Ohne Benno Blomes Label "Sender" würde es den deepen Knarztechno Berliner Provenience nicht geben. Neben Shitkatapult ist Sender die sicherste Bank, wenn widerspenstige Detroit-Tugenden so jung wie am ersten Tag klingen sollen. Eine Jubiläums-Kompilation stellt das in aller Vielfalt klar.
Text: Olian Schulz aus De:Bug 81

Sender / Benno Blome

Gut vier Jahre und 29 Veröffentlichungen ist Sender jetzt alt. Mit der Nummer 30 holt Betreiber Benno Blome aus zum zweiten Compilation-Streich. Auf ”Receiving Data … Ah, it’s coming!“ gewinnt Sender an romantischer Atmosphäre und Erzählkraft. Dabei ist der Tonträger so stilfest wie der Betonsockel des Fernsehturms im Labellogo. Dem mächtigen Schatten des Turms zum Trotz zeigen die einzelnen Künstler ein scharfes Profil. Gewittrig schwarz und stetig statisch geladen pulsiert ”Strahler“. Blome & Grummich sind total auf Sendung, suchen nach einem Ableiter, kurz vorm Kurzschluss. Carsten Josts ”Lake’s Camp“ wirkt dagegen leicht und beschwingt. So wie jeder Künstler seinen Beitrag genauest abgewogen zu haben scheint für diesen Jubelanlass, genauso legt Benno Blome im Interview jedes Wort auf die Goldwaage. Wie er sagt, ist er sich stets der Macht des Gedruckten bewusst. Vielleicht weil sein Vater Journalist war? Ein Gespräch über musikalische Wurzeln und Familie, Film und Musikmachen.

DEBUG:
Der dreißigste Sender-Release ist eine Compilation?
Benno Blome:
Hauptsächlich ging es mir um einen Querschnitt durch das Label. Wie immer bei einer Compilation wollte ich zum einen die prägnantesten Artists zusammenbringen, zum anderen wollte ich die Tracks, die derzeit am repräsentativsten für den Stand der Dinge sind, präsentieren. Auffällig an dieser Compilation ist vielleicht, dass Sender mit ihr ein neues Level erreicht. Sie ist ”erhörbar“ im Sinne von: Sie funktioniert auch außerhalb des Clubkontexts.

DEBUG:
Welchen Bogen gibt es von der ersten Sender-Compilation ”Panorama“ bis zur zweiten ”Receiving Data …“ heute? Was hat sich musikalisch verändert?
Benno Blome:
Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Compilation ist auf jeden Fall, dass die erste eine Zusammenstellung aus den ersten zehn Releases war. Sie spiegelt den Zeitraum von 1999 bis 2001, also die ersten zwei Jahre des Labels. Die zweite ist viel eigenständiger, mit acht oder neun exklusiven Tracks. Die Frage nach der Weiterentwicklung des Stils ist schwierig zu beantworten: Denn in meinen Entscheidungen, was ich release, habe ich gar keinen Masterplan. Beim Anhören von Tracks gibt es Initialmomente, es gibt eine gewisse Magie, die mich trifft. Insgesamt ist es vielleicht etwas subtiler und romantischer geworden …?!

DEBUG:
Romantisch, das ist ja ein ganz neuer Begriff aus deinem Mund! Sag doch bitte, was du darunter verstehst!
Benno Blome:
Für mich ist der Sender-Sound eine Mischung aus Romantik-Techno (wenn man so will) und Knarz-Techno. Damit kann man das Label eingrenzen. Es gibt eben viele Sachen, die sehr gefühlvoll mit Flächen und Strings arbeiten, das würde ich dann als atmosphärisch oder romantisch bezeichnen. Zum Beispiel die Sachen von Carsten Jost oder K.Lakizz. Aber zu schön oder seicht darf es auch wieder nicht sein, es muss schon einen gewissen Dreckfaktor haben! Auf der anderen Seite ist bei fast allen Sender-Releases ein Knister-Knarz-Faktor dabei, so wie bei Misc oder den Blome&Grummich-Produktionen, weltZwei oder T.Raumschmiere früher. Offenbar ist das eine Vorliebe von mir, die mir wichtig ist.

