Von Chile über New York ins kosmopolitische Nichts. Miss Dinky streicht das Fräulein aus ihrem Namen und flüchtet sich vor chilenischen Telenovelas hinter ihren Rechner und inszeniert auf "Black Cabaret" eine patagonischer Version elektronischer Musik, die ihr in Santiago einiges an Credibility einbringt.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 73

Die trancige Grazie mit dem Prickeln des Subjektiven

“Female Pressure” ist nicht nur ein Begriff, sondern sehr wichtig für sie. Ihre Freundinnen heißen Miss Kittin und Electric Indigo, sie nur noch Dinky. Von Female Sound spricht sie nie. Sie liebt New York, ohne momentan dort leben zu können. Sie ist ausgewiesen worden, ohne die wirklichen Gründe zu verstehen. Ihr Künstler-Visa wurde nach 6 Jahren nicht verlängert. Reine Schikane. Sie sagt: “I wanna make Peace with America”, ohne zu wissen, warum ihr diese Worte gerade im Kopf herum gehen. Sie ist hier angekommen, ohne ihre Freunde versteht sich. Allein ist sie deswegen noch lange nicht. An welchem Punkt sie aber momentan ist, weiß sie genau. Einst tanzte sie mit Peter Gabriel auf einem Amnesty-Konzert in Santiago de Chile, später nicht mehr. Sie verabschiedete sich alsbald von der Tanzerei, nicht weil sie nicht weiter tanzen wollte. Nein, sie wollte einfach etwas anderes machen. Als Prima Ballerina chilenisch infizierter Elektronika hat sie nichts mit Trance zu tun. Denn es gibt noch ein anderes populär Werden. Nein, nicht der kurze Ruhm eines Telenovela-Sternchens. Auch das trifft ihre Grazie nicht. In New York kannten sie alle. In Chile aber lieben sie auch Paul Oakenfold, sagt sie. Ist das die entgültige Widerlegung aller mühsamer Levi-Strauss-Forschung. Wird in jedem abgelegenen südamerikanischen Dorf Paul Oakenfold freundlichst als Senor Trance begrüsst, andere hingegen mit undeutlichen, verworrenen Handzeichen konfrontiert, Handzeichen, die nicht den Gesetzen der Gastfreundschaft folgen?
Aber was hat sich nun konkret verändert? She fell in love. Tatsächlich. Sie weiß nun, dass Cosmopolitan nicht mehr so schnell anrufen wird und zum Auflegen bittet. So war das damals in Manhattan. Jetzt sucht ihr Sound nach anderen Anschlüssen. Ihr letztes Album produzierte sie in New York und Patagonien. Gegensätzlichere Produktionsbedingungen kann es nicht geben. Im unmittelbaren 9/11-Rahmen NYC entstanden nicht von ungefähr dunkel eingehüllte Pop-Icons. Sie schwebten auf einer elektrotypischen Mechanik, während eine melodische Gelassenheit auf ein minimales Houseverständnis traf. Sie nannte das Album “Black Cabaret”. Konsequent arbeitet sie an performativen Möglichkeiten ihrer Musik. Dafür muss sie nicht in Mode-Gesten verfallen, um dieses für elektronische Musik selten gewordene Prickeln des Subjektiven zu erzielen. Verschwinden kann für sie gar nicht in Frage kommen. Nie hat sie deswegen mit Elektro-Clash-Gesten kokettiert. Das kann sie beschwören. Ihr letzte Auftritt in New York war in einer Karaoke-Bar in Chinatown. Gesungen hat sie nicht. Und jetzt? Nein, nicht schon wieder New York. Okay, sie hat recht. Aber Berlin-Wilmersdorf schreit einfach danach.

DINKY: NYC? Es ist einfach ziemlich tot dort.
DEBUG: Warum eigentlich?
DINKY: Das hat viele Ursachen.
DEBUG: Aber welche?
DINKY: Es gibt ständig neue Einschränkungen.
DEBUG: Zum Beispiel?
DINKY: Ohne besondere Konzession ist es nicht erlaubt, in Bars zu tanzen
DEBUG: Oh.
DINKY: Ja, das kostet schon mal ein paar tausend Dollar, wenn man sich nicht daran hält.
DEBUG: Das gibt es doch gar nicht, oder?
DINKY: Seit April gilt auch ein totales Rauchverbot in allen New Yorker Bars, Clubs und Restaurants.
DEBUG: verstummt
DINKY: Traurig ist vor allem, dass die Leute dort so ein großes Potential haben, sich den Gesetzen aber fast notgedrungen fügen, weil sie so sehr mit ihrem eigene Überleben beschäftigt sind. Miete und all das.

Dann schauen wir hinaus auf die Bayerische Straße in Berlin-Wilmersdorf. Es ist ziemlich tot dort. Wohl nur eine Momenaufnahme.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.