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Text: aram lintzel aus De:Bug 31

/buch Behauptungsbeats Nochmal: Technotheorie Achtung, Achtung! Hier spricht das 80er-Jahre-Berlin/West: Behauptungsorgien, Philosophiegeschichte in the Mix, intellektueller Grössenwahn, Baudrillard/Deleuze in Anwendung und schwarze Klamotten – lauter schöne und vergängliche Dinge des bald schon vorletzten Jahrzehnts werden dreist zu neuem Leben erweckt. Zu verdanken ist dies Tom Lamberty und Frank Wulf, zwei alten Weggenossen des 1996 mit 31 Jahren verstorbenen QRT (sprich: “Kurt”). QRT war meinen Nachforschungen zufolge ein stadtbekannter Part-Time-Theoretiker, Freie-Universität-Berlin-Aktivist, Seminarderwisch und Partygänger. Die beiden haben diverse Schriften, Vorträge und Seminartexte von Markus Konradin Leiner, wie QRT amtlich hiess, vor dem Festplattenzerfall gerettet und gedruckt unter dem Titel “Tekknologic Tecknowledge Tekgnosis. Ein Theoremix” zugänglich gemacht. Während das kürzlich ebenfalls bei Merve erschienene QRT-Buch “Schlachtfelder der elektronischen Wüste” vom Golfkrieg und dem modernen Medienhelden handelte, ist das Themenspektrum nun wesentlich weiter gefasst: Porno, Berliner Massenmörder, Organspende, Drogen und so manches andere, nicht gerade naheliegende Thema wird auf eigenwillig mäandernde Weise verhandelt und – ganz im Sinne der 80er – zu apodiktischen Bonmots verdichtet. Beispiele gefällig? Here you go: “Die bürgerliche Kultur ist die onanistische Gesellschaftsform schlechthin. Selbstbewusstsein, Leistungsprinzip, Bildung, das sind Reflexe auf das Onanieverbot.” Oder: “Das Serial Killing ist das Coming Out des arbeitslosen Ostlers.” Oder auch: “Heroin übertreibt den Kapitalismus bis auf den Punkt, an dem das Geld gerade nichts mehr gilt und seine Tauschwertfunktion verliert.” Ja, stimmt. Amen. Und jetzt? Sagt uns dieses Buch eigentlich etwas über Techno? Nun, anders als es der Titel vermuten lässt, handelt mit “Tekknologic als Tekknowledge” lediglich einer der insgesamt 12 Texte von der kulturell-sozialen Formation Techno (sieht man einmal von der Textminiatur “eXTerminiCider” ab, welche sich mit der “Techno-Droge” Ecstasy befasst und sie in ihren Innen- und Aussenwirkungen zwischen Haschisch und Heroin ansiedelt). “Tekknologic als Tekknowledge” versucht eine Analyse des Phänomens Techno, das QRT als eine Wiederbelebung archaischer Initiationsrituale darstellt. Zugleich sei die Techno-Bewegung “eine militärische Organisation, die im Raum der Diskothek den Medienkrieg ausficht”, weshalb mit Techno der “paramilitärische Krieger” auferstehe. Zum Ende arbeitet QRT dann noch fünf musikalische Aspekte heraus, die “den Techno”, wie es seltsam personalisierend heisst, “von der Popmusik dezidiert abheben”: der Remix (weil er die Identität des Stückes zerstört), der Subliminal (Frequenzen, die nicht hörbar sind, aber trotzdem auf den Körper wirken), der Boomerang-Effekt (durch den sich Sounds selbständig verändern), das Sampling und das “Überhörigkeits-Syndrom”, durch welches “die hörbaren Unterschiede zwischen den Mixes verschwinden”, so dass “Techno eine Generation von Musikwissenschaftlern ausbildet”. “Subliminal”, “Überhörigkeit” – QRTs augenscheinliche Freude an kryptischen Wortschöpfungen verschleiert die manchmal doch fehlende Originalität seiner düsteren und ziemlich eitlen Mini-Katechismen. Doch auch wenn hier deutlich wird, dass der Mind-State der 80er von gegenwärtigen (Denk-)Realitäten Lichtjahre entfernt ist, lohnen doch einige catchy Thesen den Erwerb dieser kruden Kompilation. Natürlich hat man gegen jede von QRTs Behauptungen 1.000.000 Gegenbehauptungen parat, was aber nichts macht, im Gegenteil. Denn wie schreibt QRT in seiner kurzen “Theorie des Bösen” so richtig: “Jemandem in einer Diskussion recht zu geben, bedeutet schon, ihn übers Ohr zu hauen und in eine Falle zu locken; abgesehen davon verbreitet es nur Langeweile.”

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Elektronische Lebensaspekte.