Simon Begg hievt sich auf "Director's Cut" durch alle Stile geschmachssicherer Breakbeat-Verarbeitungen, um zum dicken Ende mit den beiden größten Sommerhits seit Seals "Crazy" aufzutrumpfen.
Text: Robert Feuchtl aus De:Bug 73

Die Kunst des Durchatmens

Simon Begg hat jetzt lange, etwas zottelige Haare und erinnert mittlerweile ein kleines bisschen an einen Krautrocker, der aufgrund der quantenphysikalischen Seiteneffekte einer vollelektronischen, aber falsch konfigurierten Wasserpfeife im falschem Jahrzehnt rematerialisiert ist. Noch vor zwei Jahren, bei der Interviewtour zu “The Mission Statement”, dem damaligen Debüt von S.I.Futures, waren die Haare kurz, alle Sounds noch ultra advanced auf Marschrichtung 2030 A.D. getweakt, die Beats per Granularsynthese in ihre Kleinstbestandteile zerlegt und die akustische Marschrichtung gleichsam ein lautes Manifest für einen Tanzflur-Futurismus, den bis dato kaum jemand so homogen und slick’n’sick zugleich hinbekommen hatte. Vielleicht war der Mann einfach zu früh dran.

Die dicken, bratzigen und an Drum and Bass angelehnten Basslines, die ultrapräzisen Drum- und Vocaledits, die an jeder Stelle von “The Mission Statement” minutiös durchprogramiert waren, sind auch bei “Director’s Cut” immer noch mit an Bord. Doch gleichsam noch viel, viel mehr an anderen, vermeintlich unvereinbaren Stilelementen, die sich nicht nur freundlich die Hand geben, sondern sich offensichtlich auch ganz doll lieb haben. Si Begg aka Buckfunk 3000 aka Cabbage Boy aka A&R des eigenen Imprints Noodles Records atmet auf “The Director’s Cut” so dermaßen locker durch, dass vielen anderen style- und formelverliebten Dance Producern vor Neid das Herz stehen bleiben dürfte. Selten waren so viele unterschiedliche musikalische Genres auf eine dermaßen sinnschaffende Weise auf einem einzigen Album gewinnbringend vereint. “Nachdem das neue Album langsam immer mehr Gestalt annahm, wurde mir und Mute schnell klar, dass es kein zweites S.I. Futures Album werden würde. Das ist auch der Grund, weshalb dieses zwar mein Nachfolgealbum zu ‘The Mission Statement’ darstellt, ich es aber als ‘Si Begg’ fertig gemacht habe. Si Begg darf nämlich einfach alles”, grinst Simon und meint es bitter ernst. Während einige der Albumkracher à la “Body” (feat. DJ Rush), “Buss” und “Move Up” (feat. Mr. Taylor, Mr. Black & Mr. Aleem) hundertprozentig im Windschatten einer Carnival-, Garage-, Drum and Bass- und Breakbeat-sozialisierten Erziehung stehen und den Tanzflur auf sehr britische Weise verbrennen, erstaunt gleich der vierte Track “England” mit einer seltsam anmutenden Komposition von Kraftwerk-beeinflusstem Flow und bietet Vocodervocals bis zum Papp sagen. Mit fast nicht mehr wahrnehmbaren, majestätisch käsigen Frauenchören unterlegt, entfaltet sich hier eine elektronische Nationalhymne und akustische Landschaftsreise, wie sie sich sonst keiner nach 1970 getraut hätte. “Schuld daran ist mein Bruder. Der hat früher jede Menge Yes und ELO, aber auch Amon Düül und ähnliche Sachen gehört. Das blieb nicht ohne Wirkung. Ich selber liebe es, innerhalb eines einzigen Sechs-Minuten-Songs so etwas wie eine ‘Pocket electronic Symphony’ zu entwickeln und dabei alle paar Takte etwas Neues hinzuzufügen oder zu verändern.”

Charisma schlägt Qualität

Doch Si Begg wäre nicht Si Begg, wenn bei solchen Trackperlen nicht das riesige Auge eines Mich-kriegt-ihr-eh-nicht-Top-Notch-Producers zwinkern würde, der sich einfach alles erlauben kann, weil es in Begleitung einer Si-Beggschen Bassline sowieso so dermaßen charismatisch daherkommt, dass man nur noch von Geschmack, niemals von Qualität reden kann. “The Director‘s Cut” ist ein fettes Ouevre von einem Elektronikalbum, auf angenehme Weise muckerhaft bis zum Anschlag und den ein oder anderen Rezipienten unverzüglich am Allerwertesten packend.

Und wenn man dann nach etwa 45 Minuten gedacht hat, dass nun sicher keine weitere Überraschung mehr kommen kann und es im oben genannten Hin und Her zwischen ProgRock und New School Future Garage immer so weiter und weiter gehen könnte, erklingen die ersten Töne und Vocals von “Colour” – und das lang vermisste Gefühl einer sich aufrichtenden Gänsehaut macht sich in pulsierenden Wellenformen auf der Haut breit. Der bisher ziemlich unbekannte Gastsänger Jimadu, der ein ganz klein wenig an eine deepere Version von Seal erinnert, erschafft gemeinsam mit Si Begg zwei der besten elektronischen Popsongs dieses Jahres. Im Falle von “Colour” unter Zuhilfenahme von UK Garage-Metrik plus ultraverbreakten und obertighten Drum- und Vocalschnippseln und einer Produktionsform, die an die allerbesten Timbaland-Edits der letzten Jahre heranreicht. Im Falle von “River” bringen die Entwicklung einer sich immer weiter auftürmenden epochalen und dennoch fein gesponnenen Wahnsinnshook und die exzellente Stimme Jimadus einem das Gefühl zurück, dass es nach soviel Minimalismus allenortens doch noch so etwas wie kompositorische Dichte und eine gute Form von Pathos geben könnte. Boah! Mund zu.

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Elektronische Lebensaspekte.