Weiter, immer weiter. Techno steht auch in der dritten Dekade seines Bestehens nicht still. Aber wie verhält man sich als Produzent angesichts des ständigen Wandels, wenn die Vergangenheit schwer auf einem lastet? Die Tresor-Veteranen Pacou und Ancient Methods erzählen von ihrem Weg in die Techno-Gegenwart.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 136

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Aus dem Special in De:Bug 136: TECHNO TECHNO

Jeff Mills hat einmal gesagt, dass der Unterschied zwischen einer Techno-Party und einem Rock-Konzert darin besteht, dass die Raver auf der Party vor Euphorie brüllen, wenn sie etwas Unbekanntes hören, während sich beim Publikum auf einem Rock-Konzert vor allem bei Bekanntem der Puls erhöht und die Fäuste in die Luft gereckt werden.

Auch wenn diese Zuspitzung nach zwei Dekaden Techno, in denen die Dynamik einer durchtanzten Nacht von allen Seiten beleuchtet, erforscht und optimiert wurde, vor allem nach Folklore klingt und die funktionale Formelhaftigkeit des Techno-Alltags mit den immer gleichen Tricks und Kniffen Mills’ Aussage mindestens relativiert, muss man dennoch festhalten, dass sich der Sound weiter entwickelt. Ein Techno-Track wird nur noch schwerlich das Gefühl erzeugen, ein unbekanntes Sound-Universum aufzureißen und die Zukunft für einen Moment aufblitzen zu lassen, Stillstand klingt trotzdem anders.

Aber was macht man, wenn der Sound, für den man steht, plötzlich wie ein Monolith aus einer längst vergangenen Zeitrechnung daher kommt? Oder man den Thrill, den man immer mit Techno verbunden hat, nicht mehr finden kann und einem die aktuellen Entwicklungen so gar nichts mehr sagen?

Techno-Visitenkarte

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“Um von Techno weiter leben zu können, muss man am Puls der Zeit sein. Anders geht es nicht. Die Füße hoch legen und Urlaub machen kannst du vergessen”, stellt Pacou fest, der seit Mitte der Neunziger einer der konstantesten Berliner Techno-Akteure ist.  Sein Sound hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Als Tresor-Resident, wo er immer noch regelmäßig spielt und mittlerweile auch mithilft, dem Label wieder neues Leben einzuhauchen, stand sein Name vor allem für harten Techno. Bretter.

Ein Sound, der außer vielleicht in Spanien schon lange nicht mehr als “cutting edge” gilt. Dass ihm dieses Etikett bis heute anhängt, damit hat er sich abgefunden. Mit dem Gefühl, dass ihm dadurch manche Tür verschlossen bleibt, hat Pacou schon mehr Schwierigkeiten. Gerade weil seine neuen Platten längst ganz anders klingen. Techno, klar, aber langsamer, reduzierter und dubbiger. “Meine eigenen Hörgewohnheiten haben sich in letzter Zeit auch Richtung House verschoben. Da passieren zur Zeit die spannenderen Dinge.

Ansonsten stecke ich halt im Tresor mit drin. Das lässt sich nicht ändern. Und weil das so ist, komme ich in Berlin auch nirgendwo anders rein. Abgesehen davon würde auch niemand Pacou für ein House-Set buchen”, stellt er fest und fügt dann an: “Je weiter ich mich von Berlin entferne, desto mehr Anerkennung bekomme ich. Das war schon immer so. Meine Residency im Tresor funktioniert eher wie ein Visitenkarte. Man ist da mit dabei und versucht den Leuten, die kommen, ein bisschen was zu erzählen.

Aber leider wurden beim Tresor seit der Wiedereröffnung eine Reihe gravierender Fehler gemacht, so dass es faktisch kein Stammpublikum mehr gibt und die Gäste, die kommen, eigentlich keinen wirklichen Zugang zu dem haben, was ich da musikalisch mache. Da kommt dann meist nur “Schneller! Härter!”, aber die Zeiten sind einfach vorbei, das kann nicht mehr der Sinn der Vorstellung sein. So eine Situation ist nur sehr schwer wieder umzubiegen. Das Ganze ist eine verfahrene Kiste. Ich frag mich oft, wie man den Tresor positionieren kann, um einen Schwerpunkt zu setzen, von dem noch einmal ein Impuls ausgeht.”

