In Holland zählt die Disco im Kopf. Woanders findet sie auch kaum statt. Das Techno-Aktivistenkollektiv rund um den Vertrieb "Clone" rückt sich die Nickelbrillen in den Studios der Elternhäuser zurecht und träumt von Electritalodisco in einer substantielleren Welt.
Text: Katja Hanke aus De:Bug 68

Raffinerie Deluxe

Nighttown, Rotterdam: Dorfdisco-Ambiente. Männer in weißen Jeans und dick geschminkte Frauen in engen Spitzenoberteilen tanzen zu Stampf-Techhouse. Verwirrt gucken wir uns an. Eine Party von Clone soll hier sein. Meine Begleitung muss da lachen. “Neulich war ich auf einem Fest von Bunker Records”, erzählt er. “In einer Garage, so groß wie mein Wohnzimmer. Da saßen ein paar Nerds rum und haben gekifft. Das war’s.” Die sind heute nicht hier. Leider, denke ich. Aber Electro gibt es im Keller. Düster und trocken, mit gelegentlichen frickelig-funkigen Elementen, die, bevor sie geradlinig-poppig werden können, wieder zurückgeschraubt werden. Die Leute gucken komisch. “Ziemlich geil. Sehr geil”, ruft meine Begleitung und springt auf die Tanzfläche. Die Leute sind verhalten und bleiben es. Selbst als Alden Tyrell die massiv-funkige Electro-Disco durch den Keller schickt.

Total Underground

“Der Abend war nicht typisch”, sagt Serge Verschuur, der Inhaber von Clone, ein paar Tage später. “Die Leute waren lahm, zu mainstream eben. Wir wollten es mal probieren.” Wir sitzen in einem Cafe nicht weit von seinem Laden Clone Records, der in und um Rotterdam Anlaufpunkt für elektronische Musik ist, das Zentrum eines breiten Netzwerkes.
Mit dem Label fing alles an. Das gründete er 1993, um seine Musik und die seiner Freunde zu veröffentlichen. Später übernahm er einen Plattenladen, den I-F in Den Haag führte, und eröffnete ihn in Rotterdam. “Nichtkommerzielle elektronische Musik” verkauft er da. Von Planet E bis Morr Music sind die Fächer mit feinster Elektronik bestückt. Ein Vertrieb kam später dazu: Jazz, House, Electro, Detroit-Techno. Egal. Hauptsache, die Platten werden aus “Freude an der Musik” gemacht und nicht weil “sie Geld einbringen sollen”. Das klingt idealistisch, so sehr nach perfekt straightem Underground, dass es fast unheimlich ist: Musik um der Musik willen, frei von kommerziellen Richtlinien, frei von Trends, ganz ohne “irgendwo dazugehören zu wollen” – durch Musik nicht und durch Äußeres schon gar nicht. Er sehe doch völlig normal aus, sagt Serge und zeigt überzeugt auf sich selbst. Kurzes, schütteres Haar, ausgewaschenes Longsleeve-Shirt und dunkelblaue Malerhosen. Auffallen durch Unauffälligkeit, vielleicht als Gegentrend zum um sich schlagenden Selbstinszenierungswahn. Egal, ein angenehmer Typ jedenfalls. Einer, der ungezwungen erzählt und dabei nicht übertrieben oder aufdringlich ist.

Düsteres Rotterdam

Clone und Dub sind die eigenen Label, letzteres die Experimentierwiese. Sonst ist alles möglich. Schubladendenken ist – na klar – nicht angesagt. Platz für spacigen Electro von Drecxyia oder das funkig zerklüftete Beat-Gefrickel von Phako, die obskure Mischung aus melancholischem House und HipHop-Beats von The Other Peoples Place oder die Indie-Electro-Breakbeats von Kettel. Dass “Electro” nicht ausreicht, um die Bandbreite der Musik zu beschreiben, wurde schon mit der Compilation “We still kill the old way” deutlich. Ein Detroit-Gefühl schwingt in allen Stücken konsequent mit. Eine gewisse dunkle Grundstimmung, etwas Kaltes, Düsteres ist immer da. Als typisch für Rotterdam (oder Den Haag) würde Serge das nicht sehen. “Der Einfluss von Disco ist hier besonders groß”, stellt er fest. “Nirgends wurde soviel Italo-Disco gespielt und produziert wie bei uns. Vor allem in Den Haag. Das war eine prollige Stadt, und Disco war eben prollig. Der Trance von damals. Der Electro-Disco-Sound, ja, der kommt hierher. Und ich meine nicht gesamplet wie bei vielen deutschen Produktionen, sondern selbstgemacht.”

