Das Label Musique Moderne von Lady B aka Madame B (B. wegen bürgerlich Bruno) überzeugt nicht nur die Gigolos, F Coms und Mr. "Goodlife" Hacker davon, dass Frankreich mehr als Housekarten neu zu mischen hat. Queer Politics zwischen Disco, HipHop, Punk und Detroit.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 74

Barbarella oder Bruno?

Lady B kam aus Marseille nach Cannes, um in einer Hotel- und Catering-Schule zu lernen. Cannes war damals ein Partyplace, noch nicht so teuer wie jetzt. 89 gab es in Cannes die ersten Acidhousepartys, Bruno (Lady B) mischte mit. 92 legte Lady B in einem der Schwulenclubs auf, wo er rausgeworfen wurde, weil er zuviel House spielte. Also machte er 93 ein Techno-Restaurant auf. Das hieß Barbarella. Es gab Labeltische (Warp, Rising High, F Com, React, so war das damals), Artisttische (Jeff Mills usw.) und es gehörte Lady B. Und da durfte er jeden Abend spielen. Das war neu, Techno daytime in Frankreich. Und nicht nur Laurent Garnier und Jeff Mills liebten es. Laurent isst im Barbarella, Lady B spielt seine Tracks, Lady B macht eine Platte auf F Com. Klar. Singlesided. Madame B. Sie hätte Barbarella heißen sollen. Aber gegen Sven Väth kommt man nicht an. Das Barbarella lief 6 Jahre in Cannes. Dann gab es für zwei Jahre eins in Barcelona und vor drei Jahren zog Bruno endgültig nach Frankreich zurück, zwei Freunde von ihm eröffneten einen Club in Nizza, Le Klub, da ist er Resident. 5 Tage die Woche Underground House und Techno. “Nizza ist eine Stadt, in der die alten ihren Lebensabend am Meer verbringen wollen. So ein Club ist da schon eine Sensation.” Cloé, die ihn geremixt hat, spielte schon ein paar Mal dort an den lesbischen Abenden.

Sein Freund Patrick (Journalist für Nova Mag und andere Zeitungen), mit dem er jetzt auch sein Label “Musique Moderne” macht, wohnt in Paris. Oh Oh. “Mir ist Paris zu speed. Ich mag es, mit meinem Laptop am See zu sein.” Dazwischen gab es noch 3 EPs u.a. auf Citizen Records (das Label von Vitalic) und bei Goodlife. “Musique Moderne” ist ein alberner Name. Er soll für “nicht nur Techno” stehen. “Es gibt so viele Connections zwischen Musikern. Der Undergroundigste kann mit dem größten Popstar Musik machen. Das sollte auf Musique Moderne Platz haben.”

In Kürze erscheint eine Rap-LP. Von Aaron Carl. Ein schwuler Act auf UR, Metroplex, Afrosyntrix. “Niemand will seine HipHop-Sachen rausbringen. Die sind so trash wie Public Enemy, und das mit militant schwulen Lyrics. Terrible. Er ist verrückt.” Es folgt eine EP von Acid Bitches. Ein lesbisches Projet mit Oldschool Acid, die “Future” von Trax samplen. Ein neuer Act aus Cannes. Dann ein Transvestit, der, mit Musik von Lady B, über die Art, wie Leute ihn immer ansehen, singt. “Soulig mit hartem Bass und sehr persönlich.” Danach ein lesbisches “Girl” aus Paris, das “die neue Generation aus Paris repräsentiert. Diese richtig Wütenden, die alles ändern wollen. Das klingt wie Richard James und ist furchtbar hart, punkig und noisy, sie arbeitet im Katapult Record Shop.” Die Detroit Connection von Lady B weitete sich aus, weil er zwei Jahre bei der Midem gearbeitet hat, für die er die ersten offiziellen Technopartys organisierte, was ihm Rechercheurlaub bei Mad Mike in Detroit einbrachte. Vorher hatte Jeff 4 Jahre lang für seine Axis-Cocktails das Barbarella gemietet.

“Musikalisch bin ich ein Kind von Detroit. Disco ist mein Gay-Part. Alle paar Jahre muss ich das mal sprechen lassen.” Das heißt dann Madame B. Und es sampled Madonna, Jellybean und anderes. Glücklicherweise hat Lady B eine Freundin in einer Publishing Company. Die soll Warner, EMI und Univeral klarmachen. Das Label von Fat Boy Slim will es lizensieren. Die Bilder, die er an die Presse gibt, sind mal Jungs, mal Mädchen, “keiner weiß dann, was hinter den Plattentellern auftaucht, ist es eine Superblondiene oder ein HipHop-Kid? Manchmal ist es nicht so komfortabel sich aufzumotzen. Im Tresor war ich mal als dummes pinkes Discogroupie, die Kids sahen mich an, als wären sie im falschen Film. Als ich dann mit Punisher angefangen habe, dachten sie, oh, sie ist OK.” Als Lady B kickt er mit komplexen Rhythmen und einem Sound, der an frühe KMS-Platten erinnert. “I’m a rhythm boy. Ich mag es, den DJ zu fordern und ihm nahezulegen, dass er bestimmte Parts auf jeden Fall spielen muss. Ich mag keine Leute, die Platten aus Fashiongründen kaufen. Da die ihre Platten vorher nie richtig anhören, mache ich gegen Ende gerne Offbeats rein, dann stehen diese Leute auf einmal da und denken, oh Gott, was ist das? Ich lasse die Dinge aber auch gerne laufen. Vorher weiß ich nie, was rauskommt. Eine kurze dumme Idee, und das kommt dann einfach irgendwo an. Ich will nicht so klingen wie etwas, das existiert.”

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Elektronische Lebensaspekte.