Karl O’Connor schuf als Regis seine eigene extradarke Variante von Techno, die in der Zusammenarbeit mit Surgeon als British Murder Boys ihren Höhepunkt erreichte. Zusammen mit Dave Sumner arbeitet er jetzt mit den Releases auf Sandwell District an der Urform der Technodefinition: Anonymität.
Text: Gabriel Roth aus De:Bug 136

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Von Gabriel Roth (Text) & Johan Delétang (Bild)

Aus dem Special in De:Bug 136: TECHNO TECHNO

Sandwell District ist eigentlich der Name eines Bezirks in Birmingham, der Heimatstadt von Karl O’Connor alias Regis. Von dort betrieb er sein legendäres Label “Downwards”, das für harten, darken Techno stand. Mitverwurstet wurden hier Einflüsse von Industrial, Musique Concrète und dem, was man laut Regis in den 80ern noch “Trance” nannte.

“Bevor der Begriff vergewaltigt wurde und verkauft. Eine Musik, die einen Hypnosezustand hervorrufen kann. Diese Trance-Zustände interessierten mich. Wir konstruierten Dream-Machines – wie von William Bourroughs beschrieben -, eine Art von Lichtorgel, die dich durch ihr flackerndes Licht in Trance versetzt. Das ist noch immer der Zustand, den wir zu erreichen suchen, wenn wir unsere Tracks aufnehmen. Wir nennen es das Mantra: ein meditativer Zustand, der durch hypnotische Loops und Klänge hervorgerufen wird.”

Hat sich Regis also schon vor der Ankunft von Techno mit elektronischer Musik beschäftigt?
“Techno war nicht meine erste musikalische Entdeckung. Als diese Geschichte in England so etwa 1989 losging, hatte ich schon einige Jahre elektronische Musik produziert und fand es sehr schwer, die beiden miteinander auszusöhnen. Der Club-Aspekt hat mich immer verwirrt, da geht’s ja bloß ums Tanzen. Wir hingegen schauten immer über den Rand des Dancefloors hinaus. Was mir an Techno wirklich revolutionär erschien, war, dass diese Musik die DNA von Rock’n’Roll aufbricht, wie es früher schon Punk versuchte. Nicht mehr immer nur Verse-Chorus-Bridge, sondern eben ein einziger hypnotischer Groove.”

Hinter den Tanzflächen

Das Über-den-Dancefloor-hinaus-Schauen wird niemand abstreiten. Besonders in seinem Projekt Projekt British Murder Boys, das er zusammen mit dem, auch aus Birmingham stammenden Surgeon betrieb, lotete Regis die Extreme von Techno aus. Totale Dunkelheit. “Wir versuchten, Elemente aus der Performance-Kunst mit in die Sets zu integrieren”, sagt er, “und ich glaube, dass wir diese ganze Sache zu ihrem natürlichen Ende gebracht haben.

Die tatsächliche Definition von Wahnsinn ist es ja, etwas immer und immer wieder zu tun, und in diese Richtung ging das. Solche Geschichten bergen immer die Gefahr, dass du zu einer Parodie deiner selbst wirst, und diesen Punkt hatten wir wohl erreicht.” 

Alte Bekannte

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Nun zieht ein neues Projekt von Regis die Aufmerksamkeit auf sich: Sandwell District, noch in Birmingham als Nebenprojekt zu Downwards begonnen, scheint erstmals ein Bruch mit der alten Klangästhetik zu sein – deutlich weniger schroff im Klang, modernisierte, also heruntergeschraubte Tempi. Hat er keine Lust mehr auf Revolte?

“Sandwell District ist bedeutend geplanter”, sagt Regis. “Was jedoch immer noch bleibt, ist die Spannung. Wir befinden uns am Rande eines Abgrunds, das ist der Zustand, den ich mag. In welcher Form diese Spannung dann stattfindet, ist sekundär, aber sie drückt immer durch”. Wenn die Musik auf Sandwell District, auf dem neben Regis und Function noch Silent Servant und Female veröffentlichen, auch weit weniger tost, so bezieht sie ihre Energie doch aus der gleichen Lebenswelt – das Abwärts! des Birmingham Sounds schwingt noch mit.

Function

Mit seinen grauen, zurückgekämmten Haaren, dem Bart und der immer präsenten verspiegelten Fliegerbrille könnte man Dave Sumner auf den ersten Blick eher für einen passionierten Rock’n’Roll-Sammler halten als für einen Techno-DJ und Produzenten. Doch fällt einem bald die Blässe seines Teints auf, die erahnen lässt, dass er seine Zeit in abgedunkelten Studios verbringt. Auf seinem linken Unterarm prangt eine tätowierte Feder. 

