2002 war für Heiko Laux' Label Kanzleramt das Jahr von Alexander Kowalski. Nun ist Diego fällig. Er hat kein "All I ever got to know" zu bieten, vielmehr bearbeiten die smart getwisteten Detroit- Tracks des Daily Operators so sicher den Dancefloor wie sie das Karma von modernem Jazz atmen.
Text: Katja Kynast, Alexis Waltz aus De:Bug 68

Techno

Unwahrscheinlich lässige Präzision
Diego

Debug:
Ich finde das neue Album schärfer, brüchiger, pointierter, zerrissener als “Persuasion Channel”. Kannst du damit was anfangen?

Diego:
Nö. (lacht)

Debug:
Ich habe “Persuasion Channel” harmonisch, fließend in Erinnerung.

Diego:
War es eigentlich auch. Aber es hat auch harmonische Tracks auf dem neuen. Es ist vielleicht ein bisschen widersprüchlicher.

Wie kommen wir zusammen, Diego? Deine Musik und unser Text? Deine Tracks haben verhindert, dass so mancher Dancefloor ins Stumpfe, Gefühllose abglitt. Dass die Beats kein Dröhnen im Kopf auslösen, nicht frontal auf die Stirn treffen, sondern fest und behutsam zupacken, wie die Männerhände gewisser Gay-Floors die Po-Backen umfühlen: zärtlich, aber auch sehr genau die sexuellen Potentiale ermessend. Sind die Geschichten durchtanzter Nächte die einzigen, die im Bezug auf Diego erzählt werden könnten? Unsere alten, heiß geliebten Masterpläne wie die des kaputten Detroits, in dem Black Politics-Ansätze in high encryption neu formuliert wurden, Pläne, die in Europa als psychotische Phantasie zwischen Neubausiedlung und Bildern des zerstörten Den Haags nach dem zweiten Weltkrieg wiederkehrten, sucht man bei ihm vergeblich. Kanzleramts Pragmatik gesaugter Teppichböden wird auch im Falle Diegos nicht gebrochen. Die Musik als Bauplan toller Sprach-Konstruktionen zu gebrauchen, bleibt ganz uns SchreiberInnen überlassen.
90% der Musik macht er für sich, sagt er, und die Tracks entstehen im Halbstundentakt. Seine überbordende Produktion steht unter keinem äußeren Einfluss, den man benennen, beschreiben könnte. Diego ist natürlich kein Tool-Funktionalist, der einen sprachlos werden ließe.

Debug:
Wie arbeitest du? Hast du eine Idee, was Neues entstehen soll?

Diego:
Das zweite Album ist im Flow entstanden. Einfach mal hingesetzt, Elemente übernommen aus den vorherigen Stücken und weitergearbeitet. Die Tracks geremixt und weitergeformt, bis ein neuer da war. Es ist kein Konzeptalbum, das war das letzte aber auch nicht.

Debug:
Du verfolgst schon verschiedene musikalische Linien …

Diego:
Wenn ich im Studio arbeite, mach ich mal so einen Track, mal so einen. Ich kann auch locker mit einem Fast-Gabba-Track anfangen und den dann so umformen, dass es ein Ambient-Tune ist. Dann wird sortiert, wenn es fertig ist.

