Ellen Allien hält auch auf ihrem zweiten Album, nicht nur wegen des Namens, Berlin als allgegenwärtiges Bezugssystem fest im Blick. Der schweift mitunter ab vom klassischen Raveformat und entdeckt die introspektive Techno-Chanteuse als Indie- und IDM-affine Erweiterung des eigenen Sounds.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 71

Ravende Introspektion

Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit sind so eine Sache für sich. Das gilt in gewisser Art und Weise auch für den Bereich der elektronischen Musik- und Lebenskultur. Auf der einen Seite das Nacht- und Clubleben in seiner ephemeren Ekstase und in seinem punktuellen Exzess, auf der anderen Seite die kontinuierliche Anschichtung und Anhäufung eines multimedialen Outputs in Form von Bits, Files, Loops, Tracks, Songs, Images, Videos … Archivbildung, Stilbildung. Zu Hause und in den Läden stapeln sich Platten und CDs. Der DJ als Selektor und Trendsetter gewissermaßen qua definitionem dazu verpflichtet, die Fahnen des Hier und Jetzt hochzuhalten. Die Augenblicke vergehen, und manch einer wird zur Geschichte. Nostalgie, die im Regelfall sofort zum Tod führt, macht sich in der jüngsten Zeit auch im Bereich der elektronischen Lebenskultur bemerkbar: “Heute” versus “früher” als Indikator einer Sozialisierung verschiedenster Soundbefindlichkeiten.

Mit “Berlinette” veröffentlicht Ellen Allien ihr zweites Solo-Album nach ihrem Debüt “Stadtkind” im Jahre 2001, und man wird es sofort vermuten: Auch sie entkommt ihrer Vergangenheit nicht. “Berlinette” wird, muss und darf sich messen am seinem Vorgänger, dessen musikalische Struktur und inhaltliches Konzentrat als Lebensentwurf für Ellen und ihre Stadt wurde. “Stadtkind war mein erstes Album, ein erstes Kennenlernen und ein wichtiges Statement für mich, bei dem ich meine persönlichen Erfahrungen und meine Erlebnisse als DJ in und um Berlin verarbeitet habe.” Ausgangspunkt des neuen Albums ist einmal mehr Ellen und ihr Berlin in einer Art rückblickender Vorausschau. “Früher hatte ich Angst vor dem Früher, das ganze Ghetto (Ghetto? Im Nachtbus mit Heiko Hoffmann oder wie? Anm.), aus dem ich komme, und die Geschichte drumherum. Heute ist es eher umgekehrt, manchmal werde ich ziemlich ängstlich, wenn ich an das denke, was noch alles vor mir liegt.”

“The past is a lighttrain to unknown trashscapes.” Vergangenheit als Licht, Kraft und Energie für die Entwürfe der Gegenwart. Man merkt Ellen die Nachdenklichkeit und Sensibilität an, wenn sie einem gegenübersitzt und über ihr neues Album und das Umfeld spricht, in dem sich ihre Funktionen als Label-Chefin, bpitch-Kollektiv-Initiatorin, DJ, Produzentin und Talentförderin überlagern und durchdringen. Selbstsicherer sei sie geworden in den letzten zwei Jahren, am eigenen Ich gewachsen. Nach dem Erfolg ihres Debütalbums tourt Ellen mit bpitch im Schlepptau und Berlin im Herzen rund um die Welt und etabliert prototypisch das Bild und den Sound der neuen Hauptstadt. Der Gefahr der Wiederholung und des Stillstands entgeht sie gekonnt durch eine unwiderstehliche und umsichtige Labelpolitik, die – strotzend vor musikalischer Offenheit und kreativem Output – das Terrain des Technos neu durchmisst und kartographiert.

Aus den Erfahrungen und Erlebnissen dieser zwei vergangenen Jahre seien dann auch die Ideen für “Berlinette” entstanden. “Ein Album machen, das ist ja was ganz anderes als eine Single oder EP. Damit will ich anderen nahe bringen, wer ich bin und was und wie ich fühle.” Ellen und ihr Co-Produzent Holger Zilske (Smash TV) gelingt das in vielen Stücken des neuen Albums auf kongeniale Art und Weise: Poesie, Emotion, Rhythmus und Form verbinden sich zu weiten und offenen Sound-Landschaften – mal traurig-sehnsüchtig, mal eckig und abstrakt, ein andermal fröhlich und leicht.

”Wo is where, what is when, why we are here.” Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens? “Die Musik ist mein Sinn im Leben”, sagt Ellen. Dem neuen Album merkt man an, dass sich die Suche aus der minimal-rauhen Sound-Welt von “Stadtkind” heraus weiterentwickelt hat: Die Arbeit an den Beats und Breaks, das Verschachteln und Versetzen von Loops und Samples, das Schleifen und Polieren am Detail, der Einsatz von Stimme als Textkörper und Instrument, aber auch der Einsatz rockiger Indie-Gitarren-Samples führen in ein ganz eigenes Klanguniversum, in dem nicht der Einsatz der Mittel im Vordergrund steht, sondern das Erlebnis des aufmerksamen Hörens, des freien Assoziierens, des traumartigen Schwebens und des Kopftanzes. Wo Ellens Faible für Introspektion auf “Stadkind” noch im gängigen Dancefloor Format eingebettet ist, verlässt sie dieses auf “Berlinette” in souveräner Idiosynkrasie.

An diesem Punkt wird offensichtlich, dass Ellens Anspruch und Heil als künstlerisch-kreativer Mensch nicht allein und ausschließlich im Auflegen und Produzieren liegt: So entsteht zum Song “Trashscapes” beispielsweise ein Musik-Tanz-Video und eine DVD, in denen Ellen als Träumende im Mittelpunkt steht bzw. liegt. Regie dabei führt Freundin und DJ-Kollegin Angelika Lepper (Acid Maria), die Choreographie stammt von Nik Haffner. Weitere Projekte sollen in Zukunft auch in Angriff genommen werden. Da schwärmt Ellen mit leuchtenden Augen von der Arbeit mit einem Orchester, erzählt von T-Shirts, Fotosessions und Diskussionen mit anderen Künstlern, einer Live-Performance und einem elektronischen Hörspielmärchen, das sie für ihren Neffen machen möchte. Ellen Allien als Märchentante, wer hätte das gedacht …

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Elektronische Lebensaspekte.