In den 80ern standen Mille & Hirsch auf Fußball und Kumpels. Jetzt stehen sie auf 80er-Lederkarotte und Stirnband. Damit vor Augen polieren die beiden Leipziger House auf, machen aus alten und neuen Disco-Einflüssen ganz spezielle Collagen. Newpolish eben.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 73

Discopolitur deluxe

Vincent Montanas Salsoul Orchestra ist die Perzeption von Disco, auch wenn es viel eher mit Kapellmeister Montana im Madison Square Garden als in der Paradise Garage auftrat. The Salsoul Orchestra vermochte ein klassisches Format zu wählen, das in der eigenwilligen Kombination aus Latin, Jazz und Stravinsky-Elementen zu Disco wurde. Viel wichtiger aber erscheint die Leichtigkeit des Arrangeurs und Komponisten Montana, der das Schöne als melodische Banalität zu präsentieren wusste, ohne Fahstuhlberieselung im Visier zu haben. Komplexer geht es nicht. Bis heute. Wenn Mille & Hirsch das Spiel effektbeladener Disco-Erneuerung vermeiden, dann beziehen sie sich maßgeblich auf diese Tradition instrumentierter Disco, wenngleich der orchestrale Ansatz wegfallen muss. Mille & Hirsch dringen in das Gefüge wild auseinanderdriftender Disco-Stränge ein, um auf ihre Art die Disco-Materialien der 70er- und 80er-Jahre zu sortieren, mit Salsoul gar minimalistische Experimente zu forcieren, um schließlich die reine Disco-Producer-Ebene zu verneinen. Immer stellt sich aber die Frage, wie etwas gefunden wurde, warum etwas gerade jetzt an die Oberfläche gespült wird. Sind es allein Moden oder will man tatsächlich an Disco-Pforten der Zukunft klopfen? Mit Mille & Hirsch über die Disco der Zukunft zu träumen, heißt sich auf ein Cyber-Disco-Modell einzulassen, was so etwas wie die Wiederkehr von Sun City unter anderen Vorzeichen sein könnte.

“Vielleicht wird es eine Art Disco-Zentrum innerhalb einer Riesenstadt mit vollem Service sein: Ich bin heute zu Gast in der Paradise Garage und Mister Larry Levan bedient den Mixer. Falls mir der Drink und die ganzen Drogen aber auf den Magen schlagen, switche ich mich per Pay Card oder vielleicht sogar auf Wunschübertragung in den Intimclub mit Pool und mein Girlfriend liegt oben ohne neben mir, bei bester Laune und Verstand. Es gäbe dann natürlich auch so Sachen wie Römer Fetisch Clubs und vielleicht mit einer Funktion, frei nach dem Motto: Den will ich treffen, der mich auch, also werden wir gleichzeitig per Datenübertragung oder Telepathie auf eine, besser noch auf so viele Ebenen wie möglich gescannt. Die totale Stressbefreiung. Aber mit einer Riesenschlange vorm Eingang und wir sind schon drin.”

Musik für einen sanften Lebenswandel

Debug:
Welche Disco-Phasen sind für euch relevant? An welcher Baustelle seid ihr zugange?
Mille & Hirsch:
Sicher klingen unsere aktuellen Sachen sehr nach Italo- oder 80er-Disco, aber das hat sehr viel mit Zeitgeist zu tun, ist Neuland für uns. Wir sind Mitte der 80er nicht so in die Tiefe vorgedrungen. Das Interesse lag damals mehr bei Fußball und Kumpels.
Nun passt die Mode dazu, einfach so das Feeling, auch die Fantasie: Du stellst dir das vor: Lederkarotte und Stirnband oder Mädels mit Fledermausärmeln und meinetwegen Stretchpants, und du schaffst den Sound für den Club. Genau dort stößt du dann auf solche Platten von Labels wie z.B. Emergency, aber das ist dann auch wieder nur ein Teil unserer Arbeit, denn es kann genauso gut passieren, dass wir uns morgen hinsetzen und jammen und dabei eher 90er-Zeug rauskommt oder ein Track, der eher Jazz ist. Ich sehe uns nicht als reine Disco-Producer. Der Einfluss von Produzenten wie Claudio Simonetti (“Goblin”, “Kasso”, Soundtracks für Dario Argento) oder Celso Valli (Produzent von Zucchero, Ramazzotti und Konsorten) ist auch eher etwas Neues für uns, rein musikalisch gesehen. Wenn ich mir heute solche Platten kaufe, dann klingen sie für mich nach dem Sound of today, der in diesem – nennen wir ihn DISCO 2003-Kontext – funktionieren sollte. Vielleicht stimmt ja die Theorie des 20-Jahre-Sprungs, auf den sich die Moderne bezieht, dass sie immer so eine Art Botschaft in sich trägt. Daher könnte die Theorie mit dem Loop, der innerhalb der Jahre 1971 bis 1987 gestartet ist, stimmen. Die Begründung würde dann darin liegen, dass dort der Spirit, der Ursprung der Botschaft ist.

Debug:
Geht es euch also auch um Instrumentierung, musikalisches Gespür versus Sampling und beliebigen Zugriff auf historisches Material?
Mille & Hirsch:
Der Ansatz ist sicher ein ähnlicher wie von Metro Area oder Daniel Wang. Wir versuchen, sehr gezielt zu zitieren, und zwar im Sinne des Samplings, wie beim HipHop, und im Sinne des Akkords oder besser des Spiels, ähnlich wie beim Jazz. Wir versuchen, die Sprache der Geschichte zu verstehen, um sie in die Zukunft zu schicken, im Sinne einer nachvollziehbaren Codierung, was auch heißt, im Sinne des Orginals zu handeln. Du musst vor allem die Musik lieben, die du machen willst, um gut zu sein. Wir lieben Jazz, französische und deutsche Elektronik, Pop etc. – und glauben zu wissen, was die Momente dieser Musik sind. Der Einfluss von Produzenten wie Vince Montana ist schon da. Für uns bedeutet das auch die musikalische Herangehensweise zu studieren, z.B. genaue, lange, eigene oder zitierte Melodieläufe zu arrangieren und zu entwickeln, sie smooth einzubetten. Also: nicht alle(!) Macht dem Loop und dem Break. Das hat alles mit einer gewissen Leichtigkeit, vor allem aber mit einer vorhandenen Deepness zu tun. Wenn wir jemanden wie 50cent produzieren müssten, würde diese Theorie natürlich nicht hinhauen. Aber wir sind eben Mille & Mr.Hirsch und unsere Geschichte ist von einem eher sanfteren Lebenswandel geprägt.

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Elektronische Lebensaspekte.