1.6.01, Freitag Nacht in Tel Avivs Pacha-Club. Ein palästinensischer Selbstmord-Attentäter sprengt sich und 20 Gäste in der Warteschlange in den Tod. Nach einer kurzfristigen Ausgehsperre haben die Clubs wieder geöffnet. Alles beim Alten?
Text: anett frank | anettfrank@debug-office.de aus De:Bug 49

Kabel TV statt Disco
Der Krieg erfasst das Nachtleben in Tel Aviv

Ronen Eidelman, Redakteur des “42°”, Magazin für zeitgenössische israelische Kultur, berichtet am Telefon aus Tel Aviv.
De:Bug: War dieser Anschlag das erste Attentat, das direkt das Nachtleben, sprich Clubs oder Diskos fokussierte?
Ronan: Das war der erste Anschlag, der nachts auf einen Club “erfolgreich”, d.h. mit Personenopfern, ausgeübt wurde. Alle Anschläge ereigneten sich bisher morgens. Das ist der große Unterschied. Sonst hatte niemand Angst, nachts auf die Straßen zu gehen. Man wusste, man sieht sich in den Morgenstunden vor oder vermeidet zu dieser Tageszeit, auf die Straße zu gehen. Nach dieser Tat realisiert man immer mehr, dass derlei Anschläge jederzeit und an jedem Ort der Stadt ausgeübt werden können.
Die Menschen sind verwirrt. Man glaubte an den Friedensprozess. Man begann schon, sich mit den Leuten der Gegenseite zu verständigen und zu kommunizieren, aber momentan ist das wegen der Fundamentalisten beider Seiten nicht möglich. Es gab eine Menge Optimismus seit Beginn der 90er Jahre. Bis zu diesem Jahr. Jetzt sitzt die Enttäuschung der Leute aber so tief, dass es fast unmöglich scheint, sich erneut anzunähern. Viele Menschen graben sich regelrecht ein, indem sie keine Nachrichten mehr verfolgen, keinerlei Zeitungen lesen, Drogen nehmen oder sich künstlerisch betätigen. Man schaut nur noch Kabel TV. Du musst eben nicht nachdenken, sondern nur der Situation entfliehen. Das ist es eben, was die Menschen momentan so zulassen können.
De:Bug: Sind Gegenangriffe bzw. Vergeltungsanschläge geplant. Wie wird der Schock verarbeitet?
Ronan: Ich kann nur für mich sprechen. Ich versuche als Journalist, die unterschiedlichen Meinungen einzufangen, die nicht gehört werden. Ob die Leute zuhören, darüber bin ich mir im Moment aber nicht mehr sicher. Denn es ist schwer zu verstehen oder zuzuhören, wenn Waffen sprechen und man die Leute nicht mehr reden hört. Jede Woche, wenn ich auf Technoparties gehe und anfange zu tanzen, ist das eine Flucht für mich, und ich habe Energie, nächste Woche wieder zu arbeiten. Ich kann ein bisschen nachdenken, sehe Freunde und tanze. Auf eine Art ist das nach dem Attentat, das genau diesen Zufluchtsort getroffen hat, nicht mehr möglich.
De:Bug: Aber es werden weiterhin Parties organisiert?
Ronan: Ich weiß, dass Leute immer noch Parties organisieren. Wenn du mich letzte Woche Samstag gefragt hättest, hätte ich es bezweifelt. Aber z. B. heute Nacht laufen wieder Parties, vielleicht kleiner als sonst. Und die Türsteher geben acht, die Leute schnell einzulassen. Gestern war ich auf einer Party, recht klein, etwa 200 Leute, nur mit lokalen DJs, weil allen gebuchten DJs abgesagt wurde. Es herrscht momentan eine andere Stimmung als sonst, ich würde fast sagen, sie ist intimer. Wir machen einfach und denken nicht darüber nach. Einige machen Witzchen über die Situation: Sie habe auch etwas Gutes für die lokalen Heros, denn wenn die angesagten und bekannten DJs ausfallen, wird den lokalen mehr Gehör geschenkt.

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Elektronische Lebensaspekte.