Erdumrundung

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Vor knapp vier Jahren gründete Pacou sein neues Label Cache Records. Ein Experimentierfeld, auf dem er seiner eigenen musikalischen Entwicklung Rechnung trägt. Denn was für den Tresor gilt, konnte man auch auf ihn übertragen. Ein neuer Impuls musste her. Da war ein eigenes Label ein logischer Schritt. Seitdem sind all seine neuen Platten und auch einige von befreundeten Produzenten wie Orlando Voorn, Mike Huckaby oder Jeroen auf Cache erschienen.

Stilistisch fügen sie sich nahtlos in den Sound ein, der in einem Club wie dem Berghain zu neuer Blüte gereift ist: im besten Sinne klassisch, aber mit einem Sound-Design, das fest in der Gegenwart verwurzelt ist. Während sich der internationale Jubel-Fokus auf Label wie Ostgut Ton oder Sandwell District konzentriert, arbeitet er ruhig an seinem Sound-Update weiter und verfolgt interessiert die Entwicklungen und den Hype um ihn herum. Nie so ganz im Mittelpunkt und im grellen Zentrum des Interesses gestanden zu haben, hat allerdings auch seine Vorteile.

Ein Hype, sei es um ein Label, einen Club oder einen Produzenten birgt immer das große Riskio, dass er sich irgendwann gegen einen wendet. Je größer der Hype, desto höher das Risiko. In all den Jahren ist Pacou von solchen Dynamiken verschont geblieben. Er hat konsequent sein Ding gemacht. Hat dem Techno-Urvater Juan Atkins als Engineer für dessen letztem Album auf Tresor zur Seite gestanden und mit seinen Geräten und Plattenkisten einige Male die Erde umrundet.

Die Anzahl seiner Bookings ist seit eh und je stabil, und wenn er auf seine bisherige Karriere zurückblickt und Bilanz zieht, fällt diese für ihn eindeutig positiv aus. “Bei mir war es immer relativ konstant. Das liegt aber auch daran, dass um mich nie eine große Welle gemacht worden ist. Ich war nie der Mainfloor-Rocker, der Hauptact, sondern eher der Support – und ich hab trotzdem gutes Geld verdient. Das hat mir immer den Rücken frei gehalten. Und ich konnte mich in Berlin von diesem ganzen Szene-Wirrwarr fern halten.

Das musste ich mir alles nicht geben. Dass ich die ganze Welt gesehen habe und mir mein Traum-Studio zusammenkaufen konnte, sind für mich die wesentlichen Erfolge, die ich vorweisen kann. Das ist so ein bisschen meine persönliche Bilanz. Ich bin froh, wenn ich unabhängig bin und Techno wie einem guten Hobby nachgehen kann. Ohne Kompromisse. Das ist mein Luxus.”

Ancient Methods

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Trias und Baeks sind zwei alte Weggefährten von Pacou. Bis sie dort vor kurzem “den Dienst quittiert haben”, waren auch sie langjährige Tresor-Residents. Neben dem kleinen, mittlerweile eingestellten Berliner Label Rampe D war Tresor auch das Label, auf dem sie im Rahmen der zwei “Headquarters”-Compilations zum ersten Mal als Produzenten in Erscheinung getreten sind.

Anders als Pacou hatten sie sich schon frühzeitig dagegen entschieden, einzig von der Musik leben zu wollen. Zu groß war für die beiden die Gefahr, dass lähmende Routine oder finanzielle Zwänge irgendwann den Spaß ersticken könnten. Während Trias nach Studium und Nebenjob bei Hardwax mittlerweile als Anwalt tätig ist, arbeitet Baeks bei einer Agentur für Medien-Betreuung. Angestachelt durch den Frust, den die Entwicklung von Techno im Allgemeinen und dem letzten Minimal-Hype im Besonderen bei ihnen auslösten, fingen sie vor knapp vier Jahren an, gemeinsam Tracks zu produzieren.

Techno, so wie sie die Musik verstehen und lieben. Hart, intensiv und unendlich dark. Vor zwei Jahren kam dann ihre erste gemeinsame EP unter dem neuen Projektnamen Ancient Methods auf dem gleich mit gegründeten gleichnamigen Label heraus. Mittlerweile sind sie bei Katalog-Nummer Vier und diese vier Emissionen stellen den zur Zeit vielleicht radikalsten Techno-Entwurf an der Schnittstelle zu Industrial und Noise dar, den man momentan auf Vinyl gepresst bekommen kann. “Ein konstitutives Element von Techno war für uns immer eine gewisse Radikalität.