Sein Schweizer-Deutsch wirkt kubistisch, die anderen Betonungen lassen jedes Wort, jeden Begriff in einer extremen Deutlichkeit erstrahlen. Das Musik-beschreibende Vokabular dieser Sprache scheint adäquater: Etwa ”klingt” die Musik nicht, was ja etwas Romantisch-Verfeinertes hat, sondern sie ”tönt”, was dem materiellen Sound schon viel näher ist.
Diegos Grundsound, den alle Stücke mehr oder weniger teilen, ist schon mal sehr gut: Extrem fett hat er heimlich etwas von HipHop, arbeitet immer auf Widersprüche und Brüche im Sound hin. Er schmeißt fortwährend Ideen herein, die in ganz verschiedenen Bezugssystemen von Sound funktionieren. Andere Produzenten findet er tendenziell zu homogen: ”Ich versuche ja überhaupt keinen Style zu haben.”
Der konkrete Track ist nicht einer, an dem man sich besonders abgemüht hat, sondern einer der besten von vielen entstandenen. Das ist deutlich hörbar. Produktionsweise und Produkt fallen bei Diego ineinander und das Treibende tönt dann eben. Wenn ein Piano kommt, dann schnell und seine Melodie nahezu vergessend. Repetitive, schlichte Stimmen schieben sich zwischen die Sounds, als hätten sie eine Sekunde später keine Gelegenheit mehr dazu. Ein paar langatmigere Dubs funktionieren dann noch als spröder Hallraum, die eine Karte zeichnen, in der die trockenen Tracks in ihrer eigenen aufgeladenen Spannung zum Rotieren gebracht werden. Und wenn nötig, zischen die Hihats auf jedem Takt. In diesem Treiben arbeitet Diego mit einer lässigen Präzision, die unwahrscheinlich ist. Nie bekommen seine Tracks etwas Fliehendes oder Überbordendes, sie arbeiten immer auf den notwendigsten Punkt hin und aus ihm heraus.

ICQ & Jazz

Diego arbeitet seit Jahren gemeinsam mit Dave Ellesmere aka Voco Derman aus Amsterdam. Jeder Track, der gefällt, wird ins Netz gestellt, als ”Shapes & Forms“ veröffentlichten sie eine CD auf K2o; mit Alexander Kowalski und Dennis DeSantis entstand ”Reasons“, das ausschließlich mit Propellerheads-Software produziert wurde.

Debug:
War Reason neu für dich?

Diego:
Ich benutze es fast ein Jahr und Alex hat sein letztes Album fast komplett damit gemacht.

Debug:
Aber unter Musikern gilt es als berüchtigt?

Diego:
Für Techno ist es ideal.

Debug:
Haben Dennis, Alexander und du die eingebauten Synthesizer benutzt oder den Sampler?

Diego:
Die Synthesizer haben wir schon benutzt, die Drums haben wir gesampelt; die mitgelieferte Soundlibrary ist einfach Kacke.

Debug:
Wie arbeitest du mit Dave, habt ihr euch auch mal getroffen?

Diego:
Zweimal, wir haben auch einen Track richtig zusammen gemacht, aber der war beschissen. Es ist schon was anderes, wenn man dem echt gegenüber sitzt. Ich wusste ja über ein Jahr gar nicht, wie der aussieht, wie der spricht, wie groß der ist. Wenn du dem gegenüber sitzt, hast du dann schon Hemmungen, obwohl du ihm übers Internet blödes Arsch sagen kannst.

Debug:
Es ja auch ein Unterschied zwischen der unmittelbaren Zusammenarbeit und dem Nacheinander …

Diego:
Der Austausch ist dann schon sehr fleißig, alle zehn Minuten ein File rüberschicken und über ICQ miteinander kommunizieren: Mach die Bassdrum noch ein bisschen lauter. Es wäre auch kein Problem, echt realtime zu arbeiten, aber die Bandbreite ist noch zu klein.

Debug:
Welche Dateiformate verwendet ihr?

Diego:
Midi, MP3, WAV. In letzter Zeit haben wir uns auf Reason geeinigt. Da hast du einen File, da sind die Samples drin und alles.

