kontakte verlaufen eher nach außen – zu Zeiten des Omen etwa habe mit dem Dorian Gray noch ein ganz anderer Einfluss existiert. In Liebings Sound gibt es keine Irritationsmomente, für ihn wie für die Hörer. So erbarmungslos zerrend die Musik ist, so wenig lässt sich die Figur Liebing ausfüllen. Daher überrascht die beziehungslose, abstrakte Album-Idee nicht. Techno-Held Liebing hat kaum neue Abgrenzungslinien, Polarisierungen, Umschichtungen erzeugt. Parallel zu ihm hat sich, anders als bei der DJ-Generation vor ihm, keine neue Szene konstituiert: Auf seiner Remix-Serie erscheinen wieder Adam Beyer, Speedy J., Steve Rachmad oder Ben Sims. Argumente gegen Liebing wie für ihn sind kaum weiter auszuführen: Er ist langweilig, aber er knallt. Die Tracks von “Evolution”, die laut Selbsteinschätzung alle auch als Maxis funktionieren würden, haben etwas Verzerrt-Öliges, die bratzige Breite von EBM. Die Hooklines sind so auf Verständlichkeit und Einfachheit angelegt, dass sie tautologisch wirken. Chris Liebings “CL Recordings” heißt so, weil sich kein anderer Name anbot. In Bezug auf seine Musik spricht Liebing vom “radikaleren Ansatz”, die Achtziger-Referenz dafür ist Billy Idol: “die Energie, der verschobene Mund, der kraftvolle Ausdruck” – schön, trotzdem führt die Linie nicht wirklich weiter. Wenn man Luomo für die Pop-Karriere Eiffel 65, Missy und ein intensiviertes Social-Life ans Herz legen möchte, fehlen bei Liebing die Anknüpfungspunkte.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.