In Zürich bündeln sich die Sounds des weltweit zersplitterten Detroits. In distanzierter Verehrung, aber undogmatisch baut sich Martin Akeret aka Popshop sein Vocoder-persönliches Detroit mit dem einzig sympathischen Electroclash-Anschluss weltweit.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 66

Es ist mal wieder an der Zeit, Legenden beiseite zu legen. Diesen Monat Detroit. Martin Akeret aka Popshop, dessen neues Album grade bei Raygun erschienen ist, und Labelmacher von Poetenpop ist nicht in Motor City groß geworden. Nicht mal virtuell. Wäre auch blöd mit dem Namen, würde einem in der Schule immer das Peanutbuttersandwich um die Ohren geschmiert werden. Martin kommt aus Winterthur, Schweiz, und wohnt seit einiger Zeit in der Pseudohauptstadt Zürich. “Möglicherweise gibt es bei mir so eine Art unterbewusste ‘Detroit-Affinität’. Auf jeden Fall höre ich mir schon oft und gerne klassische Detroitsachen an, aber dann aus einer gewissen Distanz heraus.” Und diese Distanz erlaubt es ihm nicht nur, mit einem von Wichtigkeiten und schweren Worten wie Deepness vor allem aber Namen belasteten Sound zu tun, worauf er grade Lust hat, sondern auch eben diesen Sound einer über die Erdoberfläche seit Jahrzehnten zersplitterten elektronischen Stadt weiterzubringen mit einer gewissen Lässigkeit und Euphorie. “Ich bin da überhaupt kein Purist, ich liebe es, auch mal albern und für einige Leute deplaziert zu wirken, solange es nicht beliebig wird. Ich denke meist daran, wie mich der Track selbst überraschen kann. Die Tracks dürfen oder sollen da auch gerne extravagant sein … Ich glaube so auch manche Hörer zu haben, die überhaupt keinen Detroit sonst hören.”

Hört sich leicht an, klingt leicht, haut einen aber um, wenn man es hört, und lässt selbst den eingeschworensten UR-Hood-tragenden Deckshark das verborgene Logo doch mal linksrum tragen oder um die Hüften knoten. Wir stellen uns vor, dass Drexciya das in den ewigen Weltmeeren jetzt hört und breit grinst. Aber wie macht er das? “Die Verhältnisse von digital zu analog sind etwa gleich, ich benutze meist nicht allzu viele Elemente, versuche sie aber so prägnant wie möglich einzusetzen. Auf die Auswahl der Sounds lege ich viel Wert, ich bin einerseits schon der Soundtüftler, es ist wie: Ich leide für den Track, aber ich will auch Spaß dabei. Ich liebe Details, das Arrangement und die Ideen. Ich denke, die Frische innerhalb der Musik ergibt sich durch die Art des Arrangements. Ich versuche, einzelne Passagen nicht zu lang werden zu lassen, um eine ständige Spannung zu erhalten. Wichtige charakteristische Merkmale meiner Musik sind für mich Euphorie, Vorantreiben / Aufbruch, Lässigkeit, Individualität. Meine Musik MUSS persönlich sein.”

Flavour dank Gesangskitt

Und das erreicht er oft genug durch ein selbstgesungenes Vocalsample, etwas, das den Track zusammenkittet und ihm diesen Flavour gibt, das bei aller Deepness der Grooves und allen noch so guten Sounds irgendwie etwas ist, auf das man immer wieder zurückkommt, ohne dass es von dem Track ablenken und ihn einfach auf ein Sample reduzieren würde. “Ich benutze gerne Stimmen, und dann meist auch meine eigene, die ich verfremde und verändere. Es sind immer Zitate von Geschichten, ich erzähle kleine Geschichten fast mit beiläufigem Charakter. Ich stelle sie selten in den Vordergrund. Es sind die klassischen Themen der Popsongs, aber ich trage sie bizarrer und skurriler vor.”

Martin begann sein Label mit dem merkwürdigen Namen (auf dem er auch unter den Namen Drama Martini und Gary Rich produziert hat) nämlich, als er noch Poesie schrieb. Mit 22, 1997. “Über den Labelnamen spaltet sich die Menge. Die einen finden ihn toll, die andern verstehen ihn nicht oder können sich ihn schlicht nicht merken. Das Konzept war mir dann doch auch wieder zu einseitig, und so ist der Name heute wohl sehr offen zu verstehen, und doch wollte ich ihn auch nicht mehr ändern … Aus diesem Dilemma heraus ist dann 2001 mit der ‘My friend frigo LP’ die Neuausrichtung des Labels geschehen. Danach hat sich für mich vieles geöffnet und ich wusste plötzlich, was ich machen wollte.” Und er fand nicht nur einen Vertrieb, Rushhour, die ihn in der weltweiten Detroitszene immer bekannter machten, sondern auch für sein neues Album mit Oliver Kapp von Raygun jemand, der ihn sich selber weglizensierte. “Es wird sowohl auf Raygun als auch auf Poetenpop neue PopShop-Tracks geben, ich werde auch mal mit Female Vocals experimentieren, zudem arbeite ich mit Dan Piu und Robert P. von Moto Music am gemeinsamen Projekt ‘Nightstalker’ … Möglicherweise werden wir eine gemeinsame 12″-EP machen und dann auch in Kooperation mit Charles Noel beispielsweise. Die Aussage, man müsse erst im Ausland Erfolg haben, um im eigenen Land respektiert zu werden, trifft wohl ins Schwarze. Ich glaub’, ich bin im Exil:)”

Zürich war schon immer eine Exilantenstadt, nur dass das Exil auch heißt, dass man sich genauer auf die Momente konzentrieren muss, in denen die eigene Vision auch auf die Stadt passen kann. Daran kann man verzweifeln. Oder man hat eben gelegentlichen Spaß damit und arbeitet noch konzentrierter an seiner eigenen Stadt. “Ich glaube, es gibt in meinem direkten Umfeld nicht viele, die sich in eine ähnliche oder parallele Richtung bewegen. Hier ist man entweder Minimal oder Electropop oder House oder Detroit – aber nicht alles zusammen.”

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Elektronische Lebensaspekte.