Jay Haze hat uns im letzten Jahr mit jedem seiner Label, Tuning Spork, Contexterrior und Futuredub, wachgerüttelt. Minimalismus der absurden Art, Deepness mit selbstinszenierten Sound-Unfällen und Traditionsdub für futuristische Wirrköpfe. Jetzt ist er aus Philadelphia ausgewandert nach Amsterdam, um von dort aus Europa zu erobern, zwischenzeitlich ein Netzlabel zu droppen und am Ende Foodpackages über Afrika abzuwerfen, und erzählt uns obendrein vom Irrsinn des Aufwachsens im amerikanischen Wasteland. Wir sind dabei.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 74

DeBug: Was hat dich veranlasst, von den Staaten nach Amsterdam zu ziehen? Eine musikalische, persönliche, politische Motivation oder eher ein Gemisch aus Motivationen?

Jay: Einfach gesagt, wir mussten in Europa sein, um eine Zukunft für unsere Label sehen zu können. Der Hauptgrund war die Lage von Amsterdam. Ich reise sehr viel und von hier kommt man einfach überall gut hin. Ich hab die Staaten genau zur richtigen Zeit verlassen, wie ich finde. Die Ökonomie ist auf dem Abstieg und die jetzige Regierung etwas, über das man nur lachen kann. Ich versuche nicht zu sehr in Politik involviert zu werden, aber bei der jetzigen Situation ist das eher schwer. Es ist ein Witz, es ist einfach alles falsch. Eine der größten Katastrophen in der amerikanischen Geschichte.

DeBug: Was ist der jeweilige Focus deiner drei Label?

Jay: Wir wollten mit allen Labeln verschiedene Richtungen des Minimalismus durchforsten, soweit zur Gemeinsamkeit. Contexterrior ist deeper und experimenteller, Tuningspork konzentriert sich mehr auf den Dancefloor und auf House, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Da werden wir auch neue Acts rausbringen und Compilations. Der Name kommt von einem (leicht betrunkenen) Wordspiel. Spork ist so ein halber Löffel und eine halbe Gabel und sehr populär als Highschool-Essinstrument. Taco Bell nicht zu vergessen, diese Arschlöcher. Tuningspork sollte sich, als wir es vor drei Jahren gegründet haben, gegen diese Dominanz von Formel-House der US Label richten, sich aber auch von den Europäern unterscheiden, die ja in einem ganz anderen sozialen Klima leben. Wir wollten Spaß haben mit dem, was wir tun. Etwas Irrsinn im Studio und hinter den Plattenspielern ist da immer ein wichtiger Faktor.
Dub Music was my first love. Als ich klein war, träumte ich immer davon, an einer Echobox herumzudrehn. Meine Idole waren The Scientist, King Tubby, Prince Jammy. Als ich schließlich mein eigenes Studio zusammensetzen konnte, war es ganz logisch, dass das wieder auftaucht. Als Einfluss genauso wie als Tribut. Auf Futuredub geht es um die deepere Seite von Dub mit ein paar traditionellen Einflüssen. Nur dass ich mehr Effekte zur Verfügung habe als meine Vorgänger. Neben den Dreien gibt es noch Textone, ein MP3-Label, auf dem wir Tonnen von Releases rausbringen werden. Checkt http://www.textone.org. Alles freie Musik unter der Creative Commons Lizenz.

DeBug: Ich dachte eine zeitlang: Dubtechno ist am Ende. Die Seriösität wurde einfach zu bedrängend. Futuredub hingegen war so crazy und frisch, aber trotzdem deep, dass ich mich gerne hab anders überzeugen lassen. Was bedeutet dir Dub?

Jay: Dub ist ein Gefühl. Du weißt, wenn es dich trifft. Es ist ein Experiment. Diese Leute im verdammt armen Jamaica hatten als Waffe nichts als einen fetten Joint, einen Federhall, eine Echobox und eine Idee. Und sie haben einen Sound erfunden, der für immer ein fester Bestandteil aller Musik, die kommen wird, ist. Ich verstehe aber das Problem. Viel von dem, was Dubtechno heißt, interessiert mich auch nicht mehr. Vor 2 Jahren ist das explodiert als Genre, aber die meisten Leute, die da vorne standen, hatten mit Dub nicht mehr zu tun als hier und da mal einen Akkord zu dubben. (MRI, Dub Taylor, Dirk Diggler usw.). Es gab viel zu wenig direkte Beziehung zwischen Dub und Dub Techno. Dub ist pures Experiment. Ich weiß das, hab ich schon gesagt, aber man kann das gar nicht genug betonen.

DeBug: Wieviel von deiner Musik ist Improvisation?

