Techno mit Attitüde. Dave Clark weiss was er will und wie man etwas aus seinem Ruf als englischer Techno-Pionier und Turntable-Wizard macht. Statt über Zigarren und Autos redet er lieber über sein neues Album "Devils Advocate" und die Ursprünge von House, warum er keine Computer mag und wieso ihm Chicks on Speed trotz seines felsenfesten Selbstvertrauens doch ein bisschen unheimlich sind.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 77

Dave Clarke

Es mag sympathischere Typen geben, bescheidenere, charismatischere, wegweisendere. Dave Clarke jedenfalls stört das nicht die Bohne. Der selbstbewusste Brite gilt bis heute als Pionier des Techno, als Bahnbrecher und Vorkämpfer für gerade Bassdrums und dunkle Elektro-Beats, als Meister des kontinuierlichen Ravens und Abfeierns. Einer, der es sich schon mal leisten kann, für die Promotion seines neuen Albums kurz für ein paar Stunden nach Berlin zu jetten und den Interviewtermin aufgrund eines kleinen Mittagsschläfchens nach hinten zu verschieben. Einer, der mit seinem Manager am Tisch sitzt und der genau weiß, welche Fragen er beantworten möchte und welche nicht. “Hey Mann, über meine Lieblingszigarren und Lieblingsautos will ich echt nicht reden. Ich habe viele Lieblingsdinge in meinem Leben, und ich bin froh, dass ich sie mir gönnen kann.”

Geschafft! Ich kann machen, was ich will
Dave Clark weiß, wovon er spricht. Seine Singles und LPs, Mix-Alben, Remixe und sein exzellenter DJ-Ruf als Turntable-Wizard haben ihn zu einem der meistgefragtesten Künstler der Dance- und Clubszene gemacht. Sein jüngstes Album heißt “Devil’s Advocate”, und mit des Teufels Fürsprecher ist natürlich niemand anders als er selbst gemeint. “Auf Englisch bezeichnet devil’s advocate eine Person, die aus einer anderen Perspektive heraus argumentiert. Ich hoffe, dass dieses Album manches Vorurteil über mich aus der Welt räumt. Mein Leben besteht schließlich nicht nur aus Techno.”

“Devil’s Advocate” untermauert diese Aussage mit Brillanz. Wer eine dröge Aneinanderreihung schranziger Techno-Tracks erwartet, wird schnell eines Besseren belehrt. Clarke vermischt Styles und Einflüsse aus HipHop, Elektro, House, Techno, Gothic und Punk zu einem elf Tracks andauernden Soundclash voller Attitüde: “Das ganze Album kommt aus dem Herzen. Ohne jegliche Marketingabsichten. Selbst noch so kleine Labels überlegen sich doch heute, in welche Nische sie noch das eine oder andere Album einpassen können, damit es Gewinn bringt. Bei diesem Album stand das überhaupt nicht im Vordergrund. Wenn du so willst, dann bin ich der Verkaufsgrund. Es geht hier eben nicht um Zuordnungen oder Kategorisierungen, es ist nicht dieses oder jenes. Dieses Album, das bin ich.”

Also werde ich Botschafter …
Clarke zitiert selbst klare 80er-Referenzen mit den Düster-Wavern Bauhaus und den Punkbands The Ruts, The Damned und UK Subs. Rückbesinnung, das Back-to-the-Roots ist für ihn in generell in Ordnung, wenngleich er viele aktuelle Rückbezüge so nicht nachvollziehen möchte: “Ich glaube, dass viele der Rückbesinnungen heute sich auf weiße Middle-Class-Producer beschränken. Was irgendwie total fehlt, ist eine Aufarbeitung der Ursprünge der House-Music, die eine Form schwarzer Musik ist. Heute haben die meisten Leute daraus eine weiße Musikform gemacht, was nicht unbedingt schlecht sein muss, aber darauf nehme ich einfach weniger Bezug. Mein Bezugspunkt ist die House-Musik mit einer gewissen Haltung und Einstellung dahinter, und ich denke, House müsste eigentlich als Black Music anerkannt werden, was die wenigstens Leute allerdings kapieren, und das ist ein echtes Problem.”

Im kraftvollen, mit allen Donnermächten der Drums, Toms, Claps und Hats auf den Dancefloor schielenden Album-Opener “Way Of Life” kann Chicago-Pate Rush davon sein Liedchen singen: “Can You Feel The Rhythm? The Music In Your Soul? I Am The Music. You Are The Spirit. (…) Can You Feel It? Can You Feel Me? Can You Believe House?” Glaube es oder nicht, jedenfalls macht das Rocken hier wieder richtig Spaß. Arme in die Luft und ab die Post im zweiten Track mit den Berliner Punk- und Fashion-Satanisten Chicks on Speed: “What Will You Wear To The Party Tonight?” Die hat Clarke vor Jahren bereits bei einem seiner ersten Gigs in Deutschland im Münchner Ultraschall kennen gelernt. Auf dem neuen Album haben sie gleich zweimal die Vocals für seine Tracks beigesteuert (“She’s In Parties”, eine Reminiszenz an den alten gleichnamigen Bauhaus-Song, sowie “Disgraceland”). Und gleichzeitig haben die Chicks – wenn auch nur indirekt – für die eine oder andere Titelgebung gesorgt: “Die Titel auf meinen Album sind nicht ganz bedeutungslos. ‘Deo gratias’ zum Beispiel empfinde ich als eine adäquate Absicherung, wenn das ganze Album schon vom Teufel spricht. Als ich mit den Chicks arbeitete, hatte jeder Edit-Punkt der Vocals im Sampler eine 666, in ihrem neuen Albumtitel steht eine 99. Das hat mich dann schon ein wenig beunruhigt.”

