Wie geht’s eigentlich Techno? Gigolo befingern die eigene Geschichte und erfinden Stars, die Fat Truckers oder Mount Sims, bei Force Inc ist vom Keller-Sound bis Pop-Investment alles möglich. Der Tresor entwickelt eine andere Form der Aufmerksamkeit.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 73

Eine Gretchenfrage, drei Antworten
Die neuen Tresor-Acts

Beim Tresor scheint es eine kleine Pause, ein Innehalten, ein Atemholen gegeben zu haben. Die Monster-Produktionen von Vogel, von Drexciya, von House of Fix hat man hinter sich. Was nun? Techno, natürlich, immer gleich, immer anders. Was ist Techno heute, gerade jetzt? Das ist immer weniger zwingend festzumachen, die Frage beantwortet sich heute weniger aus einer Weiterentwicklung im musikalischen Material als aus einer stetigen Aufmerksamkeit. Meditative Aufgekratztheit könnte die dazugehörige Daseins-Form heißen. Man verlässt den Avantgarde-Blueprint und sieht sich in den unauffälligeren Zonen um – und findet Angel Alanis & Rees Urban aus Chicago, Chester Beatty aus Tokyo, The Mover aus Hamburg. Alles Produzenten, die schon eher länger aktiv sind, die eher szeneimmanent bekannt sind. Wir schrauben also das Zoom-Objektiv auf die Kamera und sehen sofort gar nichts mehr. Das ausgeklügelte Disco-Techno-Modell eines Acid Scout wird von Chester Beatty mit einem breiten Treter plattgemacht, der sofort so nah und so groß ist, dass man ihn gar nicht richtig betrachten kann. Bei Chester Beattys ”Shots of Love“ überbieten sich Witz und Bassdrum. Das Quadrat ist die mathematische Funktion, die zu dieser Musik geführt hat. Es ist nicht festzumachen, ob ”Shots of Love“ zwanghaft ist oder einfach die Summe aller guten Launen. Der Animations- und Fun-Faktor mit Vocal-Skits und Samples interagiert mit extraharten Shufflemaster-Techno. Eine Verhältnismäßigkeit von auffordernder Stimme, von HipHop-Appell und Reaktion gibt es nicht. Eine gewisse Weltvergessenheit scheint das Mehr an Welt einzufordern. Selten wollte Techno so sehr Entertainment sein, dabei ist die Bassdrum aber kein klarer, gar metallischer Schlag, sondern eine Welle, ein Sog. Was für andere das Drüber ist, da geht es bei Beatty erst los.
Dazu ist The Mover das exakte Gegenmodell. Seine Tracks sind leicht verlangsamt, sehr klar, die Stücke wirken, als kämen sie direkt aus dem Computer. Extrem kalt und distanziert werden Bleeps gesetzt. Das Album heißt nicht umsonst ”Final Frustration“: Diese Bell-hafte Atmosphäre wird von schweren, drängenden Flächen überkodiert. Dieses Negativ-psycho-Mäßige erinnert an System 01 oder die ersten Nightmares On Wax-Stücke. Es geht nicht um Minimalismus, eher darum, die Verdichtung ganz klar zu machen. Die Tracks haben nichts Spielerisches, wirken, als würden Algorithmen ablaufen. Sie sind nicht verliebt in gewisse klassische Techno-Pattern wie Alex Cortex, sie wollen Effekte aus einem ganz abstrakten Set Up heraus produzieren. Es ist unklar, mit was für HörerInnen, TänzerInnen der Mover rechnet: Sollen sie komplett überrascht von all dem sein oder schon so wissend, dass sie ohnehin schon in dieser Klarheit denken?
Das versöhnliche Konsenz-Modell liefern Angel Alanis und Rees Urban, die in der amerikanischen Szene sehr aktiv sind. Ihre Techno-Tracks behalten eine Chicago-mäßige Roughness ständig im Auge. Man hört immer auch die Idee des Tracks und nicht bloß den Track selbst. Es gibt das offene Ende, das die jackende Überschwänglichkeit produziert. Zugleich gibt es bei ihnen aber immer die Bangin’-Techno-Bassdrum, die von dieser Spontanität, von dieser Vorläufigkeit nicht affiziert wird, die einfach rockt, dabei aber auch nicht so unangreifbar schroff wird wie die Bassdrums DJ Rushs. Insofern war Resopals 909-Compilation ”Jack to the Future” präziser an dem dran, warum dieser Sound heute so notwendig ist. Alanis und Urban denken Techno zu sehr mit Punkt am Ende, nicht mit Fragezeichen oder Ausrufezeichen.
Weil Tresor nichts vordergründig Neues ausprobieren, sie sich nicht einfach irgendein anderes musikalisches Betätigungsfeld aussuchen, kreisen sie um den perfekten Track, jeder Einwand läst sich gleich zu einer neuen Idee ummünzen.

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Elektronische Lebensaspekte.