DEBUG:
Nochmal zurück zu diesen romantischeren Tracks auf der CD und einigen der letzten Releases: Wird Sender weniger zu einem Club- und mehr zu einem Listening-Label? Denn ich denke, für DJs ist es schwieriger, mit atmosphärischer Musik einen Dancefloor zu halten …
Benno Blome:
Das würde ich nicht sagen. Sogar die älteren ”romantischen“ Sender-Tracks funktionieren sehr gut auf dem Floor. Ich glaube, die gängigen Formate sind ausformuliert bis zum …, bis zum … (zögert)

DEBUG: Erbrechen?
Benno Blome:
Ich wollte das jetzt nicht aussprechen … Also diese Formate wie Schranz oder Electro Clash sind inzwischen bis zu einem gewissen Grad langweilig. Gefühle, tiefe Gefühle, du könntest es auch Deep Techno nennen, kommen einfach gut auf der Tanzfläche. Das kann trotzdem treiben und nach vorne gehen. Man kennt sie so oder in anderer Form mehr aus anderen Bereichen, vielleicht in traditionellerer Variante aus Detroit. Wenn man alte Derrick-May-Sachen auf Transmat hört, ist das von den neuen Sender-Sachen nicht so weit entfernt. Und Carl Craig, Robert Hood oder Daniel Bell als dbx, das sind unsere Referenzen. Das in Kombination mit Kölner Minimalismus: Mike Ink, Studio 1, Profan, … Als das Mitte der 90er aufkam, sah ich einen Sinn darin, mich ernsthaft mit dieser Musik zu beschäftigen.

DEBUG:
Du hast anklingen lassen, dass du in Zukunft mehr eigene Produktionen machen willst.
Benno Blome:
Ich habe nun mal diese drei Standbeine: Labelarbeit, DJing und eigene Musikprojekte. Mit Matthias Klein als weltZwei ist das, jedes Mal wenn wir uns in Köln zusammensetzen, eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu meinen Produzentenpartnern Klein oder Grummich gehe ich konzeptionell an die Tracks ran. Oft habe ich Ideen im Kopf, bringe schon Textfragmente für einen Vocal-Part mit. Das sind übrigens häufig Sachen, die mir im Club eingefallen sind: ”Auf Empfang“ zum Beispiel. Das nehmen wir dann ganz trashig mit einem Kopfhörer als Mikro auf. Mir gefällt das, wenn das so ein bisschen schwer verständlich ist, wie die Pilotendurchsagen im Flugzeug.

DEBUG:
Warum arbeitest du meistens mit einem anderen Produzenten zusammen?
Benno Blome:
Es macht einfach mehr Spaß, zu zweit als alleine vorm Computer zu sitzen. Dennoch arbeite ich gerade an einer Loop-Compilation. Sie schließt an unsere SL-24-Reihe mit den Loops verschiedener Artists an, nur sind alle Loops von mir. Das wird natürlich ein reines DJ-Tool, hauptsächlich für mich zum Auflegen, just fur fun.

DEBUG:
Gibt es bei der Produktionsarbeit zu zweit feste Rollen?
Benno Blome:
Das kann man so nicht sagen. Was ich sehr gern mache, ist dieser ganze zweite Teil, bei dem andere oft nachlässig sind: Die Arrangements und das Abmischen. Für mich fängt da der Spaß erst richtig an. Dabei hilft mir natürlich meine Erfahrung als DJ. Ich mag aber gerade die Arbeit an Tracks, die nicht unbedingt als DJ-Futter fungieren. Ich könnte mir durchaus vorstellen, mal eine Filmmusik zu produzieren. Sachen, die eher kopfmäßig ablaufen.

DEBUG:
Immer mehr DJs setzen ergänzend oder gar ausschließlich auf ihre Laptops voller MP3s. Du bist weiter viel als reiner Vinyl-DJ unterwegs. Wie siehst du die Zukunft der Zunft?
Benno Blome:
Ich beobachte sehr genau, was das für eine Entwicklung nimmt. Die Vorstellung, selbstproduzierte Loops oder ganze Stücke einfließen zu lassen, ist spannend. Für mich ist der Sound von Vinyl im Club bisher aber unübertroffen. Ein Laptop-DJ ist für mich nur halb so authentisch wie ein analoger. Ich habe bis jetzt noch keinen Laptop-DJ erlebt, dessen Set mich umgeworfen hätte. Aber jeder muss seine eigene Form finden.

DEBUG:
Wie kamst du eigentlich dazu, dein Leben der Musik zu widmen? Du hast mir mal erzählt, schon dein Vater sei DJ gewesen!
Benno Blome:
Ich wollte nie in die Fußstapfen meines Vaters treten, er war ja hauptsächlich Musikjournalist. Er hat so um 1970 die legendäre ”Sounds“ gegründet und sie dann später verkauft, noch bevor sie mit dem ”Musikexpress“ zusammenging. In der ”Sounds“ hat er alles sehr kompromisslos gefeatured, was damals cool und underground war. In den späteren 70ern war Rainer Blome dann meines Wissens einer der ersten, die mit einem Soundsystem durch Deutschland fuhren und Reggae auflegten. Ich wollte eigentlich immer zum Film.

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Elektronische Lebensaspekte.