… ein mathemaitischer Botschafter
Schon beim ersten Reinhören in das Album fällt auf, mit welcher Präzision und Perfektion hier an den einzelnen Sounds gefeilt wurde und welche Sound-Präsenz schon selbst beim Hören vom Laufwerk eines Powerbooks mit profanen Ohrstöpseln ausgebreitet wird. In puncto Produktionsweise geht Clarke auch keine (digitalen) Kompromisse ein: “Ich bin sehr, sehr mathematisch. Ich benutze fast nur Material, mit dem ich mich absolut wohl fühle. Kein ProTools, keine Audio-Geschichten, die mit Computer zu tun haben, mein Zeug kommt aus ausgesuchten analogen Geräten, auf die ich sehr stolz bin. Computer begeistern mich zwar, aber ich mag den Sound einfach nicht, der da rauskommt, egal wie gut oder schlecht die Qualität ist.”

Auch die Herangehensweise ist typisch für jemanden, der Beat und Rhythmus als Strukturelement in den Vordergrund stellt: “Meist finde ich einen Sound, der mich dann zu einem anderen Sound führt, und dann zimmere ich da meinen Track drumrum. Dabei lasse ich die Musik sich selbst aufbauen. Aber natürlich muss ich erstmal den richtigen Sound finden. Ich bin kein Musiker, der sich an die Keyboards setzt oder an die Gitarre und dann erstmal ein paar nette Melodien einspielt.” Bei der Soundqualität kennt Clarke keine Schmerzgrenze – einen großen Teil seiner nicht unbeachtlichen DJ-Gagen steckt er regelmäßig in neue Studio-Tools und Klangverbesserungen. Digitale Musikdateien bleiben ihm suspekt, dann schon lieber leiden: “Final Scratch klingt einfach furchtbar. Das Interface ist total unbeholfen. Ich verstehe nicht, warum wir vorwärts gehen und dabei zurückschauen müssen. Auch wenn mein Rücken schmerzt, ich werde auch in Zukunft noch Platten in die Clubs schleppen.”

Und Tracks spielen wie “The Wiggle” oder “Just Ride”, die in ihrer sequentiellen Nach-vorne-Gerichtetheit den kollektiven Tanzrausch konsequent und auf ehrliche Weise bedienen. Tracks, die sich langsam steigern, spiralförmig überlagern, Elemente hinzufügen und herausnehmen, Achterbahn mit dem Körper spielen, Sex in der Musik erfahrbar machen: “Meine Tracks haben verschiedene Layers, die sich langsam übereinanderschichten und aufbauen. Wie bei den alten Chicago-Sachen. Das hat etwas mit Einstellung zu tun. Manche bevorzugen lieber einen quick and hard fuck, aber ich stehe ehrlich gesagt auf ein ausgedehntes Vorspiel. Da ist die Spannung größer …”

In anderen Tracks wie “Stay Out The Light” oder “Dirtbox” wiederum markiert Clarke den düster-grolligen Bass-Teufel, in “Blue To Blue” politisiert er zusammen mit MC Mr. Lif auf einem waschechten und energiegeladenen HipHop-Track, während er in “Deo gratias” und “Addendum” seine Oldschool-Elektro-Einflüsse nochmals ausgiebig abfeiert. Zu Hause oder unterwegs in seinem Auto verirrt sich hingegen nur selten eine Dance-Platte in seine Jukebox: “Da höre ich ja ganz anderes Zeug, PJ Harvey zum Beispiel, Radiohead, The Cure, Punk … Weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal ein Dance-Music-Album gehört habe … Ich glaube, das war DJ Hells ‘Munich Machine’.”

Auch das Älterwerden scheint den Thirtysomething nicht wirklich zu beunruhigen. Die Gefahr einer Gerontokratie der DJ- und Dance-Kultur, wie sie die Süddeutsche Zeitung erst kürzlich in einem Artikel ausmachen wollte, hält er für übertrieben. “Alles eine Frage der Professionalität: Wenn du etwas professionell machen möchtest, dann lebst du dein ganzes Leben dafür. Vor ein paar Jahren hätte ich noch ein Problem damit gehabt, wenn Leute mich darauf ansprechen, ob ich mit 45 oder 50 noch immer in den Clubs stehen möchte, um Techno oder Elektro aufzulegen. Mittlerweile denke ich, das hängt davon ab, wie ich mich dabei fühle. Wenn das Zeug immer noch cool ist und aufregend, ja, warum nicht?”

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Elektronische Lebensaspekte.