Irgendwie erwartet man immer, das Techno-Produzenten mitten im Geschehen stehen, die Parties, das Vinyl genau verfolgen. Das ist auch bei Diego nicht der Fall. Wie die meisten verfolgt er den Output der anderen nicht genau. (Wer tut das eigentlich? Die DJs, die Plattenhändler, die Fans? Ist Sascha tatsächlich der einzige?) Das man auch mit ganz anderen Zielen Musik machen kann, dass jener Aspekt, dieser Kontext relevant werden kann, interessiert Diego nicht. Da ist er schon ganz Künstler, das heißt bei fremder Musik geht es um die Brauchbarkeit, Tragfähigkeit der Ideen, nicht ob sie aus dieser oder jener Perspektive relevant sein könnten. Elektronische Live-Sets werden komplett gedisst, das gefeierte Ableton Live als Langeweile-Produzent hingestellt, gerade dem klassischen DJ-Gig räumt er mehr künstlerische Möglichkeiten ein.

Debug: Spielst du live?

Diego:
Nein, das ist erstens Heuchelei und zweitens langweilig. Ich kenne keinen Live-Act, der wirklich live spielt: Ein paar Loops triggern ist nicht live. Da macht DJing schon mehr Spaß, da hast du direkten Zugriff auf die Platten, kannst die mischen, cutten und scratchen. Das ist eher Musik machen als Loops antriggern. Mit Ableton Live kann auch nichts falsch gehen, weil der neue Loop im neuen Takt abgespielt wird. Da kannst du dich auch nicht verdrücken oder so. Idiotensicher.

Diegos Mentor-Sound ist Jazz. Pop-Songs kann er nur ein einziges Mal hören, beim zweiten Hören ist ihr Stumpfsinn schon zu offenbar. Seine Lieblingsplatte des letzten Jahres war “Power, Expansion, Release” vom New Yorker Jazz-Pianisten Matthew Shipp, der zwischen Thelonious Monk und Cecil Taylor verortet wird. ”Power, Expansion, Release“ ist tatsächlich frei im Sinne von Free Jazz. Weil diese Musik in den zerfahrensten, harschsten Momenten auf eine zunächst unbegreifliche Weise Melodisch-Emotionales erzeugt, kann sie auf einer sonderbaren Ebene tatsächlich als Ideengeber für neue Detroit-Sounds funktionieren. Shipps Album macht tatsächlich einen Raum auf, der ähnlich unideologisch ist wie der von Detroit-Techno, weil hier das Freie nicht das letzte Wort ist, weil die formale Idee des ”free“ nicht von erstrangiger Bedeutung ist, weil sie auch immer wieder unwichtig wird. Trotzdem gibt es auch nicht das Moment, wo sie erkennbar abgewertet, negiert werden würde – genauso wie Detroit abstrakte Musik ist und zugleich nicht-abstrakt ist, ohne das Abstrakte zu verneinen. Als im letzten Jahr der Spaß von Techno oft zu Gunsten von Albernheit verloren ging, haben die Kontinental-Detroiter trotzdem massive Platten produziert, die dem Projekt einer unmöglichen Musik komplett entsprachen, sie waren Tanzmusik, nicht hart, ohne Lied, mit einem Konzept von Schönheit, eine eigene Welt: Fabrice Lig, Stefan Manceau, Heiko Laux, Dennis DeSantis, Arne Weissberg, Deepart, Lawrence, Lowtec, Diego.

Debug:
Wie erklärst du dir, dass melodiöser Techno schwach vertreten ist?
Diego:
Vielleicht ist es zu anstrengend zu hören, aber das ist mir eigentlich egal.

Debug:
Was machst du außer Musik?
Diego:
Nichts.

Debug:
Kannst du davon leben?
Diego:
Schlecht. Es stellt sich auch immer wieder raus, dass mich keine Sau kennt. Nur ein paar Freaks. Die Promoter sagen, die Leute wollen Adam Beyer, Monika Kruse. Die Leute kennen auch Heiko Laux nicht. Wenn ich wo Abgelegenes spiele, kommen fünf Leute.

Debug:
Hast du noch was Wichtiges zu sagen?
Diego: Nö, ist eh alles unwichtig.

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Elektronische Lebensaspekte.