Maschinenmusik. Mit Sounds experimentieren. Diese Wucht ist ja gerade, was uns seit ein paar Jahren fehlt. Ende der Neunziger haben wir zum Warm-Up oft Platten von Stewart Walker gespielt – als Intro. Heutzutage klingen alle Platten so. Da fehlt es uns an physikalischer Durchschlagskraft!”, erklärt Trias und Baeks ergänzt: “Es gibt nur noch selten Platten, die die Energie versprühen, die ich mit Techno verbinde.”

Das Artwork auf ihren Platten besteht aus einer biblischen Darstellung des Falls von Jericho, auf der die sieben Trompeten, die den Einsturz der Stadtmauern einläuteten, abgebildet sind. Diese Bildsprache entspricht nicht nur der Musik von Ancient Methods, die klingt, als wenn sie genau dafür gemacht wurde – Mauern zum Einsturz zu bringen, Konventionen zu erschüttern, Techno durcheinander zu wirbeln -, sondern auch dem Humor der beiden.

Auf ihren Projektnamen und das Artwork angesprochen, können sie sich dann auch ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ein ähnlicher Humor und Sound wird auch in Birmingham gepflegt, wo die Downwards, RSB und Counterbalance Posse um Surgeon, Regis und Female seit Jahren an ihrem hypermodenen Hybrid aus Industrial-, Techno- und Breakbeats feilen. Da wundert es nicht, dass gerade aus Englands Norden das erste positive Feedback kam und man mittlerweile auch Tracks bzw. Remixe auf den jeweiligen Labeln veröffentlicht hat.

“Die haben eine ähnliche Prägung. Zumindest scheinen wir einen ähnlichen Geschmack zu haben, was Techno angeht. Es gibt ja zur Zeit auch nicht so viel in die Richtung, da stehen die Chancen, dass man etwas voneinander mitbekommt, gar nicht so schlecht. Überhaupt klingt unsere Musik nicht wirklich anders. Man muss nur ein bisschen weiter in der Zeit zurück gehen. Da findet man dann schon genug Einflüsse”, wiegelt Trias ab.

Die Art und Weise, wie die beiden arbeiten, hat sich trotz des steigenden Interesses an ihrer Musik nicht geändert. Nach wie vor treffen sie sich alle zwei, drei Wochen und feilen an neuen, wuchtig-walzenden, polyrhythmischen Techno-Grenzgängern, die ihre Härte nicht aus der Geschwindigkeit ziehen, sondern aus dem unnachgiebigen Sandpapier-Schmirgeln, das den zähflüssigen Soundschlamm in Schach hält. Techno mit einem Herz aus berstend schwarzem Stahl.

Aus dem Special in De:Bug 136: TECHNO TECHNO

Ancient Methods, Fourth Method, ist auf Ancient Methods / Hardwax erschienen.

Demnächst auf Cache Records: Shawn Ruidman – Sanctuar:y 3375

http://www.myspace.com/ancientmethods
http://www.myspace.com/pacou
http://www.pacou.com

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. KurzeHoseAberKeinBrandenburger

    Es war im Sommer 09, nachts 30° C.

    Man steht vorm Tresen und bekommt gesagt: ABER NÄCHSTET MAL NISCH MIT KURZE HOSE!

    jaja. und mit lackschuhen, wa?

    ich muss dazu sagen, wir hatten keine langen pullover zu den kurzen hosen an und auch keine caps auf!

    und wir rufen auch nicht “JAWOLL” oder “ATTACKE”.

    lawl.

    ganz ehrlich: im tresor arbeiten nur hoschies, plattenleger ausgenommen.

    der sound ist immer noch sehr detroit-berlin, was mir persönlich gefällt. aber vielen isses zu viel, vor allem dem jungen, minimalorientierten techno-unerfahrenen publikum.

    ich werd von freunden auch immer gefragt, wieso ich da überhaupt noch hingehe. und warum da soviele tresor-t-shirts anhaben. was man wohl nicht macht, is wohl uncool.

    jaja, die zeiten sind hart geworden, wa. ich find german wasted youth viel uncooler.

    ich geh seit jahren aber auch lieber woanders hin, und zur zeit seh ich auch interessante neue bewegungen. horst, arena, suicide usw. usf.

    man muss sich aber das booking angucken, ne.

    und wenn die im tresor nur noch queer folks queer fetish parties und ostfunk machen wollen: nur zu.

    ATTACKE!!!!