Sumner ist der neue Labelpartner von Regis. Unter dem Alias Function veröffentlicht er seit den Mittneunzigern bleepigen Techno. Und der gebürtige New Yorker ist der Produzent der zwei Platten auf Sandwell District, die bislang die größte Aufmerksamkeit bekommen haben. Die Tracks auf “Isolation” und “Anticipation” bestehen aus elegant arrangierten Bleeps mit Anleihen bei Sleeparchive, die jeweils auf ein großen Euphoriemoment aufbauen: Das Abtauchen des 808-Rimshots im Kavernenhall. Musik, die sehr gut den State of the Art von Techno beschreibt. Von unnötiger Hast befreit, die Härte vergangener Technohochtage sublimierend.

In der Tat besteht auch eine Verbindung zu Sleeparchive: Nachdem Function ihn für eine Party in New York gebucht hatte, gab er gleich den ersten Remix der Berliner Produzenten für “Infrastructure” in Auftrag. 
Der Erfolg von “Isolation” und “Anticipation” übertraf alle Erwartungen, wie Function sagt: “Wir bekommen im Moment sehr viel Aufmerksamkeit, viel mehr, als wir uns je erhofft oder gewollt haben. Die Anerkennung tut gut, aber im Moment fühlen wir uns, als ob wir die Sache nicht mehr steuern können.

Wir überlegen sogar, das Label zu stoppen. Wir wollten einfach nur undergroundige Technoplatten veröffentlichen. Deswegen steht auf meinen neuen Releases auch nicht mehr mein Name. Der Hype quält mich. Plötzlich waren da all diese Menschen, die auf meine nächstes Release warteten. Deswegen laufen die Platten nun unter N/A.” 

N/A bedeutet Not Applicable, nicht zutreffend, nicht anwendbar. Man reiht sich also in eine lange Techno-Tradition ein, die den Fokus weg vom Künstler und hin zum bloßen Produkt lenkt. “Weißt du”, sagt Function, und ein rares Lächeln spielt um seine Lippen, “aus Techno wurde in den letzten Jahren diese seltsame, schamlose Selfpromotion-Maschine. Die Leute kümmert nichts. Hauptsache, sie sind on top. Ich glaube, das ist ein Grund, weshalb Sandwell District so gut läuft, aus dem gleichen Grund, weshalb Hardwax und die Labels in seinem Dunstkreis so gut funktionieren.

Wohin nun?

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“Seit einer Weile betreiben wir einen Blog, und um diesen, uns nun umgebenden Widerständen Ausdruck zu geben, haben wir ihn “where next?” genannt. Zuerst war Sandwell District bloß eine Möglichkeit, Tracks zu veröffentlichen, die herumlagen, ein weiteres kleines, zielloses Kunstprojekt, aber nun haben wir plötzlich das Gefühl, unter einem Mikroskop zu liegen und beobachtet zu werden.

Wir könnten sehr einfach eine Menge mehr an Musik veröffentlichen, aber wir versuchen, die Anzahl der Veröffentlichungen knapp zu halten, damit die Sache sich nicht in etwas entwickelt, was wir nicht mehr handhaben können. Wir folgen keinem Businessplan, wir arbeiten an der Peripherie der Technoindustrie und wollen explizit einen gewissen Abstand zu ihr wahren. Die ganze Promotion hilft gar nicht, mehr Platten zu verkaufen, sie hilft bloß, mehr Hype zu generieren.”

Flucht aus New York

Function hatte in New York mehrere Partyreihen laufen. Weshalb hat er der Stadt den Rücken gekehrt?
“Ich zog zuerst vorübergehend nach Berlin, aber einmal hier, merkte ich, dass sich in meinem Leben etwas verändern musste. Hier in Berlin habe ich erreicht, was ich in zehn oder zwölf Jahren in New York nicht erreichen konnte. Vieles davon hat damit zu tun, mit Regis in der gleichen Stadt zu leben, mit ihm so eng zusammenzuarbeiten.

Die ganze Zeit über, als ich in New York Partys veranstaltete, fühlte ich mich nie wohl in der Rolle des Promoters. Aber die Musik, die mich interessierte, wurde in New York nicht repräsentiert. 91 bis 93 war die Szene in New York toll, wir hatten das ‘Limelight’, viele Clubs mit Techno-Nächten, das New Music Seminar, etwas Ähnliches wie die Winter Music Conference. Da spielten dann Kevin Saunderson, Juan Atkins, Jeff Mills, Dan Bell und Richie Hawtin, alle an einem Wochenende.

Der einzige Grund, weshalb ich dann Partys veranstaltete, war ein Gefühl der Verpflichtung: Wenn ich es nicht tat, tat es niemand. Aber jetzt, wo ich in Berlin wohne, ist das eine ganz andere Geschichte. Ich habe meine Party, die im New Yorker “Bunker” mit 300 Leuten pro Woche stattfand, mit Berlin ausgetauscht: jede Nacht zehn verschiedene Partys”.

Aus dem Special in De:Bug 136: TECHNO TECHNO

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