Electro-Disco mit dünner Stimme

Von Samples hält auch Danny Wolfers aka Legowelt nichts, der den Electro-Disco-Sound meisterhaft kultiviert. “Das Spannende ist gerade, alles selbst zu machen”, sagt er leise. Denn wenn er spricht, dann flüstert er eigentlich und guckt dabei verängstigt zur Seite. So, als sei es ihm unangenehm, über sich und seine Musik zu reden. Danny wäre die perfekte Besetzung für die Hauptrolle von “revenge of the nerds”: runde Brille, Schuljungenhaarschnitt und kreidebleich. Im idyllischen Badeort Scheveningen, in dem Studio über der Wohnung der Eltern, bastelt er an elektronischen Disco-Monstern, die jeden Club zum Toben bringen. An Toben ist bei Danny selbst schwer zu denken. Seine Musik produziert er vor allem für sich und “weil es Spaß macht”. “Oberflächliche Tanzkultur” findet er schrecklich und “schlechten Retro-Electro” noch viel mehr. Er unterscheidet rigoros in gute und in schlechte Musik. Was gute für ihn ist, kann er nicht erklären. Vorspielen schon. “Acid Planet 6” zum Beispiel von Unit Moebius. Da wippt er sogar enthusiastisch mit dem Fuß. “Der Sound hier geht momentan dahin zurück. Das Disco-Ding ebbt langsam ab”, ruft er durch den Raum. Danach spielt er eine lässige, lasziv groovende Chicago-Platte und schnippst dabei mit den Fingern. “So etwas mit Acid Planet kombinieren, das wäre perfekt.” Als die Platte vorbei ist, flüstert er wieder. Los sei in Den Haag eigentlich nicht viel. “Man trifft sich bei Clone in Rotterdam. Das ist wie ein Klub von Freunden.”

Gegenseitige Inspiration

Serge kennt sie alle, eine ziemlich große Gruppe von Leuten, die regelmäßig in den Laden kommt. Die meisten von ihnen machen selbst Musik. “Man trifft sich hier und geht dann in die Studios der anderen, um zu hören, was die gemacht haben. Die Szene dreht sich nicht ums Ausgehen. Ab und zu machen wir an unterschiedlichen Orten auch Parties, aber eigentlich besteht die Szene aus Leuten, die sich kennen, Musik machen und sich gegenseitig inspirieren.” So wie Remco de Jong und Tim Hoogesteger, die gerade ein paar Häuser weiter an neuen Ideen werkeln. Sonst nennt Remco sich Phako und veröffentlicht auf Dub experimentelle Musik. Tim macht als Frame Six Techno mit viel Bodenhaftung. Sein eigenes Label Grammar wird von Clone vertrieben. Sie kennen sich seit Ewigkeiten, begegnen sich manchmal im Laden. “Jetzt bringen wir mal Ideen zusammen, die sonst für sich allein stehen”, sagen sie.
In einem kleinen, stickigen Studio unterm Dach spielen sie erste Ergebnisse vor. Die Kombination aus 4/4-Wumms und vertrackt-funkigen Klanggebilden klingt wie ein Profan-Track mit Druck, der sich zwei Schritte nach vorn und gleichzeitig drei nach hinten bewegt. Tanzmusik der erlebnisreichen und hypnotischen Art. Perfekt seien die Stücke noch nicht, sagen sie, man hätte sich gerade erst auf den Sound geeinigt. Zehn Stücke für ein Album sollen fertig werden. Ganz ohne Stress. Die Freude bei der Suche nach neuen Klängen, nach überraschenden Momente scheint hier am wichtigsten.
“Wir sind völlig unabhängig”, sagt Serge und lehnt sich gelassen zurück. “Wir müssen nicht jeden Samstag tausend Menschen zum Tanzen bringen und wir müssen auch nicht unbedingt Umsatz machen. Hauptsache, wir mögen selbst, was wir tun.”

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Elektronische Lebensaspekte.