Jay: Meine Musik ist immer in seiner Basis Improvisation. Man könnte sagen, ich experimentiere mit Zufällen und Krach. Ich bin einfach ein Geek, der mit Sound spielt. Ich kann Popmusik nicht ausstehen, vielleicht hasse ich sie sogar. Außer vielleicht Beach Boys oder Beatles, aber nur weil sie diesen experimentellen Faktor haben. Die Sequenzen von Brian Wilson z.B. Ich mache manchmal 5 verschiedene Arrangements von einem Track, bevor er fertig ist. Einer der vielen Schritte, wenn man Musik macht, ist für mich auch Field Recordings zu sammeln und natürlich digitale Manipulation. Aber es ist mir genauso wichtig, eine Art analoges Gefühl in der Musik zu halten. Ich bin einfach süchtig nach Taperauschen.

DeBug: Contexterrior war für dich eine Zeit lang das wichtigste Label. Stimmt das so noch?

Jay: Ich denke, mein Focus ist jetzt wieder auf dem Dancefloor. Die letzten beiden Jahre war mir Contexterrior wohl so wichtig, weil ich eine sehr introvertierte Phase hatte. Das konnte ich nur auf Contexterrior rausbringen, weil es Projekte waren, die mir sehr nah waren und mir viel bedeutet haben. Ich musste mir keine Sorgen machen, weil alles streng limitiert war und es mir relativ egal war, wenn Leute das nicht verstanden haben. Ehrlich gesagt hat mich das Unverständnis sogar gekickt. Contexterrior ist das Label, das meine Emotionen spiegelt. Und ich bin eine sehr emotionale Person und das muss raus.
Ich habe aber in den letzten zweieinhalb Jahren auch an einem Album für Futuredub gearbeitet, das im November rauskommen soll, und das ist jetzt grade mein Lieblingsrelease. Purer Listeningdub, in dem ich auf den Tiefen der Dubs austrippe, die Echokammern noch tiefer und die Reverbs noch breiter mache, voll mit Sublimem, purer Psychedelika und Emotionen. Es hat eine Nähe zu Contexterrior, weil ich mich um keinerlei Richtlinien gekümmert habe.

DeBug: Irgendwie scheine ich immer zu denken, dass “deep” das treffendste Adjektiv für deine Tracks ist, aber trotzdem kämpfen die Tracks immer gegen eine oft hinter “deep” stehende grundlegende Linearität.

Jay: Ich denke, die Verbindung von Linearität und Deepness existiert vor allem in der westeuropäischen Kultur. Und da vor allem in deutscher elektronischer Musik. Genauso wie für mich aber Dubtechno nicht unbedingt etwas mit Seriösität zu tun hat, hat Tiefe nichts mit rigiden Strukturen zu tun. Für mich ist Deepness eher ein Sich-Verlieren in Soundscapes. Verschiedene Ideen musikalischer Geschichte, Nicht-Linearität und Experimente führen einen eher dahin als davon weg.

DeBug: Du scheinst gerne mit anderen Leuten zu arbeiten, mit wem kommen in Zukunft noch Kollaborationen?

Jay: Stimmt, ich liebe das. Ich habe grade einen Track mit Portable gemacht. Unsere Stile ergänzen sich so gut. Er hat einen eher loopbasierten Ansatz, der mir so fremd ist, dass es umso besser zusammengepasst hat. Mit meinem Partner Björn werden wir ziemlich heiße Dancefloor-Projekte unter dem Namen Tuningspork Dorks releasen. Jeff Samuel steht mir eigentlich nicht so nah, er ist eher so etwas wie ein Gegenteil von mir, aber einer meiner Lieblingsdancefloorproducer, also dachte ich mir, zur Hölle, wir bringen das raus. DubCord ist meine Live Dubband, mit der ich glücklicher bin als jemals mit einer Band zuvor. Vor kurzem war ich auch mit Falko Brocksieper in seinem Studio und wir haben einen voll analogen Jam gemacht.

DeBug: Wer, würdest du sonst sagen, steht dir musikalisch nah?

Jay: Farben, weil wir beide in einer Lofi-Minimal-Atmosphäre arbeiten. Ich glaube, es gibt auch Ähnlichkeiten mit den Perlon-Jungs, obwohl ich auf mehr Deepness stehe. Pole wegen der Liebe zu Dub und den Clicks.

DeBug: Spielst du irgendwo in der Nähe demnächst mal Live?

Jay: Ich hoffe, aber zur Zeit spiele ich eher auf drei Decks mit Final Scratch, spiele neue und unveröffentlichte Dinge, meist von uns, aber finde trotzdem dass das mehr Live ist als die meisten Liveacts die ich sehe.

DeBug: Was ist dein Background, mal von Musik abgesehen?

