Mit "Bravo" schließt der Berliner Sascha Funke seinen Weg vom Newcomer zum Urgestein erfolgreich ab. Als DJ berühmt für seine trockene Bassdrum und umtriebige Funkyness, geht Funke auf seinem Album dem Phänomen Track jenseits jeglicher Trends und Hypes auf den Grund. Track meint hier natürlich Flummi, aber das versteht sich wohl von selbst.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 74

Eine Blase schlägt Funken

Sascha Funke hat die Hypes der letzten 12 Monate übergangen. Rock-Revival, inflationäre 80s-Plagiate und Elektroclash überboten sich im Zitieren der Zitate, die sie bald selbst nicht mehr dechiffrieren konnten. Funke harrte aus, um diese Leerstelle jetzt mit seinem Album “Bravo” auf BPitch auszufüllen. Verspielte Popmelodien oder trockene Funkyness, acidinfizierter Techno oder Vocaltracks im elektronischen Indiegewand: Seine Interpretation von Techno im Jahr 1 nach den 80ern versprüht immer noch mehr Popappeal, als der Retro-Themenpark Berlin-Mitte um den Hackeschen Markt, auch Sitz von BPitch, je zu produzieren im Stande war.

Im zweiten Stock von Ellen Alliens integrierter Musikfirma, steht Sascha Funkes Studio. Mittendrin und doch fern ab des selbstreferentiellen Zeichendschungels Berlin findet sich das Gegenteil dessen, was die fragmentierten Reste der untergegangenen New Economy unter Outsourcing verstehen: Kollektiv unter einem Dach: Studio, Label, Artwork (Pfadfinderei).
”Sozialer Luxus, dass man das Glück hat, in demselben Haus zu sitzen, zusammen zu arbeiten. Das wird einem schon bei so simplen Beispielen wie bei der Entscheidungsfindung für das Cover von ‘Bravo’ klar. Trotzdem ermöglicht es aber gerade auch Individualität. Wir sind ja kein zusammengepferchter Haufen, der zum Appell muss wie bei den jungen Pionieren.”

ZWEIPOLIG MIT MELODIE
Mit ”Bravo” hat er seinen Studioarbeitsalltag zu einer Tracksammlung kompiliert, die weniger nach Konzept denn nach Unabhängigkeit und Kontinuität sucht. Auf der Vorab-EP ”Forms and Shapes” singt Fritz Kalkbrenner, der Bruder seines Ex-Mitbewohners und quasi ”Mentors” Paul Kalkbrenner, und die Mixaufträge gingen folgerichtig an letzteren, Labelchefin Ellen und nach Hamburg zu Lawrence von ”Dial”. Soziales Netzwerk und strikter Solokünstler, Gegensätze, die sich auf ”Bravo” wiederfinden. Der DJ Sascha Funke schielt nach der pragmatischen Rationalität seiner graden, trockenen Bassdrum und dem Floor: ”Dein Rave ist mein Rave”. Der andere Pol seiner Musik steht dagegen für die emotionale Sinnsuche von Pop, die ewig süße Versuchung der Überladenheit.
”Bei meiner Musik ist das wie bei einem Flummi, den ich werfe und hoffe, dass dieser mit seinen ganzen Melodien oder seiner ganzen Verspieltheit nicht irgendeine Fensterscheibe einschlägt oder das politisch korrekte Technofeld verlässt.”
Pop- und Indie-Einflüsse spielen dabei natürlich eine Rolle, gegen die klebrige Anziehungskraft kurzlebiger Trends setzt Sascha Funke lieber auf die immunisierende Wirkung einer gewissen Leidenschaftslosigkeit für die Hypes seines Umfelds .”Ich schwebe da schon sehr in meiner Sascha Funke-Blase.”
Dass das Motto ”soviel Techno wie nötig und soviel Pop wie möglich” aber derart breitenwirksam geworden ist, verdankt sich nicht zuletzt auch Tracks wie ”When Will I Be Famous”, Sascha Funkes Adaption eines Bros-Hits der späten 80er (BPC035). Auch wenn sich derlei poppige Cover-Hits auf ”Bravo” nicht finden lassen, die klassischen Gegensätze von Beat und Melodie sind bei ihm ohnehin längst eingeschmolzen.
”Die Technoszene hat sich anfangs schwer getan hat mit diesem Popappeal. Es hat aber ein Lernprozess eingesetzt, dass es Möglichkeiten gibt, Techno poppig zu gestalten, ohne dabei groß plakativ zu wirken. Dieses ’Face-Ding’ auf dem Cover muss nicht sein. Man kann da auch mit eigenem Stil seinen eigenen Pop-Horizont bauen und muss nicht auf die klassischen Rock’n’Roll- oder Pop-Tugenden zurückgreifen.”
Techno als zeitgenössische Popmusik?
”Vor fünf Jahren hat diese Zäsur ’Pop meets Techno’ stattgefunden und alle haben erstmal damit ihre Versuche gestartet. Viele waren auch sehr toll wie die ersten Gigolo-Sachen, aber es gab auch viele Nieten, da ist viel falsch gemacht worden. Plötzlich haben Leute Werkzeuge in die Hand bekommen, die sie nicht benutzen konnten, schließlich gab‘s ja keine Bedienungsanleitung.”

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Elektronische Lebensaspekte.