Jay: Ich komme aus einer kleinen irischen Stadt mit 1000 Leuten in einem Tal der Pocono Berge. Wo ich aufgewachsen bin, ist jetzt eine Sondermülldeponie. Kein Witz. Ich bin neben einer Fabrik aufgewachsen, die Chemikalien in unser Trinkwasser geschüttet hat, was natürlich jede Menge Krankheiten hervorgerufen hat. Meine ersten Kindheitserinnerungen sind deshalb auch aus dem Krankenhaus. Ich war ein ungesundes Baby mit Atemproblemen. Die Fabrik war 300 Meter von unserem Haus entfernt und jeder in der Stadt hatte Krebs. Ich habe meine Mutter, meinen Vater und meine Großeltern an Krebs verloren. Mein bester Freund starb, als ich 12 war, an Leukämie. Die zweite Plage war Alkoholismus. Es ist einfach ein ethnisches Wasteland. Ein Scheißflecken irgendwo in der Mitte von NYC und Philadelphia. Als ich 17 wurde, bin ich erstmal für viele Jahre rumgezogen und habe in 7 verschiedenen Staaten in Amerika gewohnt. Mit 19 habe ich dann meine Berufung gefunden und wurde Glasbläser. Ich war 5 Jahre lang sehr erfolgreich und bin durch die Staaten getourt, um Leuten Unterricht und Demonstationen in Glasbläserei zu geben. Ich hab soviel von mir der Glasbläserszene gewidmet, dass ich irgendwann dachte, ich müsste etwas anderes tun, und jetzt ist es 100% Musik. Ich werde wohl immer ein Glaskünstler bleiben, weil es das erste war, was mir gegeben wurde und irgendwie von selbst funktionierte. Die Highschool hab ich nie zu Ende gebracht. Weil ich ständig rumgezogen bin, hatte ich auch ständig Ärger mit dem Gesetz. Ich denke mal, die waren hinter mir her, weil ich anders war. So ein kleiner Punkskater. Was mach ich noch?
Ich bin seit 6 Jahren Vegetarier. Ich habe eine Charityorganisation begonnen, die Abwürfe von Nahrung und anderem in Afrika organisieren wird. Es ist ein ziemlich großes Projekt, aber ich habe in der elektronischen Musikwelt schon viel Support dafür bekommen. Irgendwann bald werde ich wohl ein Jahr in Afrika in einem Community Development Projekt verbringen. Ich fühle, dass ich das tun muss, bevor ich 30 werde, denn die derzeitige Situation in Afrika liegt mir irgendwie sehr nah und ich tue alles, dass die Leute diese Situation nicht vergessen. Die ganze Zukunft dieses Kontinents macht mich traurig. Ich denke mal, das kommt daher, dass mein Leben ziemlich fucked-up war.
Ich hatte so eine Art Leben, von dem die meisten Leute denken, dass es das nur im Kino gibt. In meiner Familie gab es Drogenmissbrauch, Alkoholismus, Selbstmord, einen Serienmörder, Krankheit, diverse gebrochene Herzen. Und ich hab nicht grade eine große Familie. In der Peaktime waren das mal 13. Wenn so jemand wie ich helfen kann, dann sollte ich das besser auch tun. Ich kann Schmerz verstehen. Vielleicht nicht so viel, aber wenigstens ein bisschen. Ich habe so oft gehofft, dass mir vielleicht jemand helfen kann, jetzt kann ich selber jemandem helfen. Das ist doch schon was.
Und nun zurück zur Partyinformation. Ich bin vor zehn Jahren das erste mal auf einer Party gewesen. Seitdem dachte ich, das muss ich selbst auch machen, und so fing es an. Mitte der 90er hatte ich eine Gruppe von Gleichgesinnten gefunden, das Mother Earth Soundsystem, und begann meinen Kreuzzug mit den Veranstaltungen von coolen Umsonstpartys. Das haben wir ein paar Jahre gemacht und als ich dann meine Label anfing, wurden die Dinge etwas seriöser. Wir begannen Events in Clubs, Warehouses und Lofts zu machen. Fluid Nightclub, Aqua Lounge, Silk City. Meistens in Philly, wo wir auch eine der besten Clubnächte mit legendären Afterhours hatten. Es gab mengenweise internationale DJs und wir wollten Philly einen neuen Sound beibringen. Irgendwann mussten wir dann realisieren, Philly kommt nicht hinterher und so gings nach Europa. Wir hatten eh schon 80 Prozent unserer Platten in Europa verkauft und ich habe hier eine kleine, klein sollte man betonen, Fanbasis. Ich bin doch ein Reisender und ich war 3 Jahre in Philly, 2 Jahre länger als überall sonst.

DeBug: Gibt es irgendetwas, an das du glaubst?

Jay: Ja, an Happiness und Love. Ich glaube wirklich an Individualität. An den menschlichen Geist und alles, was das mit sich bringt. Ich glaube, Liebe kann diese Welt besser machen. Und ich glaube, Geld ist die Wurzel allen Übels und Geiz ist eine miese Sache. Und es wird eher noch schlimmer.

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Elektronische Lebensaspekte.